Näher kommt man dem Himmel nie: Warum Rooftop-Bars so viel Freude machen. Und wo man sie findet.

Was sagt ein Mensch aus Zürich, wenn er zum ersten Mal das Meer sieht? Um das zu beantworten, muss man wissen: Der typische Zürcher ist serienmässig mit einer gewissen Grossmäuligkeit ausgestattet. Er schweift mit angeborener Coolness über den Planeten und lässt sich nicht so leicht beeindrucken. Was ganz konkret bedeutet: Im Vergleich zu seiner Stadt zieht die Restwelt oft den Kürzeren. Vieles auf diesem Erdenrund, das weiss der Zürcher ganz istinktiv, wird latent eher überschätzt. Vieles, bis auf Züri. Easy, odr?

Zürich hat(te) einen Dachschaden. In einem Bereich aber, und das sollte wohl jeder weltläufige Zürcher mit einem gewissen Mass an Realitätssinn eingestehen können, hinkte die grösste Stadt der Schweiz der Restwelt lange hinterher. Und der Restschweiz – was den Zürcher entschieden stärker schmerzt – ebenfalls. Die Rede ist von Dachbars. Also von jenen Open-Air-Tummelzonen zuoberst auf möglichst hohen Häusern, die einem ganz nahe zum Himmel bringen. Und mit einer One-Million-Dollar-Aussicht glänzen. Ikonische Orte etwa wie die Sirocco Sky Bar im 63. Stock des Bangkoker Lebua-Hotel, bekannt aus dem Jungs-Film «Hangover 2».

Bangkok ist generell ein Paradies für Rooftop-Fans, wie die Top-20 dieser Etablissements in der Thai-Metropole zeigt. Natürlich bieten auch Städte wie Shanghai, Hong Kong oder New York Betörendes. Doch als jüngst die weltweit «most instagrammable Rooftop-Bar» erkoren wurde, schaffte es erneut Bangkok aufs Treppchen. Man erkennt: In einigen Städten wird die Dachetage zur Open-Air-Bespassung ausgehlustiger Menschen präpariert. In der Limmatstadt ist das anders. Hier sind die höchsten Häuser meist Bürolisten vorbehalten. Und wenn zuoberst mal eine Gastro-Nutzung vorgesehen ist – wie etwa im Prime Tower, dann ist das zwar sehr cool inszeniert. Aber nix da mit Open-Air. Ein Dach trennt den Kopf vom Himmel.

Rooftop-Day. Natürlich hat die Schweiz beispielsweise gegenüber Bangkok ein paar entscheidende Nachteile punkto Rooftop-Kultur. Namentlich wohl das Wetter. Plus ein gewisser Mangel an absolut atemberaubenden Wolkenkratzern. Kommt dazu: Dachbars erfordern personellen Mehraufwand. Was sich im Hochlohnland Schweiz negativ auswirkt. Und, nicht zu vergessen, die helvetische Regulierungsdichte. Trotzdem schlägt sich das Land nicht mal so schlecht. Die Dachkultur blüht oft im Verborgenen. So wird etwa in verschiedenen Schweizer Städten ein jährlicher «Rooftop-Day» unter öffentlicher Herzeigung privater Rooftop-Preziosen gefeiert.

Wenn mein Blick über die Dächer der Schweiz streift, würde ich Luzern mit der Suite Lounge & Bar des Hotels Monopol und der Penthouse Rooftop Bar im Hotel Astoria zur Königin hiesiger Dachbar-Kultur erküren. Bern macht sich mit der Sky Terrace auf dem Dach des Schweizerhofs ganz gut; zudem soll in der Bundesstadt von Mitte Juli bis Mitte August ein Pop-up Rooftop-Grill debütieren. Einer meiner Lieblinge ist das absolut unprätentiöse Friends Cafe auf dem Dach des Lhotel im Lausanner Quartier Le Flon. Und selbst im sanktgallischen Rorschach weiss man um den Wert der gepflegten Dachkultur. Skylounge Bar 16 lautet die einschlägige Adresse.

Zürich wird high. Und in Zürich? Die Dachterrasse im Modissa-Haus an der Bahnhofstrasse  bringt seit 2015 einiges an Rooftop-Glamour nach Zwinglihausen. Im PKZ-Women-Haus an der gleichen Millionen-Meile kam ebenfalls 2015 die Hiltl-Dachterrasse hinzu. Des weiteren gibt es da und dort hübsche Ausprägungen gelebter Dach-Kultur. Aber ein Zürcher Rooftop-Place in ansprechender Grösse, der einen One-Million-Dollar-Ausblick freigibt über den See bis hin zu den Bergen, der spontan zu «Wow»-Ausrufe anstachelt? Das war meiner Meinung nach bisher Mangelware. Dachschaden eben. Bis vor ein paar Tagen «The View» öffnete.

Ich war zwar nur kurz auf dem Dach des Hotels Ambassador à l’Opéra im Zürcher Seefeld. Aber was ich sah, entlockte mir ein «Wow»: Nah am Himmel, grossartiger Ausblick, intime Stimmung. Natürlich, im Vergleich zu den Giganten der Lüfte in Bangkok & Co eher etwas klein, aber immerhin.

Die Dachbar wie das Meer. Vielleicht möchten Sie jetzt noch wissen, was ein Zürcher sagt, wenn er zum ersten Mal das Meer sieht? Er sieht sich das Salzgeplätscher kurz an und sagt dann mit Weltkennermiene: «Ich hätte es mir grösser vorgestellt». Womöglich wird er das auch sagen, wenn er «The View», die jüngste Dachbar Zürichs erklimmt. Aber das wäre nun wirklich zu cool. Man muss dieser jungen Pflanze der Zürcher Rooftop-Kultur eine Chance geben. Man soll sie ordentlich tränken. Und dabei auch den eigenen Durst nicht vergessen.

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