Wohnen im Tiny House ist der letzte Schrei der Wohlstandsgesellschaft. Auch für Reisen und Ferien gewinnt das Mini-Haus an Beliebtheit. Wie sehr entspannt man sich, wenn es platzmässig eng kommt? Eine Selbsterfahrung auf zehn Quadratmetern Urlaubsfläche.

Wenn ich beurteilen soll, ob ein Trend-Thema in der breiten Schweizer Öffentlichkeit angekommen ist, wende ich eine ganz einfache Fragestellung an: Hat das «Migros-Magazin» schon gross berichtet darüber?

Immerhin erreicht dieses Blatt in einem Land mit 8,5 Millionen Einwohnern in drei Landesteilen insgesamt über 2 Millionen Leserinnen und Leser. Was für mich bedeutet: Wenn das «MM» über etwas schreibt, dann gehe ich davon aus, dass das Thema breitflächig angekommen und seinen Platz im Hirn des Volkes gefunden hat.

Tiny House: Eine Wohnform, die auch für Ferien beliebt wird.
Tiny House: Weniger ist mehr beim Wohnen und in den Ferien. (Bild: Collage/Unsplash)

Im März 2021 war es so weit: Mit dem Migros-Magazin Artikel «Weniger ist mehr» wurde das Thema Tiny House definitiv in die Schweizer Schwarmintelligenz eingepflanzt. Jede und jeder im Lande wusste spätestens jetzt, was Tiny Housing bedeutet: Mini-Häuser und Mini-Wohnungen, die auf nur wenigen Quadratmetern alles bieten, was man so braucht zum Leben.

Was die Welt mindestens seither auch weiss: Das Tiny House wird nicht nur als Wohnform geschätzt (oder idealisiert) – es wird zunehmend auch als reduzierte Form des Ferienaufenthalts beliebt.

Grösse von Hotelzimmern: Unter 14 m2 mach ichs nicht

In der Regel habe ich bei Hotelzimmern einen gewissen Platzanspruch. Das Zimmer muss nicht riesig sein, aber für eine Duo-Reise wären so um die 20 Quadratmeter schon hübsch. Meine unterste Grenze sind die Zimmer der Hotelgruppe CitizenM, die meist auf 14 Quadratmeter angelegt sind.

Solche Quetsch-Verhältnisse nehme ich aber nur deshalb hin, weil die Lobbies der niederländischen Hotel-Gruppe dafür sehr gross und toll eingerichtet sind. Und weil die Betten bei CitizenM immer vorne quer am Fenster stehen – was etwas Extraplatz schafft im Zimmer.

Meine Nacht im Tiny House. Und Deine

Für mich war klar: Ein solches Tiny House muss ich selber einmal ausprobieren. Aber welches? Dazu konsultierte ich eine kleine Empfehlungsliste des Touristik-Portals «Travelnews.»

Unter diesen kleinen Häuschen und «coolsten Tiny Houses der Schweiz» wählte ich mir das kleinste aus. Wenn schon tiny (was im Englischen, Du hast es längst geahnt, für «winzig» und «klitzeklein» steht), dann gleich richtig. Reduce to the Minimum, sozusagen.

Tiny House in Amden, im Sommer 2021 im Thurgau aufgestellt.
Die Internautin beim Aufstieg zum Tiny House (links im Bild) in Amden SG. (Bild: Internaut)

Dieses mobile Smart Home auf 1300 Metern über Meer, erzählte ich der Internautin, sei mit zehn Quadratmetern Wohnfläche zusammen mit dem Schweizer Gondel-Tiny-House wohl das tinygste, was der Schweizer Markt derzeit hergebe.

Zu meiner grossen Überraschung (mann lernt nie aus) sprach die Internautin nicht lange über Zimmer-Mindestgrössen, Erreichbarkeiten, Nasszellen-Komfort und andere Ausstattungsmerkmale. Sondern sagte einfach und beherzt: «Okay, da mach ich mit.»

Die smarte Technik im Tiny-House

Dass «Travelnews» von einem smarten Haus spricht, hat absolut seine Richtigkeit. Denn das Tiny House in Amden, das mittlerweile seinen Standort geändert hat und von Ende April 2021 bis Oktober 2021 im Thurgau steht, ist ein Vorbote der Smart-Home-Zukunft.

Sozusagen alle Funktionen im Haus werden über Sprachbefehle gesteuert, die ein Computer – ganz Ohr – empfängt und dann umsetzt. Licht, Rollos, Musik – Deine Stimme ist Befehl. Und wird ausgeführt.

Smart Home für die Ferien: Hausschlüssel funktioniert per Smartphone Handy SMS.
Haustüre mit dem Smartphone öffnen: So geht das im Tiny House. Normalerweise. (Bild: Internaut)

Natürlich wird ein solches Smart Home nicht mit einem banalen analogen Zimmerschlüssel geöffnet. Das läuft natürlich auch digital. Gäste erhalten per SMS einen digitalen Zugang zugeschickt, versehen mit einem PIN-Code.

Damit lässt sich das dann Haus öffnen. Oder, wie in unserem Falle, besser gesagt: Damit sollte es sich öffnen lassen.

…. die Tücken dieser smarten Technik….

Denn das SMS mit dem Schlüssel-Link kam nicht. Also machten wir vor dem Tiny House wieder kehrt und gingen erst mal einkaufen. Fürs Nachtessen im Kleinsthaus. Auf der Fahrt zum Laden rief ich die bei auf der Resverationsbetätigung angegebene Handy-Nummer an.

Nach ein paar Versuchen meldete sich endlich jemand. Ein sehr freundlicher Jemand, der mir den Link schickte. Den ich bei Rückkehr zum Tiny House anwenden wollte. Ohne Erfolg.

Urlaub im Smart Home: Technik im Mini-Ferienhaus
Auf dem Weg zum Router im Smart Home. Auch mal interessant zu sehen, wo die Kabel wohnen. (Bild: Internaut)

Also wieder ein Anruf beim Jemand. Der Mann, mit einer für Freitagabend erstaunlichen Engelsgeduld ausgestattet, wies mir den Weg zu einem Geheimfach, wo ein Schlüsselanhänger mit QR-Code versteckt lag.

Und tatsächlich, mit diesem Gerät klappte der Zutritt. Als wir uns im Haus drin per Sprachbefehl mit der Technik anfreunden wollten, antwortete diese eher kryptisch: Es sei aktuell keine Internet-Verbindung möglich, weil wohl ein Problem mit der Router-Verbindung aufgetreten sei.

Man solle, riet die Frauen-Computerstimme, den Router von der Stromversorgung trennen und ihn zehn Sekunden wieder anschliessen. Nur: Wo ist dieser Router? Also wieder ein Anruf beim freundlichen Jemand. Der uns den Weg wies zu einem hinterwandigen Schacht, wo die Kabel wohnen. Und der Router liegt.

…. und die Segnungen dieser smarten Technik

Ich erzähle all dies nicht, um dem smarten Tiny House eins auszuwischen. Sondern um Dich, wie Du in Tipp Nummer 3 noch sehen wirst, auf solche Dinge vorzubereiten.

Und jetzt mache ich es kurz. Als die Internautin mit ihrer Filigrantechnik den Router im hinteren Teil des Schachts erfingert und wieder auf Zack gebracht hatte, funktionierte alles.

Smart-Home Digitale Technik im Tiny House in der Schweiz
Smarte Frau am smarten Kühlschrank. (Bild: Internaut)

Per Sprachbefehl die Musik ein- und auszuschalten, das Licht zu dirigieren und die Rollos zum Surren zu bringen – eine ziemlich coole Erfahrung. In einem coolen Tiny House. Über das Display am Kühlschrank lässt sich alles auch mittels Fingerklick regeln.

Das analoge Gesellenstück ist die Art und Weise, wie platzsparend man hier mit dem Bett umgeht. Oh, ich habe viele Schrankbetten gesehen auf diesem Erdenrund. Aber etwas so Patentes, wie wir es hier im Film zeigen, ist mir noch nie begegnet.

Wunder der Technik: Filmischer Einblick ins Tiny House.

Und jetzt zum Raum-Erlebnis: die wenigen Quadratmeter im Winzighaus sind durchdacht und sehr clever ausgestattet. Die Nasszelle ist perfekt eingerichtet, die moderne Küche (Induktionsherd!) funktioniert tadellos.

Die Küche: Alles, was man als reisendes Duo so an Besteck, Geschirr und Küchenutensilien (Nespresso-Maschine!) brauchen könnte: Ist da, ist sauber, ist intakt.

Fazit unserer Nacht im Tiny House

Die Tücken der Technik plagten uns nur kurz und waren schnell vergessen. Für mich war es vor allem von der technischen Seite her ein erstaunliches Erlebnis. Vom Platz her aber etwas weniger.

Zu zweit kann es halt eben schon schnell mal etwas eng werden. Wenn lediglich ein Zweiplätzer-Sofa zur Verfügung steht, dann kann man sich nur dort entspannen – und nirgendwo sonst. Die Nacht im Tiny House war ein bereicherndes Erlebnis; diese Erfahrung möchte ich nicht missen. Aber die 14 Quadratmeter im Tiny-Hotelzimmer bei CitizenM sind mir für einen Ferienaufenthalt lieber.

Ganz anders sieht dies – und da staunte ich erneut – die Internautin. Sehr angetan von der Aussicht auf die Glarner Alpen, verzaubert von Charme, Aufgeräumtheit und Funktionalität des Winzighäuschens entpuppt sie sich als grösserer Fan des Tiny Houses als ich.

Warum der Preis im Winzig-Haus nicht winzig ist

Kommen wir zum Pekuniären. Die Nacht im Tiny House in Amden kostete 180 Franken. Darin inbegriffen waren ein Parkplatz, die Endreinigung sowie ein Paar Schneeschuhe. Sonst aber nichts.

Natürlich kann ich das Pricing nachvollziehen: Das Tiny House ist eine aufwändige Unterkunftsform, es ist vollgestopft mit teurer Technik, regelmässig muss eine Putz-Equipe von auswärts her anreisen.

Minhaus Smarthome für Ferien in der Schweiz.
Ein smartes Minihaus. Das zu Recht keinen Mini-Preis hat. (Bild: Internaut)

Trotzdem: Für mich liegen die 180 Franken ein wenig über dem oberen Ende eines Preises, den ich für ein solches Erlebnis gleich mehrere Male bezahlen würde.

Das gleiche Tiny House kostet im Thurgau pro Übernachtung während der Woche 220 Franken, am Wochenende sind es 250 Franken. Darin inbegriffen sind Parkplatz, die Nutzung von zwei E-Bikes und ein Frühstückskorb. Da muss ich sagen: So gross ist meine Liebe zum reduzierten Platz nicht.

5 Tipps für ein gutes Ferien-Erlebnis im Tiny House

Abgeleitet aus meinen Mini-Haus-Erfahrungen würde ich als Tiny-House-Novize (der ich natürlich immer noch bin) anderen Minihaus-Anfängerinnen und Anfängern diese Tipps auf den Weg geben.

1. Nimm wenig Gepäck mit. Klar, wer das reduzierte Leben sucht, wird wohl von Anfang an eher kleine Koffer packen. Trotzdem: Genau überlegen, was mit soll. Du willst Dir Deine selbstgewählte kleine Fläche kaum mit zu viel Krempel vollstellen wollen.

2. Wenn Du trotzdem einiges an Gepäck mitnehmen willst, beispielsweise eine Sportausrüstung oder gewisse Mengen an Proviant: Reise eher im Auto als mit den öffentlichen Verkehrsmitteln an. So kannst Du den Kofferraum Deines Autos als externes Materialdepot nutzen.

Ferienformel Tiny House wird immer beliebter. Gründe und Ratgeber
Wie weit ist es von hier wohl zum nächsten Laden? Und wann fährt das Schiff dorthin? Tiny-House-Buchungen brauchen etwas Vorab-Recherche. (Bild: Pixabay).

3. Alle Unterlagen, alle Telefonnummern und Mail-Adressen zum Objekt gut aufbewahren und griffbereit haben. Du wirst froh sein darum, wenn Du in Deinem allenfalls abgelegenen Tiny House zu Unzeiten Kontakt mit Besitzern oder Vermietern aufnehmen willst. Oder musst.

4. Umgebung und Umschwung des Mini-Hauses vor Abreise gut recherchieren. Gerade im Sommer wirst Du froh sein, wenn Du Dich auch mal draussen entspannen kannst. Sind da ein paar Sitzgelegenheiten, ist da ein Tisch, ein Sonnenschirm? Falls nicht: Nimm die Sachen mit. Wie? Siehe Punkt zwei.

5. Prüfe vor der Reservation Schlechtwetter-Optionen: Hat es im Tiny House eine Ablagefläche für dreckige Schuhe? Herrscht ein Minimum an Infrastruktur und Platz, um nasse Klamotten zu trocknen? Sollte dies nicht vernünftig geregelt sein, empfiehlt sich wohl auch hier wieder ein Auto als externer Stauraum.

Tiny House: Wie gross ist so ein Mini-Haus überhaupt?

Das kann je nach Quelle und Innigkeit der Minimalisierungsverknalltheit variieren. In der Regel wird für ein Tiny House von einer Wohnfläche von 15 bis 45 Quadratmetern (m2 oder qm) ausgegangen; in der etwas weiteren Anschauung sind es 10 bis 55 Quadratmeter.

Was natürlich auch variieren kann: Wie luxuriös oder frugal ein solches Minihaus eingerichtet sein soll. Manche Fans der Kleinstwohnform finden Gefallen daran, sich mit der modernsten Technik zu umgeben andere wiederum favorisieren die Idee, das ganze Leben auf eine radikal vereinfachte und abgespekte Weise einzurichten.

Warum sind Tiny Houses so beliebt?

Gute Frage. Dass es einen regelrechten Run aufs Thema Tiny House gibt, beweisen nur schon die Anfragen auf Google. Diese zeigten sich erstmals vor etwa fünf Jahren. In den letzten Monaten sind sie regelrecht in die Höhe geschossen.

Ich zeige hier die Zahlen aus Deutschland, weil dort das Datenvolumen grundsätzlich grösser und wohl auch aussagekräftiger ist. Der Trend läuft aber auch in der Schweiz gleich.

Trend zum Tiny House ungebrochen, Reiseblog Internaut
Mit der Pandemie kam der Trend zum Tiny House. (Quelle: Google Trends)

Warum dieses Bedürfnis zur Winzig-Wohnfläche? Notabene in einem Land, in dem der persönliche Wohnraum über die Jahre stets gewachsen ist? Was geht da ab in unserer Wohlstandsgesellschaft?

Wenn wir auf die Schwarm-Intelligenz des «Migros-Magazins» zurückgreifen, lesen wir dort vom «Trend zum reduzierten, nachhaltigen Leben», von einer Wohnform, die als Gegenteil des generellen Schreis nach Wachstum funktioniere. Was wohl auch eine Folge der Pandemie ist, die uns alle zum Nachdenken bringt.

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Das kann ich verstehen. Zumal ich selber nie auf verschwenderisch grossem Raum gelebt habe und das smarte Tiny House mit seiner fast durchgehenden Ikea-Möblierung als grundsätzlich charmant empfunden habe.

Es hat mich stark an jene Mini-Musterwohnungen erinnert, die im schwedischen Möbelhaus immer so adrett an die Trampelpfade angrenzen. Ja, er könnte etwas sein für mich, der Tiny-Lebensstil, im generellen Leben wie in den Ferien. Aber lieber auf 40 statt auf 10 Quadratmetern.

Womit auch die Titelfrage mit dem Ferienglück beantwortet werden kann. Habe ich Ferienglück verspürt in der einen Nacht im Tiny House? Ja. Haben mich die zehn Quadratmeter so glücklich gemacht, dass ich gleich noch eine zweite Nacht hätte bleiben wollen? Eher nein. Schätze ich nun, nach einer Nacht auf zehn Quadratmetern, die Geräumigkeit meines Zuhauses wieder eher? Oh ja.

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