Stars fluten die Schweiz und ziehen Fans und Followers nach. Wie man dem Schwarm der Promi-Nachzügler entgeht.

Kurz vorm Wochenende schneite auch noch Brad Pitt rein. Der Hollywood-Star liess sich mal eben kurz durchs Zürcher Kunsthaus führen und löste damit einen ordentlichen Medienwirbel aus. Doch die Ex-Hälfte von «Brangelina» war längst nicht die einzige Berühmtheit auf Schweiz-Trip. Ein paar Tage zuvor machte Teenie-Barde Justin Bieber das ganze Land mit seiner Bieber-Tour-de-Suisse kirre.

Promis in Interlaken. Und dann waren da noch die Geschwister der US-Sängerin Miley Cyrus, die Interlaken besuchten  und von dort aus ihrer gewaltigen Social-Media-Gefolgschaft – kumuliert über eine Million Followers – von den Schönheiten des Berner Oberlands und des «Bödeli» berichteten.

Touristen seien wie Ameisen, sagt ein Tourismusprofessor. Aber wer will das schon sein? Also eine Ameise, kein Tourismusprofessor

Touristen sind wie Ameisen. Sagt der Tourismus-Professor. Der Internaut sagt: Ich will aber keine sein.

Drei Stars in Switzerland – und dreimal die gleiche Folge: Riesige Aufmerksamkeit in den sozialen Medien. Das wird unweigerlich viele Fans dieser Zelebritäten anstacheln, die Schweizer Orte zu besuchen, die ihren Vorbildern offenbar so gut gefallen haben: «Instagram ist die Spur, der sie folgen», erklärte der St. Galler Tourismusprofessor Christian Laesser im «Blick am Abend». Und dann sagte er noch diesen schönen Satz: «Touristen sind wie Ameisen. Sie gehen immer da hin, wo schon andere Ameisen waren.»

Ich will keine Ameise sein. Tourismusdirektoren jubeln natürlich, wenn ihre Orte millionenfach auf der riesigen Bilderschleuder Instagram erwähnt werden. Ich gönne ihnen jeden zusätzlichen Gästefranken. Aber als Reisender mag ich da nicht so laut mitjubeln. Weil damit Orte, die mir lieb sind, überschwemmt werden von Leuten, die sich auf den Spuren ihrer Idole social-medial inszenieren wollen. Was noch einmal mehr Menschen anzieht. Die sich auch inszenieren. Was wiederum….. Sie verstehen, was ich meine. Aber verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich habe nichts gegen Touristen. Bin ja selber auch einer. Aber ein nicht abreissender Strom von Selfie-Stick-Infanteristen hat eben auch das Zeug zum Kick in die Seele jeder Destination.

Um diesem Strom auszuweichen, braucht es neue Strategien. Man muss wissen, welche Orte auf der Welt übertouristisiert sind. Damit man sie meiden kann. Im Internet gab und gibt es einige Ansätze dazu. Vor ein paar Jahren waren sogenannte «Heatmaps» beliebt. Ein Start-up aus Estland etwa sorgte für neue Einblicke, als es eine «World Touristiness Map» online stellte. Das baltische Unternehmen wertete dazu Bilder-Uploads auf eine Google-Plattform aus und folgerte daraus: Wo am meisten Bilder geschossen werden, ballen sich die meisten Touristen. Leider wurde dieser Dienst nicht mehr weitergeführt.

Voll geinstagrammt. Wohl auch deshalb, weil heute Social-Media-Anwendungen viel aussagekräftiger sind. Die Smartphone-Community der Kombat-Ferienföteler, Foodporn-Enthusiasten und Selfie-Serientäter stellt ihre Schnappschüsse meist auf Plattformen wie Instagram und versieht sie dabei mit einem sogenannten Hashtag – ein Doppelkreuz (Hash) mit einem «Tag», also einem Schlagwort wie beispielsweise dem Ort, wo das Bild geknipst worden ist. Etwa so: #Pilatus. Oder #Arosa. Oder (etwas seltener) #Grenchen Süd. Der niederländische Online-Reiseanbieter Travelbird hat dazu verdankenswerterweise eine weltweite Liste der «beliebtesten geinstagrammten Touristenattraktionen» publiziert. Damit Leute wie ich wissen, wo sie besser nicht hingehen sollten. Begibt man sich trotzdem zu einem der grossen Hot-Spots, empfiehlt es sich eine Navigation nach «500MR». Das ist die Abkürzung für meine 500-Meter-Regel, die besagt: Ab Parkplatz, Bus-Ankunft oder Bahnstation immer mindestens 500 Meter weiter als der Touristen-Pulk gehen. Wer sich in diesem Masse von der grossen Anspülstation wegbewegt, hat eine faire Chance auf etwas Ruhe abseits des grossen Gewühls. Und wenn nicht: Dann bitte nach «750MR» navigieren.

Zurück zu den touristischen Instagram-Ikonen dieses Planeten: Nicht weniger als 14 der weltweiten Top-25-Destinationen liegen in den USA. Klar, dass Ziele wie das Disneyland in Kalifornien oder Disneyworld in Florida top sind. Deswegen muss man nicht gleich einen Bogen um diese touristischen Musts machen. Aber man sollte doch wenigstens vorab versuchen, ein Ticket zu ergattern, das einem schnellen Zugang zu den Attraktionen verschafft. Damit man nicht schon in der Wartschlange in ein Selfie-Gewitter gerät. Alternative in den USA: Dorthin ausweichen, wo das Leben ruhiger und wohl weniger «verinstagrammt» ist. Dazu gefällt mir die Liste der «zehn coolsten kleinen US-Städte», die einer meiner Lieblings-Blogs jüngst veröffentlicht hat.

Voll langweilig. Und in unserem kleinen Land? Hier obsiegen gemäss der Schweiz-Aufstellung von Travelbird die Insta-Hashtags «#Interlaken», «#Lago Maggiore» und «#Matterhorn». Was auffällt beim Betrachten der Schweiz-Karte: Der Thurgau scheint noch relativ stark verschont von der Social-Media-Invasion. Warum wohl? Mir jedenfalls gefallen Menschenschlag und Apfelvielfalt in dieser Ecke, der Bodensee ist ein Highlight, und die Hip-Hop-Hymne «Thurgau mini Heimat» beschert mir viele heitere Momente.

Sollte aber auch dieser Landstrich plötzlich verinstagrammt werden, bliebe wohl nur ein Rückzugsort, wo bestimmt keine hibbeligen Perma-Föteler zu erwarten sind: Der «langweiligste Ferienort der Schweiz». So jedenfalls rühmt sich der Flecken Ermatingen, der schon auf seiner Website beteuert: «Wir haben nichts, wir tun nichts und wir bieten nichts. Nichts, was Sie – unsere Gäste – in ihrer Ruhe stört.»

Pitte nicht. Gehen Sie doch mal mal hin. Schauen Sie sich in aller Ruhe um in Ermatingen. Erzählen Sie allen davon. Aber bitte nicht Justin Bieber. Und schon gar nicht Brad Pitt.

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