Instagram krempelt die Art um, wie Menschen reisen. Hier kommt ein Instant-Anfängerkurs von einem, der seit kurzem Instagram-Anfänger ist.

Der Fotodienst Instagram hat Millionen von Freunden. Und wohl auch ebenso viele Feinde. «Bildlischleuder», höhnen die einen, «Ego-Eloge» feixen die andern. Und manche gehen sogar richtig hart ins Gericht mit der Firma, die seit 2012 Facebook gehört.

«Kaputteste App der Welt» rotzte etwa die «Welt» in einem Beitrag über Instagram. Gerotzt wurde anderem deshalb, weil viele User eine überhöhte Version der eigenen Lebenswirklichkeit zeigten: Eine permanente affige Selbstdarstellung. Ein weltweites Shopping-Window für immer gleich gestylte Schaufensterpuppen. Auch deshalb sei Instagram die «schädlichste, böseste und kaputteste App», denn sie «macht süchtig nach einer Lightversion des Stalkings. Und sie zerstört das Glück durch seine permanente Verbildlichung.» Hoppla!.

Darf ich zusammenfassen: Gemäss der «Welt»-Brandschrift ist Instagram nichts weniger als eine grosse Bubble, in der sich eine immergleiche Clique von Pflanzenfood-Fashion-Yoga-Beauty-Gecken aufs übelste ausstellt. Dies in einer Art, die den Niedergang von Abend- und Morgenland nicht aufhalten, sondern im Gegenteil beschleunigen werde.

 

Instagram als Reise-App

Die «kaputteste App» der Welt? Für den Internauten eher die aufbauendste Reise-App der Welt.

 

Grad so hart hätte das der Internaut jetzt nicht gesagt. Aber zugegeben: Selber gehörte ich auch zu den Kritikastern von Instagram. Nachzulesen ist das im Blogpost, den ich vor einem Jahr unter dem Titel #IchbinkeineAmeise zu Online-Papier brachte.

Aber das hat sich geändert. Seit ein paar Monaten bin ich vom Kritikaster zum User geworden. Oder genauer: Zum Prosumer. Zu einem also, der auf Instagram Bilder produziert und konsumiert. Ich sag es hier, ich sag es laut: Ich mag Instagram. Weil: Instagram hilft mir, besser, intensiver und – vor allem – überraschender zu reisen.

Man mag zu «Insta» stehen, wie man will, eines ist klar: Für die Reisewelt ist der Bilderdienst zu einem entscheidenden Trigger geworden. Viele Architekten bauen heute Hotels so, dass sie «instagrammable» sind, also etwas hergeben für die Smartphone-Kamera. Und viele – nicht nur junge – Traveller suchen sich Reiseziele aufgrund von Instagram-Bildern aus, wie die «Frankfurter Allgemeine» berichtet.

Als ich jüngst in Berlin ein Hotelzimmer suchte, ging es mir gleich: Wie ich auf einem Buchungsportal die bezaubernde Wendeltreppe einer Herberge in Berlin-Mitte sah, war es um mich geschehen: Ich buchte. Und was machte ich als erstes nach dem Check-in? Richtig: Ich lichtete die Treppe ab. Und teilte sie auf Instagram. Sharing is caring, verstehste?

 

Wendeltreppen sind ein Liebling aller Instagrammers

Eine Treppe zum Verlieben. Gesehen im Hotel The Dude in Berlin. Geteilt auf Instagram. (Bild: der Internaut)

 

Heisst das, dass ich wie ein Irrer durch Berlin wandelte? Nur mit Blick auf den kleinen Screen und ohne Augen für alles drumherum? Muss ich im Restaurant jeden Gruss aus der Küche vor dem Verspeisen zuerst handygrafieren? Natürlich nicht. Easy. Instagram ist für mich einfach ein zusätzlicher Reiseführer. Aber einer, der nicht statisch ist. Sondern einer, der in jeder Sekunde neu geschrieben, beziehungsweise bebildert wird.

Auf diese Art folge ich auf Instagram Menschen, die ich noch nie gesehen oder gesprochen habe. Aber es sind Leute, die mir gefallen. Weil sie mit wachem Blick durch die Welt gehen und Dinge oder Situationen festhalten, die ich mir gerne anschaue. Einige davon folgen auch mir. Zusammen zeigen wir uns die Welt, wie sie uns gefällt. In Echtzeit.

Kürzlich erhielt ich die finale Insta-Absolution – aus der hohen Welt der Kunst. Hans Ulrich Obrist, künstlerischer Direktor der Londoner Serpentine Galleries (für Insider: #serpentineuk), hat mir aus dem Herzen gesprochen. Beziehungsweise geschrieben. Für den weltgewandten Kurator ist Instagram eine «unendliche Bildungs- und Bilderreise», die es ihm erlaubt, einmal bereiste Orte im Auge zu behalten. Das schrieb er im «Magazin» des Schweizer «Tages-Anzeiger». Und: Die vielgescholtene Bildlischleuder ist für Obrist nichts weniger als «ein Fenster zu Welten, die mir sonst unbekannt bleiben würden.»

Da haben wirs. Insta hilft mir, einen Ort vorab zu entdecken, während dem Aufenthalt mit anderen zu teilen und mit ihm auch nach Abreise verbunden zu bleiben. Natürlich haben tolle Reportagen, Reisebücher und Empfehlungen von Freunden und Locals für mich weiterhin hohen Stellenwert. Doch wenn ich heute auf Reisen gehe, vertraue ich zusätzlich auf Instagram. Beziehungsweise auf die «Igers», wie sich Instagrammer in trendiger Kurzschreibweise nennen. Deshalb hier ein kleiner Anfängerkurs von einem, der selber noch ein Insta-Anfänger ist.

Bevor der Trip losgeht, schalte ich mich so etwa zwei Wochen vor Abreise in ein paar lokale Instagram-Communities ein. Per Suchfunktion auf Instagram schaue ich mir mein Reiseziel an und wähle Schlagworte aus – man spricht hier von «Hashtags» – die mich ansprechen. Das kann beispielsweise die offizielle Adresse der jeweilige Touristik-Behörde sein. Bessere Erfahrungen mache ich allerdings mit offenen Bild-Foren von Menschen, die sich quasi alle um ein elektronisches Lagerfeuer gruppieren. In München ist das beispielsweise #mingagfui, («München-Gefühl» für alle Nicht-Bayern), in Berlin #berlinerpost; in Zürich DasischZüri und in Genf #colormygeneva.

Klar: Wer neu ist in einer Stadt und nur die üblichen Sehenswürdigkeiten abklappern will, kommt auch ohne Insta zurecht. Wer aber immer wieder in seine Love-City zurückkehrt, wird Ausschau halten wollen nach Überraschenderem. In dieser Hinsicht fahre ich in meiner Stadtgeliebten Valencia immer gut mit Valenciagram:  Hier wird jeden Tag ein besonders hübsches Bild gekürt – und mit diesem Input habe ich schon manch neuen Ort entdeckt.

Der Tipp lautet also: Wer sich vor Abreise öfters mal ein paar Minuten lang die neuesten Insta-Bilder seines Zielorts anschaut und auch ein bisschen in der Vergangenheit herumclickt, gewinnt spannende Einsichten. Natürlich würden die Insta-Weltuntergangspropheten der «Welt» unken, dass unter diesen Adressen öfters mal Selbstdarsteller ihre vegan gestählten Waschbrettbäuche und/oder Tattoos herzeigen. Ja, das gibt es. Wie auch ein paar Witzbolde, die irgendwelche artfremden Bilder auf einen Hashtag posten. Aber man findet eben immer mal wieder Hinweise auf Orte, die man nicht auf dem Zettel hatte. Frühstücks-Restaurants, Parks, kleine Museen, stille Plätze gleich ums Eck von Touri-Hotspots, Stadtteile, von denen man gar nichts wusste.

Was mir – wie Herrn Obrist auch – besonders gefällt: Auch nach der Heimreise kann man auf diese Art verbunden bleiben mit dem besuchten Ort. Da und dort werden Bilder hochgeladen von Schauplätzen, die man selber besucht hat. Vielleicht in einer überraschenden Optik, vielleicht ein bisschen schräg oder verwackelt – aber immer so, dass man sich wieder einen Moment lang zurückversetzt fühlt.

Ich selber jedenfalls habe mich grad gestern wieder zurückversetzt gefühlt auf die Wendeltreppe – «spiral staircase» im Igers-Worldspeak English – des Hotels The Dude in Berlin-Mitte. Weil ich mich in einen Insta-Hashtag verliebt habe, der nur Wendeltreppen zeigt. Ausgeschrieben heisst er: Die Welt braucht mehr Wendeltreppen. Kindisch? Vielleicht. Aber auch eine grossartige Sache für Augenmenschen.

Über 69 000 Menschen in aller Welt folgen diesem Thema, freuen sich an Beiträgen von anderen Wendeltreppen-Fans, berauschen sich an der fantastischen Schneckenhauspotik und reichen selber Bilder ein von besonders schön gewundenen Treppen-Beauties.

Kann ein solcher Austausch schlecht sein? Bringt die gemeinsame und geteilte Begeisterung für eine eher nebensächliche Ästhetik den Planet ins Trudeln? Ich sage: nein. Was sagst Du?

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