Camping? Es ist kompliziert. Wie smarte Amerikaner das gemeine Zelt jetzt ganz neu denken.

Viele Menschen gewinnen dem Campieren zahlreiche romantische Facetten ab. Herz und Hirn Zigtausender Menschen hier im Lande sind voll schöner Outdoor-Erlebnisse. Davon könnte auch ich erzählen. Ebenso in Erinnerung geblieben ist mir aber auch, was alles schiefging. Am Open Air in St. Gallen tropfte spontan Wasser von der Decke. Diagnose: zerrüttete Beziehung zwischen Aussen- und Innenzelt. Auf Sardinien stolperte ich nächtens ständig über Heringe und fies gespannte Schnüre. Diagnose: Stirnlampe vergessen. In Agno TI sank ich beim ersten Schritt aus dem Zelt knöcheltief in eine Matschlandschaft. Diagnose: Vorzelt-Bereich mangelhaft rekognosziert. Ein anderes Mal hatte ich beim Einpacken zwar an Innen- und Aussenzelt gedacht. Dabei aber leider das Gestänge vergessen. Finale Selbstdiagnose: Fürs Zelten nur bedingt geeignet.

Fast schon wollte ich meine persönliche Krankenakte Camping schliessen und mich künftig ausschliesslich auf Anbieter konzentrieren, die wie www.eurocamp.ch fertig installierte Zelte anbieten. Oder ein neues Verfahren ausprobieren, das mir wenigstens den Abbau-Ärger erspart. Weil sich das Zelt nach Gebrauch selber kompostiert, http://soz.li/RifM.

Doch dann bekam ich Wind davon, dass clevere Leute aus Colorado an Menschen wie mich denken. Sie katapultieren den Camping-Komfort ins Zeltall. Nix da mit Heringen, mühsamen Stängelchen oder Kampf gegen Bodenunebenheiten. Das Zauberwort heisst Autonomoustent 2.0 (www.autonomoustent.com). Das Superzelt der Amis kommt mit Metallrahmen und starkem Stoffdach, verfügt über eine Holzveranda, bezieht Energie über externe Solarpanels und gleicht inwendig einer Hotelsuite. Per Bahn oder Postauto lässt sich das Teil allerdings nicht transportieren, es braucht einen Autoanhänger. Und ein dickes Portemonnaie. Der Zelthimmel auf Erden hat seinen Preis. Die 65-Quadratmeter-Variante «Cocoon» kostet 100 000, die 90-Quadratmeter-Ausgabe «Tipi» 200 000 Dollar. Meine Zelt-Krankheit wäre so immerhin geheilt. Und für die Gesundheit soll einem ja nichts zu teuer sein.

© SonntagsZeitung; 11.09.2016

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