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Home 9 Reise-Startups 9 MyCamper CEO Michele Matt: «Corona hat uns Rückenwind gegeben»

MyCamper CEO Michele Matt: «Corona hat uns Rückenwind gegeben»

Datum

9. Juli 2020

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Home 9 Reise-Startups 9 MyCamper CEO Michele Matt: «Corona hat uns Rückenwind gegeben»

Michele Matt hat von der Finanzbranche auf den Tourismus umgesattelt. Der CEO von MyCamper vernetzt private Mieter und Vermieter für Wohnmobil und Camper. Jetzt setzt das Startup-Unternehmen zur Auslandexpansion an.

Im Sommer 2020 ist Vanlife das ganz heisse Thema. So viele Menschen wie noch nie wollen ihre Ferien in einem Camper verbringen. Auch deshalb, weil viele Menschen in der Schweiz und Deutschland ihre Ausland-Ferienpläne wegen des Coronavirus gestrichen haben.

Im grossen Fahrzeug reisen, das unkomplizierte Leben geniessen, auf Campingplätzen entspannen – diesen Trend hat Corona angeschoben. Aber längst nicht jede und jeder kann sich ein Wohnmobil, das rasch einmal 50 000 Franken und mehr kosten kann, leisten. Hier kommt das Schweizer Startup-Unternehmen MyCamper.ch ins Spiel, das Airbnb fürs Wohnmobil.

MyCamper: Das Airbnb der Wohnmobile

Das 2015 gegründete Jungunternehmen aus Basel macht das Thema Wohnmobil auch für jene Leute attraktiv, die sich wohl nie eines der teuren Gefährte leisten könnten. Auf der anderen Seite sollen Menschen, die einen Campervan besitzen, Kapital schlagen können aus einem der grössten Probleme dieser oft grossen rollenden Wohnungen.

Das Problem ist dieses: Die rollenden Wohnungen stehen zu oft still unter dem Jahr. Dies vor allem deshalb, weil die Lust aufs Reisen bei den Fahrzeug-Besitzern massiv grösser ist als die Zahl der Ferientage, die sie für ihre Lieblings-Reiseformel einsetzen können.

Wenn also das eigene Wohnmobil öfters auf dem persönlichen Parkplatz als auf Campingplätzen steht, dann bindet das Fixkosten und lohnt sich nicht für Camperbesitzer. Wär doch besser und lohnender, wenn die Camper mehr auf Reisen wären.

MyCamper Team, Schweizer Reist-Startup
2015 gegründet und jetzt mit Camper-Sharing auf Expansionskurve: Das Team von MyCamper. (Bild: zvg)

Via MyCamper finden die beiden Seiten unkompliziert online zusammen. Private Campervan-Besitzer können ihre Wohnmobil über die Camper-Sharing-Plattform an private Kunden vermieten. Fahren und Sparen findet so zusammen. Oder: Sparen beim Fahren.

Dieses «Airbnb der Wohnmobile» findet nicht nur bei Vermietern und Mietern fürs Reisen Anklang, sondern auch bei Investoren. Im Frühjahr 2020 konnte das Schweizer Reise-Startup, das auf seiner Plattform Campingbusse wie Bulli, VW California Beach und Fiat Ducato zeigt, aber auch Hymer Wohnmobile und klassische Wohnwagen auflistet, seine dritte Finanzierungsrunde abschliessen.

Schweizer Reise-Startup MyCamper auf dem Reiseblog Internaut
Gute Aussichten aus dem Fahrzeug: MyCamper spurt auf dem Trend der Sharing-Economy ein. (Bild: Internaut)

Landesweite Bekanntheit errang die Sharing-Plattform mit seinem Auftritt in der TV-Gründer-Show «Höhle der Löwen Schweiz». MyCamper stellte sich dort sich im Frühjahr 2019 der fünfköpfigen Jury und dem TV-Publikum vor.

Das Thema leuchtete den zwei Löwinnen und den drei Löwen schnell ein. Was zu einer seltenen Erscheinung führte: Gleich alle fünf Jury-Mitglieder investierten in das Startup-Unternehmen. Konkret erhielt das Airbnb fürs Wohnmobil 300 000 Franken für zehn Prozent der Aktien.

Wohnmobil-Sharing: Konkurrenz schläft nicht

Wie viele andere Wohnmobil-Besitzer realisierte MyCamper-Gründer und CEO Michele Matt irgendwann, dass sein mobiler Liebling die meiste Zeit immobil war. «Mein VW California machte mir zwar viel Spass, aber das Teil stand leider viel zu oft einfach herum», erzählt der Basler, der früher in der Finanzbranche tätig war.

Rechnen also kann Matt. Und dass die Sharing Economy hier ein Business-Tummelfeld bieten könnte, realisierte er ebenfalls: «Eigentlich habe ich aus meinem Hobby eine Geschäftsidee gemacht.» Zwar existieren heute schon einige Anbieter auf diesem Feld, wie etwa RVshare und Outdoorsy aus den USA. Auch die private Wohnmobil-Vermietung PaulCamper aus Deutschland funktioniert als eine Sharing-Plattform für Camper.

Trotzdem erwischte Michele Matt mit der Online-Plattform MyCamper einen coolen Start. Und strebt mit dem Thema Camper-Sharing jetzt nordwärts, um die Position auszubauen.

Michele Matt, Gründer und CEO MyCamper, Schweizer Startup-Unternehmen für Camper-Sharing.
Michele Matt, CEO MyCamper: «Speziell ist die Vielfalt unserer Angebote.» (Bild: zvg)

Michele, welches Problem löst Dein Startup?
Wir lösen gleich zwei Probleme. Einerseits bieten wir Besitzern von Campervans und Wohnwagen eine einfache Möglichkeit, ihre Fahrzeuge auszumieten. Und die User können über MyCamper auf sehr nutzerfreundliche Art und Weise Camper für ihre Ferien im Wohnmobil mieten. Für beide, Vermieter wie Mieter, ist dies mit einem Versicherungsschutz verbunden.

Und wie tut Mycamper dies?
Indem wir Mietern wie auch Vermietern eine dezidierte Online-Plattform zur Verfügung stellen. Und dies mit dem sogenannten «Asset-light»-Ansatz: Uns selber gehören die Fahrzeuge nicht; sie werden von privaten Vermietern zur Verfügung gestellt. Wir sind quasi das Airbnb der Wohnmobile.

Wie kam es zum Namen MyCamper?
Wir haben ein paar Tage daran herumstudiert. Und uns dann für den Namen entschieden, den wir für den treffendsten, einfachsten und kürzesten hielten.

«Unter den aktuell 1100 Mietobjekten in der Schweiz befinden sich Raritäten wie Retro-Wohnwagen, ehemalige Feuerwehrautos oder Vintage-VW-Busse»

Michele Matt, Gründer und CEO von MyCamper

Wie verdient Dein Startup Geld?
Über eine Kommission der Vermietkosten, die von den Vermietern selber festgelegt werden. Unsere Kommisson beträgt 20 Prozent des Mietbetrages; wenn der Versicherungsschutz gewünscht wird, sind das zusätzlich 10 bis 15 Franken pro Tag.

Wer ist die Zielgruppe von MyCamper?
Grundsätzlich all jene, die Campervans vermieten oder mieten wollen. Auf der Mieterseite sind unsere Kunden im Schnitt 39 Jahre alt, darunter viele Paare, Familien, Outdoor-Fans und immer mehr sogenannte «Hündeler», also Leute, die mit ihrem Hund verreisen wollen. Auf Vermieterseite liegt das Durchschnittsalter aktuell bei 41 Jahren. Speziell auf unserer Plattform ist sicher die Vielfalt der Angebote. Unter den aktuell 1100 Mietobjekten in der Schweiz befinden sich Raritäten wie Retro-Wohnwagen, ehemalige Feuerwehrautos oder Vintage-VW-Busse.

Welches ist Eure grösste Herausforderung?
Die grösste Herausforderung haben wir bereits gemeistert: Eine Versicherungsgesellschaft davon zu überzeugen, mit uns zusammen zu arbeiten. Es brauchte über ein Jahr, bis wir das geschafft hatten. Aktuell ist unsere grosse Herausforderung, die Vermieterseite weiter auszubauen. Damit wir genügend Fahrzeuge anbieten können. Für Vermieter kann dabei einiges herausspringen. Grob gesagt sollten sie mit jährlich vier bis sechs mehrtägigen Ausmietungen die jährlich rund 5000 Franken, die für einen Camper für Versicherungen und Wartung entstehen, wieder einspielen.

«Startup-Gründer sollten von Beginn weg genügend in Automatismen investieren»

Michele Matt, Gründer und CEO von MyCamper

Welches sind die nächsten Meilensteine?
Als zweiten Markt nach der Schweiz haben wir uns Schweden vorgenommen, wo wir kürzlich gestartet sind. Der nächste Meilenstein wird also sein, in Schweden zum Platzhirsch zu werden. Wenn das geschafft ist, werden wir uns weitere Märkte wie Norwegen und Finnland vornehmen.

Welches war der bisher grösste Flop? Und was hast Du daraus gelernt?
In der jüngsten Finanzierungsrunde sprang der Lead-Investor in letzter Sekunde ab – wegen der Corona-Krise. Das Learning daraus ist nicht so einfach, auch deshalb, weil die Covid-19-Sache einfach sehr aussergewöhnlich ist und so nicht voraussehbar war. Wobei ich auch sagen muss: Dass es uns aktuell so gut läuft, ist zu grossen Teilen dieser Krise geschuldet. Zwar hatten wir zu Beginn der Pandemie ein paar hundert Stornierungen, doch dann setzte eine mächtige Gegenbewegung ein: Schweizerinnen und Schweizer bleiben in den Ferien vermehrt im eigenen Land; das Geschäft mit den Camper-Vermietungen läuft auf Hochtouren. Corona hat uns Rückenwind gegeben.

Bei einem anderen Thema liegt das Learning eher auf der Hand: Weil unsere Buchhaltung noch nicht vollständig automatisiert ist, schlagen wir uns jedes Monatsende mit Excel-Sheets herum. Was natürlich nicht optimal ist. Die Lehre daraus: Startup-Gründer sollten von Beginn weg genügend in Automatismen investieren.

«Vermutlich wird es im Bereich der Camper-Portale in den nächsten Jahren zu einer Konsolidierung kommen»

Michele Matt, Gründer und CEO MyCamper

Wie gross soll Dein Startup in drei Jahren sein?
Wenn alles gut läuft, sind wir bis dann in der Schweiz um den Faktor drei gewachsen und in den nordischen Märkten fest etabliert.

Wo steht MyCamper in zehn Jahren?
Oh, das ist eine sehr lange Frist! Ob es uns dann noch in dieser Form gibt, ist heute schwer zu sagen. Immerhin stehen Investoren hinter unserer Firma, die irgendwann einen Exit sehen wollen. In den USA und in Deutschland bestehen heute schon grosse Camper-Portale; vermutlich wird es in diesem Bereich in den nächsten Jahren zu einer Konsolidierung kommen.

News Update: Was seither mit MyCamper geschehen ist

Im Februar 2021 formt MyCamper eine Partnerschaft mit dem Touring Club Schweiz TCS. Die Vorteile sind dabei gegenseitig: Wer beim TCS und dessen europaweiter Plattform Pincamp.ch einen Campingplatz sucht, findet dort neu auch Angebote von Mycamper.ch; wer sich bei Mycamper.ch nach Campervans umschaut, kann dort auch einen Campingplatz buchen.

Der TCS betreibt in der Schweiz 24 Campingplätze und ist zusätzlich zum konventionellen Camping auch beim Thema Glamping aktiv.

Im Mai 2021 sorgt MyCamper für News mit der ersten Übernahme seiner Firmengeschichte. Das Schweizer Startup steigt beim schwedischen Unternehmen Housecar ein. Damit zeigt MyCamper auf seiner Plattform nun 1600 Campingbusse und Wohnmobile in der Schweiz, plus 330 Fahrzeuge in Schweden und Norwegen. 

Mit der Übernahme kann MyCamper schneller wachsen in den nordischen Ländern. Housecar wurde 2019 gegründet und ist mit Campern hauptsächlich in Schweden, aber auch in Norwegen aktiv. MyCamper übernimmt für 550 000 Franken zunächst 21 Prozent, für das Jahr 2023 ist dann die vollständige Übernahme geplant.

Autor:in

Andreas Güntert

Andreas Güntert

andreas.guentert@derinternaut.ch

Seit 1994 erforscht und beschreibt Andreas Güntert hauptberuflich als kritischer Sympathisant der Wirtschaft die Schnittstellen von Konsum, Gesellschaft und Reise-Industrie. Als der Internaut lotet er ausserdem das Reise-Internet aus. Er findet Nützliches, Begeisterndes und manchmal auch Absurdes. Der Internaut ist ein Reise-Storyteller.

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