Level 52 (I): Wie man den Sprachkurs überlebt, wenn alle anderen im Klassenzimmer jünger sind. Und besser.

Wofür sind eigentlich all die verschiedenen Sprachen gut? Vor ein paar Jahren hat mir das mal ein mexikanischer Spanisch-Maestro so erklärt: «Englisch ist die Sprache fürs Business. Französisch die Sprache für die Küche. Deutsch wurde gemacht für die Polizei, und Italienisch ist die Sprache der Liebe.» Und Spanisch? «Spanisch», sagte der 1.60 Meter grosse Mann und plusterte sich würdevoll auf, «Spanisch ist die Sprache, um mit Gott zu reden.»

Gott ist anspruchsvoll. Wer in einer solchen Unterhaltung mehr verhandeln möchte als nur Banalitäten, muss sich gut auf eine Sprechstunde vorbereiten. Ich weiss das sehr genau. Nicht weil ich schon solche Gespräche mit Ihm geführt hätte – sondern weil ich aktuell in Valencia an meinem Spanisch arbeite. Die Sprache wartet mit einigen Feinheiten – manche sagen auch Fiesheiten – auf. Wann sagt man «para», wann heisst es «por»? Wie ging das schon wieder mit dem Subjuntivo? Das Verb «sein» kann man mit «ser» übersetzen, aber auch mit «estar». Wann setzt man «ser» ein? Und wann «estar»? Das alles und noch einiges mehr will ich hier auffrischen. Der letzte Spanisch-Sprachkurs ist nämlich schon ein Weilchen her. 25 Jahre, um genau zu sein.

Sprachschulen im Ausland sind ein tolles Erlebnis. Aber als älterer Mensch muss man sich anstrengen, um mit den Jüngeren mithalten zu können.

Die Hölle hat einen Namen: Por oder para? Damit geht es schon am frühen Morgen los.

Ich beschäftige mich also damit, im International House Valencia Dinge zu lernen, die ich schon einmal hätte können sollen. Ich will an dieser Stelle nicht erzählen von meiner bedingungslosen, überlebensgrossen und vollumfänglichen Valencia-Verknalltheit. Dazu vielleicht ein anderes Mal. Heute rede ich lieber über meine Klasse.

Dort fällt mir zweierlei auf. Erstens: Alle sind jünger als ich. Den Satz, dass meine Mitstudenten meine Kinder sein könnten, muss man in gewissen Fällen präzisieren: Einige meiner Klassenkameraden sind jünger als meine Kinder. Zweitens: Das Jungvolk ist brillant unterwegs. Pfiffige Leute sind das, die blitzschnell kombinieren, sich verblüffend gut auskennen im Labyrinth der Grammatik und auch mal angeregt mit der Maestra über eine Präposition diskutieren, von deren Existenz ich nichts gewusst habe.

In der Klasse sitzen Eleven aus vier Kontinenten. Die Europäer sind durch das Erasmus-Programm schon viel herumgekommen. Gestählt durch die Bologna-Reform wissen sie, wie man schnell und nachhaltig Lernerfolge erzielt. Die Leute aus Übersee sind ebenfalls tüchtig – vielleicht angetrieben von Tiger-Müttern und Stachanow-Vätern? Ich weiss es nicht. Was ich weiss: In dieser Klasse mitzuhalten ist eine Challenge. Diese Kids sind auf Zack.

Oder bin ich vielleicht nicht mehr so auf Zack? Mit 52 – «Level 52» pflege ich auf die Frage nach meinem Alter zu antworten – ist die Festplatte halt schon ein gutes Stück voller als jene der Kids. Die Response-Zeit leidet etwas. Die Jungen sind sich lange Aufenthalte in Klassenzimmern und Auditorien gewohnt, ich hingegen ermatte recht zuverlässig nach 20 Minuten. Im Unterricht geht es im flotten Tempo vorwärts, und bei nur zehn Schülern ist die Chance gross, dass man jeden Moment um eine profunde Stellungnahme gebeten wird. Wie überlebt man das? Ich habe mir eine Survival-Strategie zurechtgelegt, die aus dem alten Jahrtausend stammt: «Warte, Luege, Lose, Laufe». «Warte, lose, luege, laufe».

Auf die Klassen-Situation übertragen heisst das: Ich höre eher einmal zu, als mich in jede Diskussion einzubringen. Das gibt mir Zeit, Wörter und Wendungen nachzuschlagen. Wenn ich etwas nicht ganz raffe (sagt man das heute noch?), mache ich mir Notizen, um das Thema später zu vertiefen. Ich limitiere aber die Zahl dieser Aufgaben auf drei pro Lektion, um mich nicht unter Druck zu setzen. Wenn es sich machen lässt, setze ich mich vor und nach der Lektion an einen gesonderten Ort, um Lerneinheiten zu vertiefen. Dabei verfolge ich eine bipolare geografische Strategie. Am zweitliebsten setze ich mich auf eine Bank in den grandiosen, sieben Kilometer langen Stadtpark von Valencia, die Jardines del Turia.

Am liebsten aber gehe ich ins Open-Air-Sprachlabor. Wie das genau funktioniert, welche drei Erfolgsstufen man im Freiluft-Learning ansetzen kann und wo ich mich bezüglich Stufe drei am liebsten postiere in Valencia, davon erzählte ich la próxima vez. So sagt es der Spanier, wenn er das meint, was ich hier auch meine: nächstes Mal.

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