Es gibt gute Gründe, Mails während der Ferien zu checken. Und ebenso gute dagegen. Hier kommt Ihr Survival-Guide.  

Zunächst etwas in eigener Sache: Dieser Internaut-Beitrag kommt spät. Viel später als sonst üblich. Sorry. Weshalb es zu einer Verspätung gekommen ist, und wie das in Beziehung steht zu einer Airport-Sicherheitskontrolle, einer Bibliotheek (jawoll, mit doppeltem «e») und einem schrecklichen holländischen Wort, erkläre ich nicht heute. Aber bald. Bleiben Sie dran.

Weiter im Text! Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja: Soll man in den Ferien in seine beruflichen Mails hineinschauen? Oder gerade eben nicht?

Powern, Plaudern, Posten: Der Berufsmensch, mit dem ich mich kürzlich unterhalten habe, steht ständig unter Strom. Ist auf allen Social-Media-Kanälen unterwegs und scheint zu allen Zeiten online zu sein. Umso mehr erstaunte mich, was mir dieser typische Vertreter der heutigen «Always-On»-Mentalität über seinen Ferien-Modus sagte. Er sagte mir, dass er in den Ferien «always off» sei: «Das Smartphone nehme ich zwar mit, aber meistens ist es ausgeschaltet.» Und zur elektronischen Post hat dieser Mensch, der in seiner Arbeitszeit E-Mails in aller Regel innert Minuten antwortet, eine ganz besondere Ferien-Beziehung. Nämlich keine: «Mails schaue ich mir im Urlaub nie an. Mails bringen immer nur bad news. Und das kann ich in den Ferien nicht brauchen.»

In den Ferien nur ins Weite schauen – oder doch auch mal in die E-Mails? (Bild: DerInternaut.ch)

Info-Vorsprung. Kaum ein Ferien-Thema aus dem Work-Life-Balance-Themenkomplex löst so viele unterschiedliche Meinungen aus wie jenes, das sich ums Mail-Reingüxeln dreht. Soll man in den Ferien berufliche Mails checken, oder soll man nicht? Ist es der Erholung förderlicher, total abzuschalten, wie es mein Digital-Gewährsmann sagte? Oder ist es besser, ab und zu mal nach dem Rechten zu schauen? Die dezidierten Reingucker jedenfalls gibt es. Ein sehr aktiver Geschäftsmann, der in der Touristik, im Baubereich und beim Rasenschach involviert ist, erklärte mir kürzlich, warum er seine Mails jeden Tag an jedem Ort der Welt lesen will: «Wenn man weit entfernt in der Schweiz einen Konzern am Laufen hat, gleichzeitig ein Hotelneubau stattfindet und sich auch im Fussball neue Sachen tun, will man einfach jederzeit wissen, wie sich die Dinge entwickeln.»

Als ich das Thema kürzlich mit Romy Gerhard diskutierte, staunte ich ebenfalls. Von der Geschäftsleiterin der Zürcher Firma HRnet, die unter anderem auf die Themen Arbeitstechnik und agiles Management spezialisiert ist, hätte ich ferienbedingte E-Mail-Abstinenz erwartet. Aber falsch. Sie antwortete mir per Mail aus ihrem Bali-Urlaub. Gerhard schaut sich ihre Mails auch in den Ferien täglich an. Nix da mit Schiss, dass Negatives ihre Ferien trüben könnte: «95 Prozent meiner Mails sind positiver Natur. Die anderen 5 Prozent clicke ich weg.» Wenn sie sich täglich kurz ihrem Geschäft widme, sagt die Organisations-Spezialistin, erhalte sie eine Art Info-Vorsprung auf ihre Rückkehr ins Geschäftsleben. Indem sie einige Dinge antizipiere, könne sie mehr vom Ferien-Feeling in den Alltag hineinnehmen.

Mittelweg und Horchposten. Ja was denn nun: In den Ferien keinen Gedanken an die Arbeit verschwenden? Oder ganz im Gegenteil ein wenig verbunden bleiben damit, um so das Heimkommen zu erleichtern? «Ein Patentrezept gibt es nicht», sagt Gerhard, «den optimalen Umgang mit solchen Dingen muss jede und jeder für sich selber herausfinden.» Was sie auch sagt: «Möglicherweise sehnen sich vor allem jene Leute nach dem totalen Abschalten, die sich zuvor total verausgabt haben.»

Zwischen totaler Abstinenz und täglichem Mail-Gucken gibt es natürlich auch den Mittelweg, für den ich plädiere: Zweimal pro Woche kurz reinschauen, um sich einen gewissen Basis-Wissensstand zu verschaffen. Oder man instruiert seine Stellvertretung (falls glücklicherweise vorhanden) daheim so gut, dass sie auch als eine Art Horchposten fungiert: Immer dann, wenn sich Dinge so entwickeln, dass man sie mit einem kurzen Auswärts-Einsatz in eine günstigere Richtung lenken könnte, wird der Ferienmacher per SMS avisiert. Es steht ihm (oder ihr) dann frei, einzugreifen. Oder auch nicht.

Mehr Ferien im Alltag. Möglicherweise ist die Mail-Gretchenfrage «Reinschauen oder Wegschauen» aber auch Teil einer grösseren Thematik. Im Grossen und Ganzen geht es wohl eher darum, wie wir Arbeit und Freizeit definieren. Wie schädlich es sein kann, in den letzten Tagen vor den Ferien übermenschliche Leistung zu geben und danach auf Ruhepuls runterzufahren, haben wir letztes Mal schon verhandelt. Romy Gerhard formuliert das so: «Statt von 150 Prozent Einsatz brüsk auf null Prozent runtersausen, würde man besser dem Alltag etwas mehr Leben einhauchen und nicht ständig noch eine Schippe mehr drauflegen.» Das klingt wie ein Vorsatz, sein Leben lebenswerter zu machen. Sagt man dem vielleicht WFB – Work/Ferien-Balance?

Das klingt wie ein guter Vorsatz, sein Leben lebenswerter zu machen. Mir kommt da eine hervorragende Zeit in den Sinn, um solche Sachen mal etwas vertiefter durchzudenken: Ferien.

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