Alles spricht vom «Overtourism». Touristik-Profi Jürg Schmid sieht das dezidiert anders: In der Schweiz herrsche nicht Overtourism. Sondern Undertourism. 

Kennst Du das Aescher-Wildkirchli? Spätestens seit dieser Woche hast Du wohl davon gehört. Das malerische Bergrestaurant im Schweizer Alpstein-Gebiet hat grosse Medien-Karriere gemacht. Weil es so beliebt ist. Zu beliebt.

Die Wirtsleute werfen entnervt das Handtuch. Das Haus sei wegen der vielen Influencer-Bilder auf Instagram überrannt worden; die Infrastruktur habe nicht mehr mithalten können. Ein klarer Fall von Overtourism. Am Pranger stehen die weltweit ausschwärmenden Influencer, welche über Bilderdienste wie Instagram eine Medien-Influenza verbreiten. Ihr Reisevirus, so der weitverbreitete Vorwurf, macht die ganze Branche krank.

Just in den Tagen, als die Aescher-Geschichte bekannt wurde, weilten Influencer aus der ganzen Welt auf Einladung von Schweiz Tourismus in unserem Land. Und manch einer hat gestutzt: Soll man wirklich jene Leute hofieren, die via Bildschleuder Instagram Massen anziehen, die nicht zu bewältigen sind?

Zeit, mit einem Profi über das Phänomen zu reden. Jürg Schmid spricht im Interview mit dem Internauten Klartext. Der ehemalige langjährige Chef von Schweiz Tourismus sieht die Lage ganz anders. In der Schweiz herrsche nicht Overtourism. Sondern im Gegenteil Undertourism.

Undertourism

Jürg Schmid: «In der Schweiz ist Undertourism das grössere Problem als Overtourism». (Bild: zvg)

 

Herr Schmid, dieser Tage lud Schweiz Tourismus 29 Influencer aus aller Welt in die Schweiz ein. Also Vertreterinnen und Vertreter einer Gattung, die derzeit schlechte Presse hat.
Grundsätzlich halte ich das, was Instagramer und Influencer in Gang setzen, für einen guten und erfolgreichen Mechanismus. Es bewirkt Aufmerksamkeit für Destinationen. Also genau das, was touristische Werbung erreichen will.

Soll eine staatlich subventionierte Organisation wirklich Leute hofieren, die mit ihren schwärmerischen Bildern unliebsam grosse Touristenhorden anziehen, die zum Schluss möglicherweise das zerstören, was uns allen lieb ist?
Natürlich sollten sich Influencer ihrer Verantwortung bewusst sein. Und dort, wo eine sprunghaft angestiegene Nachfrage bestehende Infrastruktur zu ersticken droht, muss man geeignete Massnahmen treffen.

An welche Massnahmen denken Sie da?
Eine der einfachsten und wirkungsvollsten ist der Preis. Durch die Erhebung von Eintrittspreisen kann man den Andrang zu einer Attraktion gut regulieren. Hohe Preise sind der wirksamste Tourismusstopper – das hat die Schweiz ja klar erfahren.

Ein Beispiel dafür ist die schönste Buchhandlung im portugiesischen Porto. Seit sie von Touristen überrannt wird, die dort kein Buch kaufen, sondern nur mal eben einen Schnappschuss tätigen wollen, wird Eintritt verlangt. Der richtige Weg?
Wenn es darum geht, Zutritt und Auslastung zu steuern: ja.

Vor einigen Tagen regte der renommierte Luzerner Hotelier Fritz Erni an, für die Stadt Luzern Eintrittspreise zu erheben, namentlich für Car-Touristen. Ein Witz oder eine gute Idee?
Auf jeden Fall kein schlechter Diskussionsbeitrag. Tatsächlich ist Luzern, neben Interlaken, dem Jungfraujoch und gewissen Verzasca-Abschnitten, der am stärksten vom Overtourism bedrohte Hotspot in der Schweiz. Montana-Hotelier Fritz Erni spricht ein wichtiges Thema an. Und Luzern tut gut daran, die Touristenströme besser zu lenken. Möglichst bald. Sonst kippt die Stimmung.

Was ist das Wesen des Overtourism?
Ganz einfach: Wenn eine Ortschaft oder eine Gegend von den touristischen Massen in einer kaum kontrollierbaren Art überrollt wird und die Gegend oder Stadt droht, dadurch ihre Authentizität und damit auch Attraktivität zu verlieren. Wobei man meiner Meinung nach mindestens in der Schweiz viel zu sehr von Overtourism spricht. Wir haben hier nämlich ein ganz anderes Problem.

Welches denn?
Das Gegenteil des Overtourism. In der Schweiz herrscht Undertourism.

Das müssen Sie erklären.
Während sich die Reiseströme auf der ganzen Welt seit Jahren verstärken, sind die Hotellogiernächte hierzulande noch unter den Höchstwerten. Und: Wir haben eine divergierende Tourismusentwicklung: die Städte boomen, die Berge darben. Die Bezeichnung Overtourism ist im alpinen Raum eine fachliche Verfehlung.

Aber aktuell wähnt sich die touristische Schweiz mit der Erholung des Euro-Franken-Kurses wieder in einer Aufholsituation.
Tatsächlich und zum Glück hat sich die Lage entspannt. Aber das ist die kurzfristige Sichtweise.

Was zeigt die langfristige Sicht?
Dass die Schweiz auch im an und für sich ansprechenden Jahr 2017 unter den Werten von 1990 geblieben ist. Wer jetzt also den Overtourism in den Vordergrund rückt, sieht nur einen Ausschnitt der Realität. Einen kleinen Ausschnitt.

Was ist für die Schweiz bedrohlicher: Overtourism oder Undertourism?
Engpässe und Verstopfungen, wie wir sie aktuell in Luzern sehen, müssen angegangen werden, ganz klar. Aber wer eine ganzheitliche Sicht aufs touristische Land pflegt, muss eigentlich zum Schluss kommen: Der Undertourism ist das grössere Problem als der Overtourism.

Ihr Influencerlein kommet?
Sie sollen kommen. Sich dabei aber auch, wie gesagt, bewusst sein, was sie mit ihrem Einfluss auslösen können. Genau so, wie sich das auch einladende Destinationen und Hotels bewusst sein sollten.

*Jürg Schmid ist Partner der Marketing- und Kommunikationsagentur Schmid, Pelli & Partner, VR-Delegierter der Hotelgruppe The Living Circle und Präsident von Graubünden Ferien.

 

Undertourism Overtourism

Suche auf Google: Aktuell will noch kaum jemand etwas wissen über Undertourism. Das könnte aber ändern. Die Diskussion ist lanciert. (Bild: Screenshot Google Trends).

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