Appéro: Per Smartphone übriggebliebene Leckereien zum Tiefpreis ergattern – das ist «Too Good To Go». Eine wertvolle Idee mit Luft nach oben.

Die Zahl erschreckt beim ersten Lesen. Und beim zweiten bleibt einem der sprichwörtliche Bissen im Hals stecken: Geschätzte 290 000 Tonnen Lebensmittel werden in hiesigen Restaurants und Take-Away-Betrieben jährlich weggeschmissen. Dabei wären zwei Drittel davon noch geniessbar. Eine kolossale Verschwendung. Man muss nicht ein selbsternannter Gutmensch sein, um solchen «Foodwaste» absolut daneben zu finden.

Per App Foodwaste verhindern. Eine spannende Idee, wie man der Verschwendung entgegenwirken kann, kommt aus Dänemark. Und sie ist daran, in der Schweiz Fuss zu fassen. Über die kostenlose App Too Good To Go können Gastrobetriebe Speisen, die kurz vor Ladenschluss oder nach dem Mittagsservice übrig sind, vergünstigt anbieten. In der Regel zum halben Preis. Rund 200 Betriebe, so heisst es, machen bei dieser Aktion in der Schweiz bereits mit. Über die «Anti-Foodwaste»-App ist schon viel geschrieben worden. Dass das eine löbliche Sache ist, versteht sich von selbst. Hübsch auch der Slogan von Too Good To Go: «Und die Verschwendung ist gegessen.» Aber wie läuft das ganz konkret ab in der Realität? Ein klarer Fall für «Appéro». In dieser Rubrik gehen wir jeweils einer App auf den Grund. Ich rücke aus als sogenannter DAU, als dümmster anzunehmender User. Getreu dem Motto: Wenn ich es verstehe, verstehen es alle anderen bestimmt auch.

In Zürich setze ich mich auf eine Bank bei der Pestalozziwiese. Schnell ist die App gestartet. Und sie überzeugt. Per Karten-Ansicht oder auch per Ordnung nach Distanzen werden Lokale mit ihren Angeboten angezeigt. Darunter auch die Warenhäuser Globus und Jelmoli. Innerhalb einer Gehdistanz von einem Kilometer tauchen an diesem Samstagnachmittag 34 Angebote auf. Immer mit Angabe des Gerichts, des Preises, der Uhrzeit und der Verfügbarkeit. Zum Beispiel so: «Eine frische Ofenkartoffel mit feiner Füllung oder ein Sandwich» in der Gärtnerei an der Sihlstrasse 23, 4.50 Franken. Abholzeit 16 bis 16.25 Uhr, fünf und mehr Angebote übrig. Gehdistanz 272. Meter. Perfekt.

Zwei Dämpfer. Zunächst aber interessiert mich ein Angebot im noch näher gelegenen Globus-Warenhaus. «Frisches Sandwich, Sushi oder Salat», steht hier zu lesen, 5 Franken. Für die teure Stadt Zürich ein toller Preis. Was erstaunt: Als Abholzeit ist 21 bis 21.20 Uhr angegeben, doch das Angebot wird schon als ausverkauft angezeigt. Ist das der Stand vor Vorabend? Oder von heute? Und wo genau in dem grossen Konsumtempel wäre das abzuholen? Man weiss es nicht. Ein erster Dämpfer. Und er zweite folgt sogleich. Ich will mich erkundigen im Edel-Warenhaus. An der Bar im Globus-Erdgeschoss hat man noch nie gehört von «Too Good to Go» und schickt mich an den Info-Schalter, der hier schickerweise «Service-Lounge» heisst. Eine sehr freundliche Dame hat dort, man ahnt es, ebenfalls noch nie gehört von der App. Sie ruft im Globus-Restaurant an – doch dort weiss man ebenfalls von nichts.

Nicht gut. Was mir auch nicht gefällt: Von den 34 Angeboten, die innerhalb einer Gehdistanz von tausend Metern angegeben werden, sind schon 22 ausverkauft. Obwohl die Mehrzahl davon erst für eine abendliche Abholzeit vorgesehen ist. Wie kann das sein? Wenn ich den absolut tollen Grundgedanken der App richtig verstehe, sollte doch eigentlich erst kurz vor Feierabend feststehen, wie viele der schmackhaften Speisen liegengeblieben sind. Ich mache mich auf zur Gärtnerei an der Sihlstrasse. Dort weiss man vom Angebot, es ist verfügbar und wird gut erklärt. Der Haken: Aktuell kann man nur davon profitieren, wenn man seine Zahlungsdaten auf der App hinterlegt hat. Bar oder per EC-Karte bezahlen geht nicht.

Netter Nebeneffekt. Mir scheint, dass hier ein toller Gedanke zwar optisch ansprechend auf einer App umgesetzt ist, in der Realität aber noch Luft nach oben hat. Wie ich mit Blick aufs Smartphone durch die Stadt eile, ergibt sich eine angenehme Nebenwirkung. Es tauchen Betriebe auf, von denen ich noch nie gehört habe. Zum Beispiel der Sandwich- und Suppen-Take-Away Fux & Haas oder der Curry-Hotspot Cima oder das Thach Public Catering. Spannende Neuentdeckungen warten.

Warten will auch ich. Darauf, dass die absolut bewundernswerte App ihre Kinderkrankheiten ablegt. Dann geh ich wieder los. Auf ethisch korrekte Häppchen- und Schnäppchenjagd.

 

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