Mitten in Londons Little Lagos liegt eine Strasse mit piekfeinem Pub, modernem Café, Restaurant-Batterie und einem Juwel von einem Bücherladen. Die Bellenden Road: Eine Starke Strecke für Entdecker.

Es war lieblich, es war schön. Und die Nostalgie des einstigen British Empire war deutlich zu spüren auf unserer ersten Starke Strecke aus London-Greenwich.

Heute lernen wie eine etwas rauere Seite der britischen Metropole kennen. In London Peckham gibt es keine Wachsfiguren, Kronjuwelen und nadelgestreiften Banker-Gecken. Was es gibt: Das London der Londoner.

Im Süden Londons: In Peckham an der Bellenden Road
Starke Strecke London-Süd: Die Bellenden Road. (Bild: Marc Iseli)

Gastautor Marc Iseli, Wirtschaftsjournalist, Triathlet, kundiger Weltenbummler und Wahl-Winterthurer, nimmt uns mit in den Süden der Millionenstadt.

Noch mehr coole Strassen

Der Internaut ist in Grossstädten unterwegs und findet Strassen, die Spass machen zum Essen, Trinken, Shoppen. Strassen, die nicht globalisiert sind – sondern von lokalen und regionalen Angeboten leben.
Hier findest Du alle Starken Strecken

Wenn Greenwich unser Walk on the mild side war, dann tendiert der Borough of Southwark gleich südlich der Londoner City eher auf die wild side.

Reiseblog der Internaut in Süd London, Bellenden Road
Auf freier Wildbahn in Süd-London für den Internauten unterwegs: Gastautor Marc Iseli.

Aber keine Angst: Unser Autor hat sich für den wohlhabenderen Teil von Little Lagos im Distrikt Peckham entschieden: die Bellenden Road.

So bleiben wir auf der sicheren Seite. Auf der safe Side.

London-Peckham: Durch die nigerianische Diaspora zum Little Lagos geworden

Peckham liegt im Süden Londons. Hier treffen Kulturen aufeinander. Die Bevölkerung ist zur Hälfte schwarz, die Gegend gilt wegen ihrer nigerianischen Diaspora als Little Lagos.

In den Arkaden bieten Händler afrikanische Kleider zum Schleuderpreis an. Statt Döner wird Moimoi serviert. Dazu gibt’s Maggi-Würze aus der Flasche und Nescafé-Pulverkaffee.

Im reichen Ableger von Klein-Nigeria

Rye Lane ist die Herzschlagader von Peckham. Parallel dazu verläuft die Bellenden Road. Sie ist der gentrifizierte Teil von Peckham. Der reiche Ableger von Little Lagos.

Hier werden nicht Menschen vom Billig-Coiffeur bedient, sondern Pudel vom Hundeversteher frisiert.

Bellenden Road, Süd-London
Bellenden Road, das Juwel von London-Peckham. (Bild: Marc Iseli)

Im Café gibt es vegane Proteinkuchen. Und nur drei Stores nebenan werden Goji-Beeren im Zero-Waste-Laden in umweltfreundliche Papiertüten gefüllt. Hipster-Habitat, sozusagen.

Die Bellenden Road war vor wenigen Jahren hot. Very hot sogar

Bellenden Road ist das Juwel der Region. Es ist kaum vorstellbar, dass diese Gegend vor wenigen Jahren noch eine der «hottesten» Gegenden war – im wahrsten Sinne des Wortes.

2011 brannten in Peckham Häuser, Autos und Mülltonnen. Es herrschten anarchistische Zustände. Hunderte waren auf der Strasse.

Die vorwiegend schwarze Bevölkerung aus Afrika und der Karibik machte ihrem Unmut Luft und setzte ein gewaltiges Zeichen gegen Arbeitslosigkeit und Armut.

Peckham: Die Spuren des Aufstands von 2011 sind beseitigt

Die Spuren des Aufstandes, der damals in Grossbritannien fünf Todesopfer gefordert hat, sind nicht mehr zu sehen. Nicht in der Rye Lane. Und schon gar nicht in der Bellenden Road.

Das Gegenteil ist der Fall. Die Bellenden Road ist ein Himmel für Foodies. Ein Ort, wo der gefeierte französische Schriftsteller Gaël Faye Lesungen hält. Und eine Oase für Liebhaber von viktorianischem Schick.

In der Bellenden Road ist Peckham tatsächlich «impeccable». Makellos. Aber der Reihe nach

Ein Kaffeehalt in London Peckham, Bellenden Road

Den besten Start bietet Anderson’s. Das schmucke Café mit grünem und überdachten Hinterhof ist ein wahres Schlemmer-Vergnügen für Liebhaber des traditionellen Schwarztees, aber auch für die neue Generation der laktosefreien Flat-White-Trinker und veganen Sojamilchjünger.

Das Publikum besteht aus Kunststudenten gleichermassen wie aus «yummy mummys». Zwei Tripptrapps stehen für Kinder bereit.

Anderson’s: Tea, Kaffee and Kuchen zu fairen Preisen

Das Kuchenbuffet ist umwerfend, die Mittagskarte macht den Mund wässrig. Statt frittierten Fisch-Irgendwas aus der Papiertüte wird im Anderson’s gebackener Barsch auf Rucola serviert.

Das alles gibt es zu einem – für Londoner Verhältnisse – durchaus fairen Preis Ein Lunch-Teller von der wöchentlich aktualisierten Karte kostet kaum 10 Pfund.

Anderson's Cafe, Bellenden Road, London.
Definitiv der Sweet Spot an der Bellenden Road: Café Anderson’s. (Bild: Marc Iseli)

Noch besser aber: die vier Stück Kuchen, die ich probiert habe, kosteten zusammen mit Kaffee und Tee nur 14 Pfund. Lecker, schick, günstig: Das Anderson’s ist eine Oase für den Morgen, Mittag oder Abend.

Ein Bier. Und ein herzhafter Happen

Wer lieber im viktorianischen Zeitalter statt im modernen Hipster-Café Rast macht, ist beim «Victoria Inn» bestens aufgehoben. Es ist das einzige Hotel der Region. Eine Nacht in einem der 15 Boutique-Zimmer gibt es je nach Datum bereits ab 100 Pfund.

Victoria Inn, South London
Fisch in Bierkruste. Ein Pint. Erbsenpüree: So muss England! (Bild: Marc Iseli)

Im Erdgeschoss sorgt ein Pub für echtes UK-Feeling mit braunem Leder und dunklem Holz. Zehn Bier gibt es ab Zapfhahn. Darunter lokales IPA und Pale Ale.

Mehr als Hipster-Trallala

Die Speisekarte bietet, was in England auf den Tisch gehört. Nicht nur Hipster-Trallala, sondern guten Fisch in der Bierkruste, serviert mit Erbsenpüree und Tartarsauce. Oder das hier, was im Englischen einfach viel besser klingt: Double British beef burger with smoked applewood cheese, tomato relish and skin on fries. Lecker!

London Peckham: Eine Mahlzeit. Nein, gleich vier

Die wahre Mahlzeit Für die wirklichen Foodies, die weder Pub noch Café mögen, sondern das Restaurant-Erlebnis suchen, gibt es an der Bellenden Road wahlweise die beste Pizza der Stadt im «Made of Dough» oder ein episches Masala Dosa aus der südindischen Küche des Restaurants «Ganapati».

Und mein persönlicher Favorit: die thailändischen Schlemmereien im «Begging Bowl». Wie gern hätte ich hier das verkostet, was eine britische Zeitung als «Thai Street-Food Heaven» angepriesen hat. Aber die vier Stück Kuchen im Anderson’s waren Mahlzeit genug. Und nicht zu vergessen: Abseits der shiny Bellenden Road lockt die afrikanische Küche.

Kennst Du Moimoi? In Little Lagos lernst Du es kennen

Mein Geheimtipp, der offenbar gar nicht so geheim ist, weil sich am Abend lange Schlangen bilden, liegt gegenüber des legendären Krämerladens Khan, eine Mischung aus Ikea, Do-it-yourself-Store, Billigapotheke und Asia-Shop.

«Café Spice» heisst das Takeaway-Lokal. Es serviert die beste Fischpastete in Little Lagos.

Moi Moi in Süd-London, Cafe Spice, Peckham
Hast Du Dein Protein heute schon gehabt? Moimoi macht den Job. (Bild: Marc Iseli)

Moimoi, so der Name des traditionellen Gerichts. Keine zwei Pfund kostet ein Happen, der wegen der Bohnenmasse, die den Fisch wie Pudding umschlingt, besonders proteinreich ist.

Ein Drink in London Peckham

Ein Abstecher von der Bellenden Road lohnt sich auch für den spektakulärsten Drink der Gegend: Frank’s Daiquiri.

Serviert wird das Rum-Getränk in der gleichnamigen Bar auf dem Dach eines alten Parkhauses.

Am Horizont klar erkennbar ist die Skyline der Londoner City. Markant ragt der 310 Meter hohe Glasturm The Shard in den Himmel. Fast vernachlässigbar klein dagegen sieht das gurkenähnliche Hochhaus «The Gherkin»

Frank’s frivole Viererbande: Daiquiri, Pita, Hummus, geräucherte Aubergine

Frank’s Daiquiri haut rein. Das Bar-Personal weiss um die Trinkfreudigkeit der Briten und klatscht noch einen Extra-Schuss Schnaps dazu. Genaues Mischverhältnis: Betriebsgeheimnis. Zutaten sonst: klassisch. Heisst: Rum, Zuckersirup, Limettensaft, Eis und etwas Minze.

Frank's Daiquiri, auf dem Parkhaus-Dach, London Süd
Siehst Du nicht ganz scharf? Da bist Du nicht der einzige auf dem Dach bei Frank. (Bild: Marc Iseli)

Perfekt dazu: Pita mit Hummus und geräucherter Aubergine. Richtig geräucherter Aubergine. Oder um es etwas britischer zu sagen: Smoked à la Winston Churchill. Der Unterschied von der Zigarre zum Auberginenpürée ist fast fliessend.

Der Preis für die Snacks: 12 Pfund. Und der Preis für einen Daiquiri-Rausch: 8 Pfund.

Ein Instagram-Moment in London Peckham

Das Setting auf dem Dach der Parkgarage ist bestes Material für Instagram. Aber noch umwerfender – im wahrsten Sinne des Wortes – ist der Aufgang.

Parkhaus Bar Frank's Daiquiri im Süden Londons, Peckham
«Hi boo I love you»: Barbie-Wonderland trifft auf Techno-DJ. (Bild: Marc Iseli)

Gäste müssen durch vier Etagen grelles Barbie-Wonderland gehen, um die Aussicht zu geniessen. Boden, Decke, Wand: alles leuchtet in Neon-Pink.

Tolle Idee, super Foto-Sujet. Aber selbstverständlich mehr als nur ein Gimmick.

Kunst oder keine Kunst? Ein Hingucker auf jeden Fall

Peckham ist arty, das pinke Treppenhaus offenbar Kunst. Der Titel des Kunstwerks lautet «Hi boo I love you». Es handelt sich um eine Installation des Londoner Künstlers, Designers und DJs Simon Whybray. Die «New York Times» nannte es 2018 den «cultural hit of the year».

Der Künstler selbst drückt sich umständlicher aus. Die grelle Naivität der Farbe, so Whybray, sei ein Symbol für die Infantilisierung der Kultur und ein Gegenstück zur brutalistischen Architektur des Gebäudes. Wie auch immer, für Instagram ein echter Hingucker.

Ein Shop in London Peckham: Das Anti-Amazon

Für den Shop kehren wir wieder zur Bellenden Road zurück. Hier, gegenüber des Hotels Victoria Inn, führt die britische Autorin Evie Wyld den entzückenden Bücherladen «Review».

Das Geschäft ist klein – eine Schweizer Stube ist im Schnitt doppelt so gross, eine durchschnittliche Orell-Füssli-Filiale mindestens zwanzigmal grösser. Und trotzdem kann man sich in diesem wunderbaren Kosmos von Novellen, Romanen und liebevoll gestalteten Postkarten leicht verlieren.

Rewiew: Keine Bestseller-Listen. Dafür Strong-Buy-Empfehlungen

Bestseller-Listen gibt es nicht. Dafür ganz eindeutige Kaufempfehlungen. Das Buch «Bad Behavior» von Mary Gaitskill wird gleich vierfach ausgestellt. Darunter die Worte: «You. Should. Buy. This.»

Weitere Leseempfehlung aus dem Shop: «Small Country» von Gaël Faye. Es ist der Erstling des Franzosen mit Wurzeln in Burundi. Faye habe das Buch persönlich in einer Lesung in Peckham vorgestellt, erzählt eine Review-Mitarbeiterin. Knapp vierzig Personen sollen daran teilgenommen haben.

Noch ein Shop

Zwei Türen nebenan kommen Umwelt-Fans auf ihre Kosten. Im Zero-Waste-Laden «Gather» gibt es Pasta im Offenverkauf. Gewürze aus dem Glas zum selber Wägen. Besonders beliebt sind offenbar die Chia-Samen – das Glas war beim Besuch fast leer. Der Preis: 1.69 Pfund für 100 Gramm.

Zero Waste Shop Gather, South London
Fusilli zum selber Abfüllen im Zero-Waste-Laden. Im hinteren Raum ist auch Klopapier vorrätig. Aufschrift: «Who gives a crap». (Bild: Marc Fusilli. Äh, Iseli)

Da nimmt sich die Nudel günstig aus: Nur 27 Pence kosten 100 Gramm Vollkorn-Fusilli. Mein Tipp: die getrocknete Mango. Sie ist sicher nicht heimisch. Aber ein Schmaus.

Was auch noch erwähnt werden muss: Im vom Verpackungsplastik befreiten Laden darf nur mit Plastik bezahlt werden. Cash ist nicht King. Auch nicht Queen. Lang lebe die Kreditkarte!

South London Peckham: Die Anreise

Und wie kommt man nun zu diesem Paradies, wo es keinen Kentucky Fried Chicken, sondern einen Morley’s Fried Chicken gibt und nebenan jamaikanische Backwaren serviert werden?

Ganz einfach. Die Gegend ist bestens mit der Londoner Tube erreichbar. Fünfzehn Minuten dauert die Fahrt ab dem Zentrum, etwa der London Bridge Station nahe der Tower Bridge. Peckham Rye Station heisst das Ziel.

Sehenswürdigkeiten in Gehdistanz zur Bellenden Road, London Peckham

Rechtsprechung lernen. Englisch lernen. Jodeln lernen. Moimoi-Zubereitung lernen: Für alles gibt es eine Schule. Was es nicht so oft gibt: Eine Trapez-Schule. In Peckham gibt es eine: Mitten im Ruskin-Park liegt die TLCC Trapeze School. Dort werden Deine Zirkus-Träume wahr. Wenn Du Dich traust.

Wenn Dir die Barbie-Gebärmutter (siehe und staune weiter oben) noch nicht Kultur genug war: Ganz in der Nähe der Bellenden Road befindet sich die South London Gallery, eine lokale Hochburg für zeitgenössische Kunst und Performance-Art.

Soll man auf Städtereise einen Friedhof besuchen? Die Meinungen sind da sehr gespalten. Wer aber die Ruhe und das Geheimnisvolle sucht und dabei nicht gleich kirre wird, wenn die Stimmung etwas spooky werden sollte, der (oder die) ist auf dem Nunhead Cemetry richtig.

Landkarte London Peckham
Starke Strecke Bellenden Road: Unterhalb der Themse, mitten im Geschehen.

Für die Serie «Starke Strecke» porträtieren der Internaut und seelenverwandte Autorinnen und Autoren städtische Strassen aus aller Welt, die nicht globalisiert sind.

Kein Starbucks, kein Zara, kein Hennes & Mauritz, kein McDonald’s – sondern lokale und regionale Anbieter aus Gastronomie, Hotellerie, Shopping und Kultur.

«Starke Strecke» ehrt Strassen, die Locals und Zugereiste gleichermassen glücklich machen. 

Hier gehts direkt zu allen Starken Strecken.

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