95 Meter Gassen-Glück: Im maurisch-malerischen Jaffa sammeln wir Kraft, trinken Saft und suchen ein Skelett.

Starke Strecke Rabbi Yohanan Street: 95 Meter Glück. (Bild: Bernhard Fischer)

Tel Aviv ist die Partystadt Israels, die Bubble des Glücks im sonst so turbulenten Nahen Osten. Wo es noch eine Spur beschaulicher geht, zeigt uns heute Bernhard Fischer.

Unterwegs in Tel Aviv: Journalist Bernhard Fischer (Bild: Nava Sutter)

Der Journalist führt uns ins maurisch-malerischen Jaffa, der Altstadt – mit einem der schönsten und hippsten Flohmärkte der Region. Und jetzt hat Bernhard das Wort:

Jaffa ist der (ur-)alte Teil von Tel Aviv. Und hat ausser der unmittelbaren Nachbarschaft nichts gemein mit den modernen Hochhäusern und den schlohweissen Bauhäusern der grossen Schwesterstadt auf dem Frühlingshügel (das bedeutet Tel Aviv).

Home of Eintopf. Archäologische Ausgrabungen in Jaffa sind gut 3500 Jahre alt. Im Mittelalter war Jaffa ein wichtiger militärischer und ökonomischer Hafen. Heute ist es einer der schönsten Aussichtspunkte über den Strand und die Skyline von Tel Aviv. Und die Heimat von Chumus-Kichererbsencreme und Shakshuka-Eintopf.

 

Ein Drink

Für Saft und Kraft: Thailand Beach (Bild: Bernhard Fischer)

Bevölkerte Gässchen, lebhafte Strassenmusik und schriller Techno aus der Küche des lokalen Chumus-Meisters Eliron – das macht lebhaft Spass, braucht aber einen coolen Kopf.

Besonders wenn die Sonne runterbrennt wie die meiste Zeit im Jahr. Da hilft am besten ein kühler Saft vom «Thailand Beach» in der Yohanan/Ecke Rabi Pinkhas Street.

Frisch aus der rasenmähergrossen Hochleistungspresse mit Fluglärm entweder ein Fruchtsaft aus Granatapfelkernen, Mango- und Ananasstücken.

Oder für die Vegetabilen: Rote Bete, Karotte, Apfel, Ingwer. Schmeckt fein, fährt ein.

 

Ein Kaffeehalt

Alles Gute kommt von oben. Und bei bei Raisa auch von unten: Der Kaffee. (Bild: Bernhard Fischer)

Wer ohne Kaffee kein Mensch ist, und zu denen gehöre ich, der braucht mindestens fünf Mal am Tag Mokka intraoral. Und das vorzugsweise bei Raisa an der Bar in der Yohanan Nummer 8. Beton trifft Holz trifft Metall, Café und Nachtklub in einem. Auch wenn der Kaffee von den nicht so dicken Israel-Freunden am Bosporus stammt. Der Türkische im Glas bei Raisa ist ein Delight im 24/7-Ambiente einer Frühstückslunchdinnerbar. Einmal serviert sollte man 10 Minuten warten, bis sich der Bohnensand gesetzt hat. Dann darf der Schluck auch mutig sein, der Kafisatz bleibt garantiert unten und die Laune oben.

Eine Mahlzeit

Puaa! Eine Mahlzeit zum Niederknien.  (Bild: Bernhard Fischer)

Das Defilee hungriger Studenten, Ärzte, Touristen und Tagelöhner reicht bis ans Strassenende. Das geht mittags wie abends, die Warteschlange ist immer gleich lang. Aber wer sich geduldet und auf einen Platz warten kann, bekommt nicht nur alles, sondern auch Auberginen mit Ziegenjoghurt und Pesto. Im Ofen geschmurgelt und eine Bombe des Geschmacks. Puaa! So heisst auch das Lokal gleich neben dem Raisa. Dazu gibt’s so simples wie gutes Lammhack auf Reis und Peterli, mit Tahina und Gewürzen aus 1001 Nacht. Das grosse Geheimnis dazu: geröstete Mandelstifte. Zum Niederknien, wer nicht schon sitzt.

Ein Shop

Waffeln sind zum Shoppen da. Mindestens bei Maasiya. (Bild: Bernhard Fischer)

Jetzt wird’s entzückend. Ich dachte immer, Waffeln seien diese gleichmässig gegitterten und ausgebackenen Vierecke aus Teig. Hier, an der Hausnummer 6 bei Maasiya sind das Stoffe, genau gesagt Waffelstoffe. Hier gibt es Kleider, Tüechli, Hausschuhe und poussierliche Schlabberohrwesen für Dreimonatige zum Spielen. Die Besitzerin ist ausgebildete Näherin und Designerin mit einem Faible für die 60er und 70er Jahre. Mancher neu verarbeitete Stoff stammt auch noch aus dieser Zeit. An die Waffelstoffe erinnern sich vor allem Kibbutzbewohner, die sich vor 30 Jahren damit zudeckten und einkleideten. Ein Laden mit viel Liebe, Nostalgie und Herzlichkeit. Zum Schauen, Wühlen und Probieren.

Noch ein Shop

Ein schmucker Flohmarkt. Und erst noch überdacht. (Bild: Bernhard Fischer)

Der alte Mann und das Meer – Moshe trägt eine Seemannskappe, ein knappes T-Shirt und einen weissen Bart und ist an den Armen mit schwarzroten Blumen tätowiert: die gelungene Kombi aus Matrose und Innenarchitekt. In seinem Laden im Hausblock Yohanan 6 gibt es kupferne Kombüsenlampen, eine Werkbank mit Schraubstock – umfunktioniert in einen Bücherschrank – und sogar ein restauriertes Schiffssteuerrad aus Holz. Alles ein bisschen teuer für einen Flohmarkt, aber sehr schmuck und mit viel handwerklichem Können aufpoliert.

Ein Mitbringsel

Sie finden es schwierig, diesen Laden zu finden? Einfach nach dem Skelett fragen! (Bild: Bernhard Fischer)

Die Soldaten der Israeli Defense Forces machen gerne einen Abstecher hierhin. In dem Laden gibt es Schallplatten aus der alten Zeit, als Tel Aviv noch der Frühlingshügel war und Zusammenhalt und Judentum von vielen in nationalreligiösen Liedern besungen wurden. Auch für Touris ist der Laden ein Fundus an klanglichem Lokalkolorit: von Ofra Haza über Bob Dylan bis Jemen gibt es hier drei Stück patinöses aber funktionstüchtiges Vinyl für 100 Schekel – also umgerechnet 25 Franken. Wo sich der Laden befindet, lässt sich nicht so einfach sagen. Er hat weder einen Namen noch eine Hausnummer und auf Nachfrage nur den Hinweis auf ein Skelett im Eingang. Mit diesem Hinweis findet man den Plattenladen ganz einfach. Jedenfalls in der Yonahan Street. Und mit viel Urlaub zum An- und Nachhören.

Die Anreise:

Mit dem Bus 18 oder 25 von der Station Allenby/Balfour (in etwa das Zentrum von Tel Aviv) acht Stationen und elf Minuten Fahrt bis Yerushalayim Blvd/Ben Tsvi Road. Von dort aus vier Minuten zu Fuss bis zum Flohmarkt und zur Yohanan Street in Jaffa/Yafo.

Und wenn wir schon mal hier sind: Starke Orte in Gehdistanz

Im Zentrum von Jaffa ist der Uhrenturm nicht zu übersehen. Von dort aus  führt eine leicht ansteigende Strasse in Serpentinen zum höchsten Aussichtspunkt von Jaffa. Auf diesem Weg kommen wir an der Muhamidiya Moschee vorbei. Draussen sind Wasserhähne zum Füssewaschen, die Räumlichkeiten rund um den Innenhof sind karg, aber hübsch mit gemusterten Fliesen ausgestattet. Mit ein bisschen Mut darf man hinein und bekommt etwas zu sehen.

Für die Müden unter uns gibt’s ein paar Minuten weiter auf der selben Strasse im Ramses Garten und im Abrasha Park die Gelegenheit für ein Nickerchen unter Palmen und mit einer Meeresbrise neben dem Amphitheater von Serge Tiroche. 

Wer Zeit hat, bis zum Sonnenuntergang in Jaffa zu bleiben, kann sich gleich neben dem sehenswerten Jaffa Museum ein Ticket für eine Vorstellung im arabisch-hebräischen Alsaraya-Theater besorgen. Das Theater ist klein aber fein und steht im Auftrag der Völkerverständigung zwischen Juden und Arabern. Ein Kleinod der Kleinkunst ganz gross.

Starke Strecke Tel Aviv: Kleine feine Meile auf historischem Boden.

 

Für die Serie «Starke Strecke» porträtieren der Internaut und seelenverwandte Autorinnen und Autoren städtische Strassen aus der Schweiz und aller Welt, die nicht globalisiert sind. Kein Starbucks, kein Zara, kein Hennes & Mauritz, kein McDonald’s – sondern lokale und regionale Anbieter aus Gastronomie, Hotellerie, Shopping und Kultur. «Starke Strecke» ehrt Strassen, die Locals und Zugereiste gleichermassen glücklich machen. 

Bisher erschienen:

Berlin, Brunnenstrasse

Locarno, Via Cittadella

Las Palmas de Gran Canaria, Callo Cano

Tel Aviv, Rabbi Yohanan Street

Bern, Lorrainestrasse

Barcelona, Carrer dels Carders

Biel, Untergasse

London, Croom’s Hill

Basel, Güterstrasse

Wien, Siebensterngasse

Lausanne, Rue Marterey

Amsterdam, Javastraat

New York, Thompson Street

Zürich, Bertastrasse

 

 

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