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Home 9 Reisefilme 9 Early Birds: Manche mögen’s düster. Auch Touristen?

Early Birds: Manche mögen’s düster. Auch Touristen?

Datum

19. Oktober 2023

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Home 9 Reisefilme 9 Early Birds: Manche mögen’s düster. Auch Touristen?

Streamingdienste sorgen oft für touristische Sogwirkung. Schafft das auch Early Birds? Hier prüfen wir den Lustgewinn des Netflix-Films.

Kugelhagel und urbanes Schneegestöber. Schnelle Schnitte, kaputte Kerls und korrupte Cops an der Zürcher Langstrasse.

Mittendrin zwei Frauen, die mit einer besonderen Tasche vor ihren Häschern in die Berge flüchten – das ist Early Birds.

Early Birds
Early Birds: Protagonistin Annika (Nilam Farooq) mit Tasche. Und einem Sack voller Sorgen. (Hugofilms)

Zum Schweizer Netflixfilm von Michael Steiner wurde schon viel geschrieben.

Diese Filmkritik ist anders. Hier nehmen wir den Regisseur beim Wort. Bei seinem touristischen Wort.

Early Birds: Die Schweiz in düster

In einem Interview mit der Zeitung «Blick» sagte der Early-Birds-Regisseur im November 2022: «Netflixfilme können für die Schweiz wertvoller werden als alle Tourismuskampagnen.»

Kurz ein Wort zu diesem besonderen Filmemacher: Michael Steiner gehört zu den erfolgreichsten Schweizer Regisseuren aller Zeiten. Mit «Mein Name ist Eugen» (2005, Rang 3) und «Grounding» (2005, Rang 7) stehen gleich zwei seiner Streifen in der Liste der Schweizer Filme mit den meisten Kinoeintritten seit 1976.

Earlybirs Schauspieler und Regisseur Michael Steiner
Bitte recht düster: Earlybirds Cast und Crew mit Caro (Silvana Synovia), Annika (Nilam Farooq), Regisseur Michael Steiner und Kommissar Thomas Roland (Anatole Taubmann), v.l.n.r. (Raphael Diethelm)

Aber zurück zur touristischen These von Steiner, die ich schon während der Earlybirds-Dreharbeiten dem Schweizer Tourismus-Direktor Martin Nydegger vorgelegt habe. Wie jeder Touristik-Pro weiss auch Nydegger um die Sogwirkung, die Filme und vor allem Netflix-Serien entfachen können.

Im November 2022 gab sich der oberste Schweizerische Reiselustmacher aber sehr verhalten: «Film-Erfolg ist noch kein Garant für touristischen Erfolg», sagte Nydegger damals.

Netflix zeigt den Film 2024

Ob der Film im Kino und später auf der Streamingplattform zum Erfolg wird? Das ist noch ungewiss. Aber nach der Visionierung des Streifens kann man immerhin eine Betrachtung pflegen: Ob und wie es dieser Neo-Noir-Thriller schafft, Lust auf das Reiseland Schweiz zu machen. Ein Film mit Tempo Teufel, mit Gangstern und hämmernden Sounds fernab von lieblichem Alphornklang – ist das der Moodmaker, der bei Menschen in Delhi, in Chicago oder in Darmstadt den riesengrossen Wunsch auf eine Schweiz-Reise weckt?

Der Thriller, der im September 2023 anlässlich des Zurich Film Festivals ZFF Kino-Premiere feierte und ab 12. Oktober in die hiesigen Kinos kam, soll voraussichtlich im Frühling 2024 auf der Streamingplattform Netflix ausgestrahlt werden – und somit Leute in aller Welt erreichen.

Thelma & Louise, Annika & Caro und die Männer

Formal erinnert Steiners Film an das US-amerikanische Roadmovie Thelma & Louise von Regisseur Ridley Scott. Eine Fluchtgeschichte zweier Frauen, die sich unterwegs besser kennen lernen und ihre Spur legen in einer Welt, in der Männer entweder fies sind oder dumm.

In Steiners Streifen sind die Männer meistens fies und dumm. Was es dabei nicht besser macht: Sie haben meist eine Knarre auf Mann.

Early Birds Schweizer Netflix Film
Swiss Mountains im Kino: Ein Moment lang herrscht heile Bergstimmung bei Caro. Der Moment ist kurz. (Hugofilm Features Vincent Calmel)

Thelma & Louise zeigt viel von der Landschaft der US-Staaten Kalifornien und Utah. Und bis heute wirbt Utah damit, dass sich Touristinnen und Touristen auf die Spuren des Kultfilms von 1991. machen können.

Während Thelma & Louise die Drehorte der Reise oft im freundlichen Tageslicht zeigt, ist Early Birds deutlich düsterer eingefärbt. Zürich zappenduster.

In dem Film herrscht eigentlich durchgehend Freitagabend im Monat November. Der Morelli-Monat zeigt sich trotz des Klimawandels so, wie man es ihm jedes Jahr tief anrechnet: Niesel, trübes Licht, asphaltnass, depri. La Suisse noire.

Was Steiners Film nicht schafft

Der 97 Minuten kurze Film widmet der Schweizer Bergwelt und dem Wohlfühl-Chalet in Leysin VD gefühlte fünf Durchschnauf-Minuten. Dann regiert wieder der brutale Kampf um den Schnee, das vermaledeite Nasenpulver. Zu wenig, um Lust aufs Reiseland Schweiz zu schaffen.

Mir hätten mal ein paar unschuldige Meter Autofahrt im verschneiten Gebiet gefallen. Nicht als platte touristische Abfilmung der Grand Tour of Switzerland, sondern als artgerechte Sequenz im Film, die einen etwas an der bergigen Landschaft und der Weite im Land hätte sniffen lassen.

Meine Prognose: Ausser Hardcore-Set-Jettern (und Netflix-Jettern), die jeden Drehort selber bereisen und erleben wollen, dürfte Early Birds kaum einen Touristen zu einer Reise in die Schweiz animieren. Ein derart düsteres Switzerland, mit korrupten Polizisten, Blutgespritze und schattigen Charakteren zeigt so ziemlich das Gegenteil der netflixschen Pastell-Kulissen von Emily in Paris.

Filmszene Neftlixfilm Early Birds an der Langstrasse in Zürich
Noch so ein schattiger Geselle im düsteren Licht: Agon (Burak Yigit) ist den beiden Frauen auf der Spur. (Hugofilm Features, Aliocha Merker)

Die positive Wirkung daraus für Fans der Langstrasse, die ihr Revier für sich behalten wollen: Einen Overtourism , wie ihn die koreanische Netflix-Serie Crash Landing on you in Iseltwald am Brienzersee verursacht hat, dürfte bei diesem schwarzgefärbten Action-Thriller nicht zu erwarten sein.

Soweit meine Prognose. Die ich aber gerne revidiere, wenn die Langstrasse in Zürich 2024 zum ersten Mal für Touristenbusse mit Menschen aus Delhi, Chicago und Darmstadt geschlossen werden muss.

Was Steiners Thriller schafft

Der rasante Neo-Noir-Thriller vermittelt ein eher ungewohntes touristisches Bild der Schweiz.

Menschen, die im Rotlichtviertel in internationalem Ambiente enthemmt feiern, über die Stränge schlagen und notfalls auch mal über die Dächer von Zürich flüchten – das ist eine Bilderwelt fernab aller touristischer Schweiz-Klischees. The dark side of the Swiss, gewissermassen.

Blut, Schweiz und Tränen

In guten Momenten – etwa in einer Verfolgungsjagd an der Langstrasse – zeigt der unkonventionelle Regisseur Hollywood-Kino, wie man es aus hiesiger Produktion selten sieht. Das kann er, der Steiner.

Plus: Wenn in Steiners Schweizer Netflixfilm gerade mal eben nicht geflüchtet, gesnifft oder geschossen wird, bleibt da und dort mal kurz Zeit für sentimentale Momente. Kann er auch. Gemäss der Kernkompetenz seiner Filme: Blut, Schweiz und Tränen.

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Einen besonderen Erlebniswert gewinnt diese «Hymne auf die Langstrasse» (Michael Steiner) für Zuschauerinnen und Zuschauer, die den Film im Kino Frame an der Zürcher Langstrasse schauen gehen. Weil sie nach dem Abspann gleich selber durch die originalgetreuen Kulissen des Chreis Cheib wandern können.

Eine touristische Führung durchs Langstrassenquartier im Zürcher Stadtkreis Aussersihl, gleich anschliessend an die Filmvorführung? Auf der hyperlokalen Spielwiese Zürich Langstrasse liegt möglicherweise touristisches Potenzial. Eventuell für Netflix, ganz sicher aber für Internaut-Leserinnen und Leser.

Nur ein paar Schritte weiter entlang der Langstrasse sind es bis zur Starken Strecke Zürich Brauerstrasse, wo Züri no bitzli dirty ist.

Autor:in

Andreas Güntert

Andreas Güntert

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Seit 1994 erforscht und beschreibt Andreas Güntert hauptberuflich als kritischer Sympathisant der Wirtschaft die Schnittstellen von Konsum, Gesellschaft und Reise-Industrie. Als Reiseblogger der Internaut lotet er das Reise-Internet aus. Der Internaut ist ein Storyteller – unabhängig, munter, pointiert. Und immer seinen Leserinnen und Lesern verpflichtet.

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