Die Rue Basse/Untergasse in Biel ist nicht nur malerisch schön. Sie verkörpert die Kultur der ganzen Stadt im Miniaturformat.

Bevor die Hipster kommen, und bevor diese Strasse gentrifiziert wird, stechen wir in die Bieler Altstadt hinein: An die Untergasse. Oder wie man in Biel/Bienne korrekterweise sagt: An die Untergasse/Rue Basse.

Starke Strecke Biel/Bienne: Die malerische Untergasse/Rue Rasse (Bild: Gabriel Knupfer)

Geführt werden wir von Journalist Gabriel Knupfer, der uns hier das Wesen von BienNe City im Allgemeinen und der Rue Rasse/Untergasse im Speziellen beliebt macht.

Allez-y, Chnupfi!

Gabriel Knupfer: Schweizer Journalist und Berner Giel

Biel ist für mich als Berner Giel schon lange eine spezielle Stadt.

Irgendwie cooler und weltstädtischer als Bern oder Thun waren es vor allem Konzerte, die mich am Freitag und Samstag nach BNC (lokale Jugendsprache für BienNe City) pendeln liessen.

Biel wurde zu meiner Lieblingsstadt im Kanton und ist es bis heute geblieben, wenn auch nicht mehr unbedingt wegen der Rapkultur.

Kurz mal ins Ausland. Obwohl nur 50’000 Menschen im Städtchen leben, hat Biel eine urbane Seele, die vielen Grossstädten abgeht.

Ein Trip in die Stadt ist wie eine kurze Reise ins Ausland. Es ist der Mix aus alt und neu, welscher und deutschschweizer Kultur, Luxus und Verkommenheit, der Biel herausragen lässt – und natürlich die Menschen aus unzähligen Ländern, die in der selbsternannten Uhrenmetropole zusammenleben.

Besonders malerisch ist dabei neben dem Seeufer an einigen wenigen Stellen eigentlich nur die kleine Altstadt. Statt Uhren von Rolex und Omega gibt es hier Pferdefleisch und gebrauchte Bücher zu kaufen – und gegessen wird nicht bei McDonald’s oder Burger King sondern beim Libanesen oder in der Kooperative. Das gilt im Besonderen für meine «Starke Strecke».

 

 

Die Untergasse verkörpert das weltoffene Biel. Und dies schon seit Jahrhunderten. Der grosse Jean-Jacques Rosseau fand – nachdem er in seinem Paradies auf der Petersinsel nicht mehr erwünscht war – Ende Oktober 1765 Zuflucht in der Untergasse 12 wo sich heute ein Barbershop befindet. Heinrich Pestalozzi wirkte in der Untergasse 4 als Erzieher.

Hier ist bezüglich Starker Strecke viel Fleisch am Knochen: Altstadtmetzg an der Rue Basse/Untergasse (Bild: Gabriel Knupfer)

Heute markiert ein kleiner Platz mit zwei Metzgereien («Altstadtmetzg» und natürlich eine Pferdemetzgerei) den Eingang in die Strasse. Der erwähnte Barbershop ist zum Glück eine Ausnahme in der Untergasse. Hipstertum und Gentrifizierung haben (noch) nicht Einzug gehalten.

Restaurants und Cafés wechseln sich mit Antiquitätenhändlern und Trödlern, Musikschulen einem Geigenbauer, einem Uhrenrestaurateur und kleinen Läden, die allerlei Nützliches und Überflüssiges aus aller Welt anbieten. Biel ist nirgends so «real» wie hier. Die besten Tipps:

Ein Drink

Ein Drink im St. Gervais: Gern auch draussen, wenn es das Wetter erlaubt (Bild: Gabriel Knupfer)

Ein Bier trinkt man auf halber Strecke im Restaurant Coopérative St. Gervais. Im Sommer am besten draussen auf dem kleinen Platz. Die Stange gibt’s für 4.30. Vielleicht noch standesgemässer als ein Bier ist ein Gläschen Pontarlier – zumindest wenn man nicht fahren muss (Achtung heimtückisch).

Ein Kaffeehalt

Am Nachmittag bietet das Café du Commerce  direkt neben dem St. Gervais pures Frankreich-Feeling. Am Donnerstagabend ist das Café Konzertlocation, was nicht allen Anwohnern passt – doch die Strasse auch nach Einbruch der Dunkelheit zusätzlich belebt.

Eine Mahlzeit

Weder der Name noch das etwas schlichte Aussehen eines Take-Aways würden es vermuten lassen, doch das Restaurant Café La Bohème ist ein Libanese – und das Essen ist sehr gut.

Ein Shop

Ok, ich gebe es zu, es ist vor allem der herzige Name, der Lupinchens Märchenwelt in diese Liste bringt. In der Bio-Schneiderei gibt es Kleider, Stoffe und Accessoires zu erwerben.

Noch ein Shop

Legaler, THC-armer CBD-Hanf ist in aller Munde. Dass  Swiss Hempcare ausgerechnet in der Untergasse einen Laden eröffnet hat, überrascht deshalb kaum. Wer’s mag…

Ein Mitbringsel

Wellness à la Bienne: Ein bisschen Afrique für die heimische Badewanne (Bild: Gabriel Knupfer)

Den Früchten des Affenbrotbaumes werden zahlreiche magische und medizinische Wirkungen zugeschrieben. Im Maison Baobab (Motto: «L’Afrique à Bienne») gibt es für zwei Franken zwei Baobab-Badetrüffel – für den pharmazeutischen Nutzen garantiere ich nicht, dafür aber für ein bisschen Afrika in der heimischen Badewanne.

Die Anreise

Biel ist klein – wie fast alle Orte von Interesse liegt auch unsere Untergasse vom Bahnhof bequem in Gehdistanz. Konkret: Zu Fuss ist diese Starke Strecke  in zehn bis fünfzehn Minuten vom Hauptbahnhof. Für Faule: Bus Nummer 1 Richtung «Stadien» bis «Neumarkt». Und von dort in die Altstadt.

Und wenn wir schon mal hier sind: Starke Orte in Gehdistanz

Chessu Coupole: Rap, Reggae und Partys. Das Autonome Jugendzentrum (AJZ) Chessu ist der beste Ort für den Ausgang in Biel – zumindest für alle unter 30.
http://ajz.ch/chessu/programm/

Strandbad Biel: Die Anlage von 1929 ist mit ihrem Hauptgebäude aus Beton auch ausserhalb der Badesaison architektonisch interessant. Zudem gibt es einen feinen Sandstrand. Rein nur von Mai bis September. https://www.badi-info.ch/be/biel-strandbad.html

Park Elfenau: Der schöne kleine Park auf halbem Weg zwischen Bahnhof und Altstadt lädt zum Ausruhen unter den Bäumen ein.

Schloss Nidau: Die mittelalterliche Burg im Nachbarstädtchen Nidau ist ein Blick wert. Keine Sorge: Nidau liegt direkt hinter dem Bahnhof Biel und ist nur aus historischen und politischen Gründen bis heute eine eigenständige Kleinstadt geblieben.

Schifffahrt und Weintour in Ligerz: Zugegeben, dieser starke Ort ist ein kleiner Bschiss. Weil er nicht in Biel selber liegt. Doch zur Schiffländte Biel sind es vom Bahnhof nur ein paar Schritte – genauso wie in Ligerz zum ersten Weingut. Und Weisswein ist zweifellos das grösste Kulturgut der Bielerseeregion.

 

Starke Strecke Biel: Auf zweisprachiger sanfter Kurve durch die Rue Rasse/Untergasse in Biel/Bienne.

 

Für die Serie «Starke Strecke» porträtieren der Internaut und seelenverwandte Autorinnen und Autoren städtische Strassen aus aller Welt, die nicht globalisiert sind. Kein Starbucks, kein Zara, kein Hennes & Mauritz, kein McDonald’s – sondern lokale und regionale Anbieter aus Gastronomie, Hotellerie, Shopping und Kultur. «Starke Strecke» ehrt Strassen, die Locals und Zugereiste gleichermassen glücklich machen. 

Bisher erschienen:

Berlin, Brunnenstrasse

Locarno, Via Cittadella

Las Palmas de Gran Canaria, Calle Cano

Tel Aviv, Rabbi Yohanan Street

Bern, Lorrainestrasse

Barcelona, Carrer dels Carders

Biel, Untergasse

London, Croom’s Hill

Basel, Güterstrasse

Wien, Siebensterngasse

Lausanne, Rue Marterey

Amsterdam, Javastraat

New York, Thompson Street

Zürich, Bertastrasse

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