Marrakesch by Night: Der Internaut verliert die Orientierung und findet sich in einem touristisch-moralischen Dilemma wieder. Wie hättest Du reagiert?
Zweiter Tag in Marrakesch. Die Medina der Tausendundeinenacht-Stadt ist kein Stadtteil, sie ist eine logistische Herausforderung. Ein Labyrinth aus Düften, Motorrädern, Eselkarren und Gassen ohne Ende.
Zauberhaft am Tag – aber zunehmend schwieriges Terrain, wenn es dunkel wird. Und noch schwieriger, wenn es um ein touristisch-moralisches Dilemma geht: Kindern Geld geben auf Reisen?

Aber der Reihe nach. Die Internautin und ich waren komplett orientierungslos auf der Suche nach unserem Hotel. Die Richtung stimmte, aber auf den letzten 500 Metern kollabierten das interne wie das elektronische Navi. Das Setting: Zappenduster, schwarze Nacht. Energetisches Lichterlöschen.
Unerwartete Hilfe aus der Seitengasse
In einer Seitengasse: zwei Knirpse, vielleicht acht und zehn Jahre alt, die einen Fussball kickten. Sie sahen unsere ratlosen Gesichter. «Suchen Sie etwas?» fragten sie. Wir bejahten. «Riad Tawargit?», errieten sie zielsicher. Sie würden den Weg kennen, sagten die Kids, und könnten uns hinführen.
Abgemacht. Die Jungs liefen voraus, die Stimmung war prächtig. Auf dem Weg kickte der Internaut den Ball mit den Jungs hin und her. Ein magischer Reisemoment, dachten wir. Nach wenigen Minuten standen wir vor dem Riad. Zielsicher abgeliefert. Grand merci und shukran!
Aus zwei Helfern werden drei
Für uns war klar: Diese sympathische Hilfeleistung verdient eine Belohnung. Da wir aus Prinzip und für genau solche Fälle Schweizer Notvorrat mitführen, stieg die Internautin kurz aufs Zimmer, um Schokolade zu holen.
Ich wartete unten mit den Kids. Inzwischen hatte sich ein dritter Junge dazugesellt. Älter, etwa fünfzehn, lässig-dominierende Art. Die beiden kleineren akzeptierten ihn sofort als Anführer. Das Trio zeigte mir noch ein paar Jonglier-Tricks mit dem Ball. Wie sagt doch die Fifa: «Fussball vereint die Welt». Reine Idylle.
Sie hielt nicht lange an.
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Zur AnmeldungToblerone-Diplomatie versagt total
Die Internautin kam zurück und offerierte die Belohnung: Mini-Toblerone, grosszügig portioniert. Plötzlich riss der Film. Die Stimmung kippte im Bruchteil einer Sekunde von heiter auf eisig.
Der Fünfzehnjährige – der beim Wegsuchen keinen Finger gerührt hatte – übernahm das Kommando. Aggressiver Unterton, forscher Blick: «Wir wollen keine Schokolade. Wir wollen Geld!»
Der unbestellte Pop-up-Paartherapeut von Marrakesch
Kurzer, intensiver Krisengipfel auf Schweizerdeutsch. Mein Bauchgefühl sagte sofort: Nein. Kein Geld. Das merkte der ältere Junge. Er fixierte die Internautin und schoss verbal scharf: «Dieser Mann ist schlecht für dich. Er beeinflusst dich negativ!»
Päng! Da trat also ein unbestellter Paartherapeut auf. Hätte ich auch dafür bezahlen müssen? Und zu welchem Sitzungshonorar? Psychologische Kriegsführung in den Gassen von Marrakesch.
Bakschisch-Conclusio: Schokolade ist besser als gar nichts
Wir blieben hart: Kein Geld. Die Internautin, smart wie immer, reagierte clever und konsequent und fragte die Buben: «Dann also auch keine Schokolade?» So weit ging der Stolz dann doch nicht.
Die Jungs griffen zu (am herzhaftesten der Pop-up-Paartherapeut), schnappten sich die Toblerone und zogen ab. Ruhe in der Gasse – aber in meinem Herz, Bauch und Kopf rumorte es.

Dilemma der Tourismus-Ethik: Kindern Geld geben auf Reisen?
Zurück blieb auch Tage später noch ein schales Gefühl. Und eine touristisch-moralische Grundsatzfrage, die mich seither umtreibt: Wie gehe ich als Reisender mit Geldforderungen von Minderjährigen um? Kindern Geld geben auf Reisen – soll man das?
Mein Prinzip ist eigentlich felsenfest: Kindern gibt man auf Reisen kein Geld. Weil Geld für Kinder den Schulabbruch fördert, sie für kriminelle Banden attraktiv macht und für Neid und Konflikte sorgt. Ferner kann es das familiäre Gefüge zerstören, wenn die Kleinen plötzlich mehr verdienen als die Eltern. Schokolade ist der vermeintlich saubere Kompromiss.
Schokolade oder Geld – was hättest Du gemacht?
Aber stimmt das? Oder ist die süsse Schweizer Spende am Ende nur eine koloniale Geste, die den echten Hunger nach harter Währung ignoriert?
Haben wir richtig gehandelt – oder waren wir einfach nur sture Prinzipienreiter und hätten easy ein paar marokkanische Dirham oder Euro springen lassen können? Soll man beim System der kleinen Gaben und Erwartungen anders agieren, wenn statt Erwachsene Kinder involviert sind?
Jetzt frage ich hier mal in die Runde: Was hättest Du getan? Bei diesem marokkanischen Business-Case (oder Bakschisch-Case?) sehe ich vier oder maximal fünf Möglichkeiten:
- Geld geben, weil die Dienstleistung erbracht wurde.
- Nur Schokolade geben.
- Geld und Schokolade geben.
- Aus Protest (und aus Prinzip) gar nichts geben.
- Toblerone war schlicht die falsche Marke. Ich gebe in der Regel immer Schokolade von …… (bitte hier einsetzen)
Sagt es mir in den Kommentaren. Diejenige Bemerkung, die mir am besten gefällt (oder am stärksten einleuchtet), wird belohnt. Und zwar in dieser Schweizer Welt-Währung.
Kindern Geld geben auf Reisen? Das sagt André Lüthi, Chef der Globetrotter Group
Weil mir das Thema keine Ruhe gelassen hat, habe ich mir Rat geholt. Bei einem Elder Statesman der Schweizer Touristik, bei André Lüthi, dem weitgereisten Chef der Globetrotter Group.
Lüthi hat eine klare Meinung dazu, was geht und was nicht geht. Und erzählt, welche Geschenke er selber auf Reisen mitnimmt. Die Antwort wird Dich verblüffen. Weil sie auch die Beschenkten regelmässig verblüfft. Hier gehts zum Interview mit Globetrotter-Group-Chef André Lüthi.

Schwierige Situation – aber davon lebt das Reisen.
Ich bin ganz bei Dir – sicher kein Geld.
Toblerone ist gut zum Verschenken (und nur dafür).
Hallo Daniel, danke für Deinen Input. Gleiche Meinung beim Geld wie ich also. Entnehme ich Deiner Antwort ferner richtig, dass Schoggi für Dich in solchen Situationen auch eine harte Währung ist? Und welche Schoggi ist Dir für die persönliche Anwendung lieber? Neugierig, -andreas aka der Internaut-
Ich bin zu weich, um mir Gedanken darüber zu machen, wie denn der Charakter der Kids verdorben werden könnte, wenn ich etwas Geld gebe. Also gebe ich. Hätte ich Schokolade dabei, dann würde ich die auch noch geben. Aber ich bin zu faul, um deswegen extra nochmals ins Hotel-Zimmer zu rennen. Also Geld. Oder Kugelschreiber? Ich war mal mit einer Reisegruppe in Marokko – im ländlichen teil. Man hat uns empfohlen, Bleistifte und Kugelschreiber für die Kinder mitzunehmen. Die haben sich über die Geschenke sehr verhalten gefreut. Allerdings mussten sie nichts machen. Nur zur richtigen. Zweit am richtigen Ort stehen. Ich finde es nicht unethisch jemandem Geld zu geben, der es braucht. Gerade, wenn er einem aus einer Notsituation geholfen hat. Ohne die Jungs könnet Ihr ja sonstwo abgeblieben sein. Doch ich verstehe das Dilemma. Was macht Ihr denn bei Obdachlosen in den westlichen Grossstädten und den Bettlern? Meine Devise (lustiges Wort im Zusammenhang mit Geld). 1. Haben die einen Hund dabei, der ernährt werden muss, dann gebe ich Münzen, wenn ich was dabei habe. 2. Vollbringen die Leute irgendeine Leistung (Musik spielen, singen, tanzen, unbewegliches Denkmal darstellen, Gedichte rezitieren etc.), sie muss nicht toll sein, dann gebe ich auch was. Wer nur da sitzt und ev. davon ausgegangen werden kann, dass er aus einer Osteuropäischen Gang dorthin gesetzt wurde, kriegt nichts. 3. Ich gebe auch was, wenn ich keine Blumen kaufe oder kein Surprise lesen will. Lieber Gruss Andy
Ciao Andy, vielen Dank für Deinen Beitrag. Ich bewundere, wie strategisch Du da vorgehst. Bei mir ist das sehr viel situativer. Und eben, beim Geld für Kids bin ich super-zurückhaltend. Guter Gruss und gern bis bald, -andreas aka der Internaut-
Schoggi okay, Chlotz nöd !
Ich habe gar nicht gewusst, dass man eine derart verzwickte Sache in nur vier Wörtern beantworten kann. Du hast es geschafft, lieber René Edward, vielen Dank und guter Gruss, -andreas aka der Internaut-
Ich war vorerst Team Andy: Aufs Zimmer springen, hätte ich vermutlich nicht gemacht, sondern ein paar Dirhams oder Euros rausgeklaubt. Nur: Ich bin mittlerweile stets geldlos unterwegs, was es nicht einfacher macht. Und kleine Kids, die einem mal kurz den Weg zeigen und dann dafür Geld, find ich immer schüüüdeli mühsam. Das gleiche mit den rumlungernden Jungs am Bahnhof, die dir kurz helfen, den Koffer die Treppe runterzutragen und dafür was verlangen. Für mich gehört das irgendwie zum guten Umgangston miteinander. Darum bin ich nach einigem Hin und Her mittlerweile bei dir: Schoggi (oder nicht schmelzende Guetzli) it is und gehört auf dem nächsten Trip in die Handtasche.
Hallo Tina, danke Tina. Dann also auch Team Schoggi. Oder Guetzli. Wobei: An Guetzli habe ich lustigerweise noch gar nie gedacht. Für mich galt bisher immer: Schoggi ist die härteste Währung. Aber bei hohen Temperaturen schmilzt dieses Argument jeweils relativ schnell zusammen. Lieber Gruss, -andreas aka der Internaut-
Willisauer Ringli sind immer lustig. Vor allem die Präsentation der Ellbogenzertrümmerung.
Der Internaut dankt rüdig. Diese Lozärner Ellenbogensache war mir neu. Handelt es sich dabei um diesen Crack-Hack? https://www.facebook.com/reel/467366221647461