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Globetrotter André Lüthi: «Schoggi verschenken ist immer falsch»

Datum

18. Juni 2026

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Home 9 Tourismus 9 Globetrotter André Lüthi: «Schoggi verschenken ist immer falsch»

Soll man einheimischen Kindern auf Reisen Geld oder Schokolade geben? Beides sei falsch, sagt André Lüthi. Der Chef der Globetrotter Group verrät, was er selber an Geschenken mitführt und worauf man frühzeitig achten sollte.

Süsse Geste oder koloniales Fettnäpfchen? Nach seinem Schoggi-Debakel in den dunklen Gassen von Marrakesch holt sich der Internaut Rat bei André Lüthi, Chef der Globetrotter Group.

Was lief da schief, als es plötzlich zur Eiszeit mit den marokkanischen Jungs kam? Was könnte man besser machen? Richtet Schenken gar Schaden an?

Globetrotter André Lüthi über Bakschisch, Schoggi und Bargeld

Einer, der schon in über 100 Ländern dieser Erde unterwegs war, müsste es wissen. André Lüthi, Chef der Globetrotter Group, nimmt Stellung: Warum Toblerone im Rucksack die falsche Strategie ist, und wie man Reise-Konflikte schnell richtig einschätzt.

Das Interview über Bakschisch, Bargeld und Prinzipien.

Globetrotter Group Chef André Ändu Lüthi im Interview mit dem Schweizer Reiseblog der Internaut
Chef der Globetrotter Group und selber ein überaus aktiver Globetrotter: André «Ändu» Lüthi über Geschenke auf Reisen. Und Konflikte, die sich daraus ergeben können. (Adrian Moser)

Geld oder Schokolade geben? Wie hätten Sie in meiner Marrakesch-Causa entschieden?
Beim Thema Geld so wie der Internaut. Es war sicher richtig, kein Geld zu geben. Zur Schoggi kommen wir noch. Was aber in diesem Fall noch richtiger und wichtiger gewesen wäre: Die Situation gleich zu Beginn richtig einzuschätzen.  

Wie meinen Sie das?
Was Ihnen da passierte, ist ein Klassiker, der in Ländern wie Marokko, Indien, Peru oder Vietnam ständig zur Anwendung kommt. Ich nenne es den «I-show-you-the-Way-Business-Case»: Kinder, aber auch Erwachsene, bieten Hilfe an – und erwarten danach unausgesprochen eine Belohnung.

«Geld-Gaben führen dazu, dass Bettelei noch stärker an Kinder delegiert wird.»

Andre Lüthi, Globetrotter

Was also soll man tun?
Als Tourist handelt man dann richtig, wenn man dieses Unausgesprochene gleich zu Beginn zum Thema macht. Im Falle des Internauten in Marrakesch beispielsweise so: «Das ist sehr lieb, dass ihr uns den Weg zeigen wollt – aber ich kann euch nichts geben dafür.» An touristischen Orten ziehen die Kids dann in neun von zehn Fällen gleich wieder ab. An kleineren und weniger touristischen Orten kann es anders sein.

Kinder für ihre Leistungen mit Geld entlöhnen – ist das für Sie immer ein No-Go?
In aller Regel schon. Geld-Gaben führen dazu, dass Bettelei noch stärker an Kinder delegiert wird. Dahinter stecken oft ganze Banden. Touristen finanzieren so ein System, das niemand gutheissen kann. Problematisch finde ich in diesem Zusammenhang übrigens auch überhöhte Trinkgelder – weil sie ein ganzes Gefüge durcheinanderbringen.

In der Medina von Marrakesch, Marokko, ein Mann läuft in einer der typischen Gassen, die mit roten Ziegeln ausgestattet sind
Gassengewirr von Marrakesch: Malerisch bei Tag, oft verwirrend bei Nacht (Internaut).

Sie machen also in Sachen Geld für Kinder nie eine Ausnahme?
Sozusagen nie. Es sei denn, die Umstände rechtfertigen es. Kürzlich kam ich in Tibet in Kontakt mit einem Kind, das krank war. Den Eltern fehlten nicht nur die Mittel zur Behandlung, sondern auch das Geld für den Bus bis zum Arzt. Da habe ich Geld gegeben. Aber nicht dem Kind, sondern seinen Eltern.

Ist es grundsätzlich besser, Schokolade statt Geld zu verschenken?
Davon halte ich gar nichts. Schoggi und andere Süssigkeiten zu verschenken ist immer falsch. Weil man die Kinder so zum Fall für den Zahnarzt macht, der in den allermeisten Fällen weit weg ist und von den Familien kaum bezahlt werden kann. Westliche Touristen haben in solchen Fällen eine Verantwortung – und darauf sollten sie von Schweizer Reiseveranstaltern stärker hingewiesen werden.

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Gibt es überhaupt eine Form von Belohnung, zu der Sie raten würden?
Wenn schon, würde ich mit den Kindern in einen Laden gehen und ihnen etwas zu essen kaufen. Das mache ich übrigens auch in der Schweiz so. Kürzlich hat mich jemand im Bahnhof Bern um einen Franken angebettelt. Ich ging mit ihm in den Laden, kaufte ihm zwei Äpfel – und er war happy.

Haben Sie darüber hinaus eine Bakschisch-Strategie?
In Nepal, wo ich oft hinreise, beschenke ich Kinder manchmal mit Malstiften oder Malbüchern. Weil das in den dortigen Schulen oft Mangelware ist. Für Guides und Sherpas führe ich Mini-Sackmesser in Form von Schlüsselanhängern mit. So ein Victorinox-Messerli, nur wenige Zentimeter lang, ist nützlich und hilft bei der täglichen Arbeit.

«Selbst in meinem kleinsten Reisegepäck ist immer Platz für 10 bis 20 Postkarten aus der Schweiz.»

André Lüthi, CEO der Globetrotter Group

Und was ist sonst noch im Gepäck?
Selbst in meinem kleinsten Reisegepäck ist immer Platz für 10 bis 20 Postkarten aus der Schweiz. Sujets wie eine Kuh vor dem Matterhorn oder eine Kirche im Emmental kommen immer erstaunlich gut an. Wenn ich dann sage: «So leben die Eingeborenen bei uns», oder – im Hinblick auf die Kirche – «das ist unsere Moschee», dann sorgt das für Freude und Verblüffen.

Wäre das auch eine Idee für den Internaut-Konflikt im nächtlichen Marrakesch gewesen? Postkarte statt Geld und Schokolade?
Wer weiss? Für offene Münder wäre damit bestimmt gesorgt gewesen.

Ändu Lüthi, CEO des Reiseveranstalters Globetrotter Group, Schweiz
André Lüthi (Adrian Moser).

André Lüthi: Weltoffener Weltenbummler

André «Ändu» Lüthi ist ein elder Statesman der Schweizer Reisebranche. Der Berner Touristik-Profi, geboren 1960, ist Verwaltungsratspräsident, CEO und Mitinhaber des Schweizer Touristik-Unternehmens Globetrotter Group.

«Reisen ist die wichtigste Lebensschule», sagt Lüthi, der dafür plädiert, weniger, dafür länger zu reisen. Der gelernte Bäcker/Konditor ist Vorstandsmitglied des Schweizer Reiseverbandes SRV und dort Verantwortlicher der Fachgruppe Politik.

Bevor der Internaut ein Hotelzimmer verlässt, formt er auf dem Bett immer ein grosses Herz, geformt aus Napolitains, also kleinen Schweizer Schokolade-Täfelchen. Ist das eine gute Sache – oder wäre hier Geld besser?
Das klingt wie eine hübsche Idee und bereitet jenen Leuten, die das Zimmer machen, bestimmt Freude.

Was hinterlassen Sie im Hotelzimmer?
Ich gebe jeweils Geld. Was sicher auch funktionieren und für noch mehr Freude sorgen könnte: In der Mitte des Schoggi-Herzens ein Nötli hinlegen. Oder, je nach Länge des Aufenthaltes: ein paar Nötli.

Autor:in

Andreas Güntert

Andreas Güntert

andreas.guentert@derinternaut.ch

Seit 1994 erforscht und beschreibt Andreas Güntert hauptberuflich als kritischer Sympathisant der Wirtschaft die Schnittstellen von Konsum, Gesellschaft und Reise-Industrie. Als Reiseblogger der Internaut lotet er das Reise-Internet aus. Der Internaut ist ein Storyteller – unabhängig, munter, pointiert. Und immer seinen Leserinnen und Lesern verpflichtet.

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