Level 52 (II): Wie man in harter Arbeit den Wortschatz im Strassencafé schult.

Die Leute auf Tripadvisor Valencia sind ungnädig. Muy ungnädig: Nur gerade für Platz 2255 von insgesamt 3006 aufgeführten Restaurants reicht es für das Lokal, das ich mit Eifer besuche. Die Lage ist optimal, der Service überaus freundlich, die Kost solide – daran kann die schlechte Bewertung nicht liegen. Eher daran, dass die Gäste hier nicht auf ein kostenloses Wi-Fi zugreifen können. Ein Wasserloch ohne Gratis-Internetzugang: Das wird heutzutage brutal abgestraft. Der sonst sehr internetaffine Internaut sieht es anders: Zum Glück ist das hier eine Offline-Zone!

Sehen Sie die sieben weissen Sonnenschirme? Muy bien! Dann sehen Sie nämlich auch mein Open-Air-Sprachlabor. (Bild: DerInternaut.ch)

Tapas y Tertulia. Schliesslich will ich an diesem Ort nicht irgendwelche News oder Facebook-Posts anschauen. Was ich will: Meinen Sprachschatz schulen. Das gelingt vor allem am späteren Abend hervorragend. Wenn die Touristen abgeschwirrt sind und sich die Meteo etwas abgekühlt hat, kommen meine heimlichen Sprachlehrer. Je nach Tagesform zehn bis zwölf Einheimische im Alter über 70, die sich ab 21 Uhr draussen an einem Tisch versammeln, ein paar Tapas bestellen und «tertulia» halten. Das kann man mit «Abendgesellschaft» oder «Stammtisch» übersetzen. Kaum haben sich die Leutchen hingesetzt, passiert zweierlei: Sie beginnen zu palavern. Und ich fahre meine Ohren aus.

An dieser Stelle ein kurzer Exkurs über Restaurants als wertvolle Studien-Einrichtung für Sprachschüler. Für mich gibt es, grob gesagt, drei Erfolgsstufen in diesem Biotop – mit Zwischennoten. Stufe 1a: Man schafft es, fremdsprachlich etwas zu bestellen – und erhält tatsächlich das serviert, was man haben wollte. Stufe 1b: Man kann sich nach Beilagen, Zubereitungsarten und Rohmaterial erkundigen. Stufe 2a: Man bringt in einem Lokal mit Gratis-Wi-Fi den WLAN-Code korrekt in Erfahrung. Oft eine Herausforderung, denn in der Regel rasselt das Personal den Code im Tempo des gehetzten Affen runter. Fragt man ein zweites Mal, wird selbstverständlich noch schneller gerasselt als beim ersten Mal. Stufe 2b: Man versteht sogar, ob der Code in Gross- oder Kleinbuchstaben gehalten ist oder ob noch ein Sternchen oder sonstiges Satzzeichen dazugehört. Wer das alles schafft: Schon mal muy bien!

Heimliche Sprachlehrer. Als Stufe 3 sehe ich den Sprung ins Sprachbad: Aktives Mitverfolgen einer Diskussion von Eingeborenen zum Zwecke, sich neue Wörter, Wendungen und sonstige sprachrelevante Informationen anzueignen. In dieser Disziplin erwacht meine Restaurant-Terrasse so richtig als Open-Air-Sprachlabor. Das schwierige dabei: Am Tisch meiner zehn bis zwölf Plaudertaschen werden durchschnittlich drei Gespräche gleichzeitig geführt. Da wird aktives Hinhören zur abendlichen Schwerstarbeit. Mich selber einbringen in die Plauderei möchte ich lieber nicht – denn das führt dazu, dass die Leute nicht mehr so reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Genau das aber möchte ich. Also halte ich mich still und höre einfach zu. Dass meine heimlichen Sprachlehrer schon etwas älter sind, passt gut: So gerate ich nicht in Gefahr, mir irgendwelche jugendlichen Slang-Wörter zu merken, die ausserhalb der Szene kein Mensch versteht. Der Sprachschatz der Alten wird wohl nie gänzlich aus der Mode kommen.

In der Regel merke ich mir ein paar sprachliche Perlen dieser Leutchen – und validiere neu gelernte Wörter und Wendungen am nächsten Tag in der Sprachschule. Von der abendlichen Listening-Comprehension habe ich ein paar schöne Trophäen mitgebracht: Etwa «el chupatintas». Wörtlich bedeutet das «Tintenschlecker», gemeint damit ist ein Schreiberling oder ein Büroarbeiter niederen Ranges. Hübsch auch das Wort «el finde»: Das ist die Abkürzung von «fin de semana» und bedeutet – Sie ahnen es – «Wochenende». Ebenfalls ins Repertoire genommen habe ich «el auge» (sprich: «auche»). Damit ist nicht ein Augapfel, sondern der «Aufschwung» gemeint. Wobei aber viel öfter von «la crisis» gesprochen wird.

Der Teufel und sein Poncho. Einmal schaffte ich es sogar, eine Wendung heimzubringen, die meine sonst so kundigen Sprachlehrer noch nie gehört hatten. Es geht um die Beschreibung eines sehr abgelegenen Ortes. Also das spanische Äquivalent davon, was wir im deutschsprachigen Raum als «mitten im Nirgendwo» bezeichnen oder im Züribiet als «zmittst im Gjätt uss» oder kürzer noch als «güggehü» kennen. Der Iberer hat für solche Fälle stets das Hinterteil zur Hand: «en el culo del mundo», heisst das hier, was recht genau unserem «am Arsch der Welt» entspricht. In diesem Zusammenhang fiel mir fast das Agua de Valencia aus der Hand, als ich von einem der Tischnachbarn diese Sprachperle zu Ohren bekam: «Donde el diablo perdió el poncho». Zu Deutsch: «Wo der Teufel den Poncho verlor». Eine herrliche Metapher für das Ende der Welt. Eine kurze Abklärung meiner zutiefst verblüfften Maestra ergab: Ja, das ist eine verbriefte spanische Wendung. Aber hauptsächlich angewandt in Argentinien, Chile und Peru. Und jetzt auch von mir. Gracias, Open-Air-Sprachlabor!

Jetzt bin ich Ihnen wohl noch den Namen meiner Freilugt-Lehrstätte schuldig. Weil wir hier unter uns sind, kann ich es ja verraten. Das valencianische Altstadt-Lokal ohne Gratis-Wi-Fi liegt sehr malerisch bei den Serranos-Türmen und heisst «La Maruja» , was auf Spanisch «biedere Hausfrau» bedeutet.

Discreción, por favor! Gehen Sie doch mal bei Maruja vorbei, wenn Sie das Glück haben, in Valencia sein zu dürfen. Aber tun Sie mir einen Gefallen: Geben Sie sich nicht zu erkennen! Diskretion! Kein Wort zu den älteren Herrschaften! Das Gebot ist: Hinhören und Schweigen! Würde die Tertulia-Runde davon erfahren, dass sie zwecks Wortschatzsteigerung belauscht wird, käme sie möglicherweise zum Verstummen – und das Open-Air-Sprachlabor ginge zugrunde. «¡Que lástima!», könnte man dann nur noch rufen: Wie schade!

Denn abgesehen von seinen Lehrqualitäten bietet diese Terraza einen weiteren unschätzbaren Vorteil für einen wie mich, der zu den ältesten gehört in der Sprachschule.  Bei Maruja ist das total anders: Mit Level 52 bin ich immer der jüngste im Open-Air-Sprachlabor.

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