Der Südkanton wacht auf. Das wurde auch Zeit.

Mein Bleistift war gespitzt, der Notizblock datiert, die Vor-Recherche im Kasten. Nur der Ort des Interviews schüchterte mich etwas ein: Ich stand auf einer Bahnbrücke in Intragna, 70 Meter unter mir gurgelte das Flüsschen Isorno, über meinem Kopf ratterten Regionalzüge durch. Aber der Termin sollte ja nicht lange dauern. Ich wollte nur mal kurz einen Bungee-Master fragen, wie sich das so anfühlt, wenn sich gewisse Leute mit einem Seil am Bein von der Brücke stürzen.

Seine Antwort erschütterte mich. Viel sagte er nicht, der Bungee-Boss. Aber was er sagte, war ein Befehl: «Um das zu wissen, musst Du schon selber springen.» Ein paar hastig herbeischwadronierte Ausreden meinerseits nützten nichts. Erstaunlich schnell hatte ich ein Seil ums Bein und stürzte mich in die Tiefe. Ein paar Minuten später hatte ich zwei Antworten. Nein, ich wusste noch immer nicht, weshalb sich das die Leute antun. Und ja, das würde bestimmt mein letzter Bungee-Jump bleiben.

Die Story ist ein paar Jährchen her. Ich wärme sie heute auf, weil auch das Tessin damals auf dem Weg nach unten war. Die Billigflieger starteten ihre Karriere europaweit. Wer vorher mal eben kurz nach Locarno oder Ascona reiste, konnte das nun fast ebenso günstig nach Barcelona oder Nizza tun. Die Hotelkästen kamen in ein Alter, das nicht dem beliebten Retro-Chic entsprach. Bisherige Stammgäste, oft betagte Herrschaften aus Deutschland, kamen weniger oft. Die Jungen kamen nicht nach. Später dann vergällte der Euro-Schock vielen Ausländern den Spass am Ticino – und er steigerte den Spass der Schweizer an Norditalien.

Mit dem Ticino-Ticket wird ein ganzer Kanton erfahrbar. (Bild: DerInternaut.ch)

Jetzt tut sich wieder was. Der Südkanton, der das Zeug zur Côte d’Azur in seiner DNA trägt, wacht auf. Innovative Köpfe haben neue Konzepte lanciert und alte Kästen aufpoliert. Dass sich durch die Eröffnung des Gotthard-Basistunnels die Reisezeit auf der Nord-Süd-Achse um rund 30 Minuten verkürzt, ist natürlich Gold wert fürs Tessin. Und für die Reisenden. Das wird zwar erst am 11. Dezember passieren, doch die App http://www.gottardo2016.ch/de/app gibt schon mal einen hübschen Vorgeschmack. Eine coole Innovation ist auch das http://www.ticino.ch/de/ticket.html, das ab 2017 alle jenen freie Fahrt im Tessiner ÖV gibt, die im Hotel, auf dem Campingplatz oder in der Jugi übernachten. Ein paar Tessiner Perlen gibt’s nächste Woche, wenn es heisst: «Make Ticino great again (II).

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