2008 starte Airbnb als kleine Online-Schlafplatzbörse. Seither rüttelt das Unternehmen die Hotelwelt durch. Anatomie eines Booms, der noch lange nicht zu Ende ist. 

Kalifornien, August 2008: Als in San Francisco wieder einmal alle Hotelbetten ausgebucht sind, kommen zwei Typen in ihrer Studi-Klitsche auf eine Idee: Man könnte doch – via Internet, logo – Schlafplätze in der eigenen Wohnung vermieten. Damit eine günstige Hotel-Alternative schaffen, neue Leute kennenlernen und sich als Mieter ein Zubrot verdienen.

Etwa in dieser Art überlegten sich das Brian Chesky und Joe Gebbia. Und dann legten die beiden arbeitslosen Kunsthochschulabsolventen einfach mal los. Bei sich zu Hause. Was dergestalt klein und leise begann, war der Beginn einer neuen Ära. Oder vielleicht besser: Aira.

Was Chesky und Gebbia in ihren kühnsten Träumen nicht ahnen konnten: Ihre Idee rockte den Planeten. Sie wurde zum enormen Erfolg, zur Revolution der Reiseindustrie. Denn ihr Vorhaben führte dazu, dass plötzlich jede und jeder Hobby-Hotelier spielen konnte. Und über Airbnb weltweit unkompliziert Gäste fand. Was seither millionenfach geschah und weiter geschieht.

 

10 Jahre Airbnb: Die Erfolgsgeschichte. Und die Rückseite der Medaille.

Airbnb macht seit zehn Jahren jeden Menschen zum Hobby-Hotelier. Ein Riesenerfolg. Und eine stetige Quelle des Ärgers. (Bild: der Internaut)

 

Es ist nicht übertrieben, Airbnb eines der grössten Phänomene der touristischen Welt der letzten zehn Jahre zu nennen. Und wie so oft kam die Idee nicht von Damen und Herren, die an Hotelfachschulen alles über ihre Branche lernen. Sondern von Outsidern, die damit schnell zum Albtraum (und gelegentlich auch zur Inspirationsquelle) der etablierten Hotel-Szene wurden.

10 Jahre Airbnb: Es ist Zeit, einmal die wichtigsten Erkenntnisse zu bündeln, das Erfolgsgeheimnis zu ergründen, die Ärgerquellen zu sichten und einen Ausblick zu wagen. Here we go.

 

Was bedeutet «Airbnb» eigentlich ganz genau?

Es ist die Abkürzung für «Airbed and Breakfast», also Luftmatratze und Frühstück.

 

Warum gibt es da ein Broblem?

Weil mit dem zweiten «B» für «Breakfast» ein Frühstück versprochen wird. Das ist aber bei Airbnb längst nicht immer der Fall. Und das regt die Anbieter von «Bed and Breakfast» ziemlich auf. Nicht zu unrecht, wie ich finde.

 

Schlafplätze online vermieten – eigentlich eine banale Idee, oder?

Ja, ziemlich banal. Wobei: Nicht selten sind es die simpelsten Ideen, die zum Erfolg führen. So nach der Formel «genial einfach – einfach genial». Aber Obacht: Eine simple Idee gekonnt umsetzen – das ist dann nicht mehr so banal. Und die Umsetzung, das muss man der kalifornischen Bettenbörsen-Machern neidlos zugestehen, haben sie ziemlich gut hinbekommen.

 

Wie erfolgreich ist Airbnb?

Extrem erfolgreich. Aktuell lassen sich über Airbnb um fünf Millionen Unterkünfte in 191 Ländern buchen. Damit ist Airbnb grösser als jede Hotelkette dieser Welt. Oder anders gesagt: Airbnb ist eigentlich die grösste Hotelkette der Welt. Einfach ohne global verbindliche Zimmer-Standards. Der Wert der kalifornischen Firma wird auf über 30 Milliarden Dollar geschätzt.

 

Wie erfolgreich ist Airbnb in der Schweiz?

Extrem erfolgreich. Das Walliser Tourismus Observatorium beobachtet den hiesigen Airbnb-Markt seit Oktober 2014 sehr genau. Seither ist die Anzahl der vermittelten Airbnb-Objekte von 6033 auf 32 761 (Stand Januar 2018) gestiegen. Die Zeit des extrem stürmischen Wachstums scheint zwar vorüber, aber alle Beobachter gehen davon aus, dass die Zahl auch hierzulande weiter steigen wird.

 

Wer hat das System der privaten Schlafplatzbörse erfunden?

Sicher nicht Airbnb. Und das wissen deren Chefs ganz genau. Als Erfinder der Idee, sein eigenes Heim anderen als Ferienunterkunft zu überlassen, wird in der Regel die Organisation Homelink genannt. Gemäss der Company-Saga soll ein New Yorker Professor schon 1953 darauf gekommen sein, dass Ferienleute doch eigentlich für eine beschränkte Zeit einfach ihre Häuser tauschen könnten. Auf europäischer Ebene gilt die Schweizer Firma Interhome als Pionier. Gegründet 1965 ist Interhome bis heute darauf spezialisiert, private Ferienhäuser und Wohnungen zu vermieten. Auf der legalen Seite. Warum das wichtig ist, werden wir gleich noch erfahren.

 

Airbnb ist also keine richtige Innovation. Aber warum ist es denn so unglaublich erfolgreich?

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Hier einmal sechs wichtige: 1) Airbnb kam zur richtigen Zeit. 2008 war das Internet schon sehr weit verbreitet, man konnte also schnell eine kritische Masse an Kunden erreichen. 2) Airbnb hat es geschafft, eine Ökonomie des Vertrauens aufzubauen. Dass Menschen wildfremden Leuten Zugang zum eigenen Heim gewähren, ist aussergewöhnlich. Ja, die Medien berichten oft und gerne von wüsten Entgleisungen. Aber sie sind selten. Das System der Bewertungen funktioniert – und es ist bei Gästen und Gastgebern akzeptiert.  3) Während Homelink und Interhome eher in ländlichen Feriengebieten stark waren, setzte Airbnb stark auf Städte. In Zeiten des boomenden City-Tourismus und dem Aufstieg der Billig-Airlines die genau richtige Strategie.  4) Die grosse Wirtschaftskrise, die in den USA ab 2007/2008 einsetzte, machte es für viele Amerikaner nötig, mehr aus ihren Wohnungen und Häusern zu holen. Ein Zustupf via Airbnb kam da goldrichtig. Das verleihte den Anfangsschub. 5) Flexibilität: Unternehmen wie Interhome arbeiteten lange Zeit mit einem starren Raster, das Vermietungen nur auf Wochenbasis erlaubte. Airbnb war von Beginn weg viel flexibler: Eine Nacht, zwei Nächte, Ankunft und Abreise für jeden Wochentag wählbar. Easy. 6). Airbnb ist ein Flaggschiff der sogenannten «Sharing Economy». Das Prinzip: Nicht Besitz von Dingen ist wichtig. Sondern nur der Zugang dazu.

 

10 Jahre Airbnb: Haben die Hoteliers da vielleicht etwas verschlafen?

Definitiv. Denn zwei weitere Gründe sind ebenfalls wichtig für den Boom von Airbnb: 1) Die meisten Hotels weltweit bieten ein standardisiertes Produkt an: Einzelzimmer, Doppelzimmer, Suite. Soweit okay. Doch das System stösst an Grenzen, wenn eine Grossfamilie unterwegs ist, oder eine Dreigeneration-Partei oder ein lockerer Trupp von Freunden, eine Citytrip-Clique etwa. Das beste, was die Hotels hier zu bieten haben, sind meist nebeneinanderliegende Zimmer mit Verbindungstüre. Wenn ein Anbieter aber grosse Wohnungen oder ganze Häuser bieten kann, kommt er bei solchen Gruppen besser an. Vor allem auch, weil das preislich meist interessanter ist. 2) Airbnb hat es früh verstanden, sein Angebot mit dem Attribut der «Authentizität» zu würzen. Man übernachte bei Airbnb nicht in einem anonymen Hotel, sondern bei Einheimischen, im prallen Leben sozusagen. Airbnb-Gäste können sich im Gefühl suhlen, nicht Teil des Massentourismus zu sein. Ironie der Geschichte: Genau damit wurde Airbnb aber auch Teil des Overtourism-Problems.

 

Ist Airbnb nur etwas für Leute, die sich kein Hotel leisten können oder wollen?

Nein. Davon zeugen die vielen luxuriösen Villen und Apartments, die auf der Plattform buchbar sind.

 

Werden Airbnb-Locations nur von Ferienreisenden genutzt?

Nein. Die Firma hat früh erkannt, dass man auch Geschäftsreisende zu Kunden machen kann. Wie Airbnb selber kürzlich mitteilte, haben bis heute 700 000 Firmen die Dienstleistung Airbnb for Work genutzt, die sich speziell an Business-Reisende richtet. Hoteliers haben also auch Konkurrenz auf diesem einträglichen Geschäftsfeld.

 

Was ist die Schwachstelle von Airbnb?

Der Erfolg von Airbnb hat dazu geführt, dass die einst so romantische Idee der Firma – Übernachten bei einer Privatperson und so Teil des «tatsächlichen Lebens» werden – zu einem grossen Teil verschwunden ist. Heute sind es sehr oft gewerbliche Vermieter, die Airbnb vor allem als Geschäft sehen. Und nicht so sehr als eine Art gelebte Grossstadtromantik.

 

Und warum gibt es so viel Airger um Airbnb?

Airbnb trifft als relativ junges Phänomen auf eine Welt, die oft noch mit Gesetzen aus den letzten Jahrzehnten geregelt ist. Es stellen sich viele Fragen bezüglich der Abgabe von Kurtaxen und Steuern. Kommt dazu: Viele Hoteliers regen sich (zu Recht) darüber auf, dass sie in ihrem Betrieben auf Hygienevorschriften, Brandschutz und Anmelde-Richtlinien achten müssen. Themen, die an den Hobby-Hoteliers meist spurlos vorbeigehen. Kommt dazu: Airbnb steht in starkem Verdacht, in städtischen Ballungszentren Wohnraum zu verknappen und zu verteuern.

 

Müsste man Airbnb also verbieten?

Tatsächlich ist das schon geschehen, der Fall Mallorca ist aktuell wohl der bekannteste. Der Internaut findet das den falschen Weg. Innovationen lassen sich nicht verhindern. Und schon gar nicht dann, wenn es ein riesiges Bedürfnis gibt dafür. Wo rigide Verbote ausgesprochen werden, soll wohl vor allem die Hotel-Lobby geschützt werden. Verbote helfen auch deshalb niemandem, weil so ein real existierendes Phänomen nicht gelenkt, sondern in die Illegalität verschoben wird. Gefragt sind nicht Verbote. Gefragt sind Gesetze, die das Phänomen Airbnb auf eine rechtlich akzeptable Basis stellen. Und somit helfen, dass beide – Hotellerie und Airbnb – mit gleich langen Spiessen antreten können.

 

Wie könnte Airbnb gesellschaftsfähig werden?

An manchen Orten tut sich heute schon vieles bezüglich Kurtaxen-Abgabe. Aber das ist nicht genug. Gesetzgeber müssen wohl ein taugliches Modell finden, das den Begriff des «Hobby-Hoteliers» realitätsnah fasst. Wer vier Wochen jährlich seine Wohnung vermietet, sollte wohl nicht gleich behandelt werden wie die Leute von Hilton und Holiday Inn. Wer es aber 51 Wochen lang tut, eher schon.

 

Wie geht es jetzt weiter?

Zwei Prognosen: Mit dem Airger, den Airbnb weltweit entfacht, wird es so schnell kein Ende haben. Mit der Erfolgsstory der Firma aber auch nicht. Zu erwarten ist, dass Airbnb seine Geschäftsfelder stetig ausbauen wird. Schon heute lassen sich Ausflüge über Airbnb buchen, und das ist noch lange nicht das Ende der Fahnenstange. Denkbar ist, dass Airbnb jegliche Art touristischer Services – Flüge, Mietwagen, Bahnfahrten – vermitteln könnte. Oder dass die Firma selber Unterkünfte bauen wird, um so einen eigenen Standard zu schaffen. Der Grundstein für jegliche solche Aktivitäten ist gelegt: Durch eine Marke, die zwar erst zehn Jahre jung ist. Aber heute schon zu den stärksten Brands der Touristik-Welt gehört.

 

Sah die Website von Airbnb schon immer so aus wie heute?

Natürlich nicht. Airbnb hat, wie jede andere Firma, ihr Web-Erscheinungsbild immer wieder aufgefrischt. Sah die Website früher besser aus? Entscheide selber. Bezüglich Einfachheit und Benutzerführung ist die Ausgabe 2018 wohl um Lichtjahre besser als die Version von 2009. Dafür aber war der Claim damals einiges frecher: «Forget Hotels» – damit fand Airbnb einen Platz im Kopf der Konsumenten. Ein Platz, den sich die Firma bis heute hat bewahren können.

 

Der Reiseblog der Internaut über zehn Jahre Airbnb

Schlank und rank: So sieht die Website von Airbnb heute aus. (Bild: Screenshot Airbnb)

 

Airbnb, ein Phänomen wird zehn Jahre alt

Airbnb-Website im ersten vollen Geschäftsjahr 2009: Etwas – ähem – unaufgeräumt. Aber dafür mit keckem Slogan: «Forget Hotels». (Bild: Waybackmachine.org)

 

 

 

 

 

 

 

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