Für einen Business Trip fährt der Internaut per Nachtzug nach Berlin. Wie fühlt sich die Bahn-Übernachtung an? Was kostet sie? Wie viel Bahnromantik ist drin im Nightjet? Der Reise-Report, flugscham- und schonungslos.

Ja, Corona ist das Thema der Stunde. Und nein, hier geht es nicht um das neuartige Virus. Hier geht es um das Thema, das in der Zeit vor Corona die mediale Krone trug. Die Umwelt.

Als ich mir im Januar 2020 überlegte, wie ich anfangs März ans Berlin Travel Festival reisen sollte (es wurde dann ein paar Tage vor Beginn abgesagt, wegen Corona, und das ist in diesem Post jetzt garantiert die zweitletze Virus-Nennung), wollte ich schon fast reflexartig einen Retourflug buchen.

Nachtzug nach Berlin, Fuss vor Fensterglas, dahinter die Landschaft in Baden-Württenberg
Nachtzug nach Berlin: Draussen liegt Baden-Württenberg zu meinen Füssen. (Bild: Internaut)

Doch dann hielt ich inne. Wäre es jetzt nicht eine gute Zeit, mich einmal in Greta-Compliance zu üben und also per Bahn anzureisen? Mit dem Aufkommen der Klima-Diskussion ist diese umweltschonendere Reise-Art wieder schwer in Mode gekommen.

Geschrieben wurde jedenfalls in letzter Zeit eine ganze Menge darüber. Fast schon könnte man in der Medienberichterstattung den Eindruck erhalten, dass sich die «Generation Easyjet» zur «Generation Easytrain» wandelt. Ist dem so? Und wie easy und spassig ist das Nachtzugreisen tatsächlich?

Im Nachtzug nach Berlin: One Night in Bahn-Kok

Eine Zeitlang las ich alles, was mir dazu in die Finger kam. Und wurde – auch deshalb, weil ich früher öfters im Nachtzug unterwegs war – einen Verdacht nie wirklich los: Wird die Nachtreiserei im Zug heutzutage nicht etwas allzu romantisierend beschrieben?

Um das herauszufinden gab es nur einen Weg: Den Weg nach Berlin im Nachtzug. Frohgemut wollte ich dieses Ding anpacken, mit einer Melodie im Kopf: One Night in Bahn-Kok. Ein Nachtzug-Report schwebte mir vor, mit zwei Komponenten: Flugschamlos und schonungslos.

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Buchung und Tarif: Es hat seinen Preis, ein Klimaheld zu sein

Was sich gegenüber früheren Fahrten im Nachtzug natürlich deutlich verändert hat: Die Buchung per Internet ist einfacher geworden. Also schaute ich mir die Preise für den ÖBB Nightjet an.

Und schluckte leer.

Obwohl ich zwei Monate vor Abreise noch früh dran war, kam mich die Nachtzugfahrt nach Berlin nicht ganz günstig zu stehen. Den Rückflug von Berlin nach Zürich hatte ich bereits gebucht, er kostete 100 Euro.

ÖBB Nightjet von Zürich nach Berlin, Ansicht im Zug, Dreierabteil
Level 41: Das ist der Nachtplatz des Internauten im Nachtzug nach Berlin. (Bild: Internaut)

Für die Fahrt im Nachtzug entschied ich mich für ein Dreierabteil – ein sogenanntes «Triple» im Schlafwagen. Preis: 179 Euro. Im Abteil mit zwei Betten wären es 20 Euro mehr gewesen, in der Luxus-Variante (Abteil mit einem Bett und Dusche/WC, das sogenannte «Single Deluxe) nochmals 90 Euro mehr.

Immerhin, das zeigte mir die Nightjet-Website sofort und ungefragt an, tat ich mit meiner Buchung etwas Gutes: Ganze 197.4 Kilogramm CO2-Ersparnis bringe meine Bahnfahrt gegenüber einer Reise im Auto. Wie viel CO2 ich mit der Bahnfahrt in die Luft puste, stand nicht. Dafür das: «Bahnfahrer sind Klimahelden!»

Als Held durfte ich online wählen, ob ich im Dreierabteil oben, in der Mitte oder unten nächtigen will. Und es gab auch die Variante «egal». Mir war es aber nicht egal. Ich wollte unten liegen.

Erster Eindruck: War das schon immer alles so eng?

Und dann geht es los. Von aussen zeigt sich der Nightjet in einem sehr hübschen Blau, da kommen fast schon Erinnerungen an den legendären Orient-Express auf. Erinnerungen, die sich dann aber drin sehr schnell verflüchtigen.

Natürlich weiss ich, dass man den ÖBB ein Kränzchen winden muss. Ich tue es hier gerne: Als sich in Europa im frühen 21. Jahrhundert die Billigfliegerei mehr und mehr durchsetzte und dabei die Nachtzüge alt aussehen liess, stiegen die meisten Bahnbetreiber aus diesem Geschäft aus. Einzig die Österreicher mit ihrem Nightjet blieben im Business. Danke, ÖBB. Ende der guten Durchsage.

Die schlechte Nachricht: Das Rollmaterial stammt aus einer Zeit, als die Wende in Deutschland noch frisch war und noch kein Mensch wusste, was ein iPhone ist. Oder etwas deutlicher: Ziemlich alt, dieses Rollmaterial. Und ziemlich eng. Schauen wir doch einmal in die Nasszelle herein.

Toilette im ÖBB-Nightjet auf der Fahrt von Zürich nach Berlin
Eine eher enge Sache: Gemeinschafts-Toilette im Nachtzug. (Bild: Internaut)

Das Gefühl der Enge verlässt den Nightjet-Fahrgast nie. Egal ob auf der Toilette, im Gang oder im Abteil: Da ist fast kein Platz. Nun mag man einwenden, dass es auch im Flugzeug eng sei.

Das stimmt natürlich. Aber im Jet gehts ja auch etwas schneller. Flugzeit Berlin-Zürich: 90 Minuten. Fahrzeit Zürich-Berlin-Hauptbahnhof: 11 Stunden und 54 Minuten. Oder 714 Minuten. Die meiste Zeit davon verbringt man im Nachtzug liegend. Auf einer Matratze, die das Mass von 90 Zentimetern deutlich unterschreitet.

Das Feeling: Bahnromantik, wo bist Du hin?

Weil alles so eng ist im Zug, kommt das heiss ersehnte Gefühl der Bahnromantik kaum auf. Speisewagen? Fehlanzeige. Eine Stehbar vielleicht? Fehlanzeige. Ein Raum, in dem man sich unter anständigen Bedingungen begegnen und mit anderen Fahrgästen austauschen kann? Nicht vorhanden.

Kommt dazu: Unser Dreierabteil ist schon bei Abfahrt um 20 Uhr zum Schlafen hergerichtet. Aus einer Bank, auf der man nebeneinander sitzen könnte, sind drei schmale Betten geworden, übereinander angeordnet. Fast unmöglich, sich in diesem Raum auf eine zivile Art und Weise zu begegnen.

Erstes Kurzfazit: Als Fahrgast bin ich hier nur in liegender Form vorgesehen. Jedes Quentchen Bahnromantik ist verreist.

Im Nachtzug nach Berlin: Die Schlafqualität

Eine positive Überraschung: Ich schlafe tief und gut. Wohl auch deshalb, weil man sowieso nichts anderes machen kann. Von meinen zwei Mit-Fahrgästen im Abteil höre ich keine Schnarchgeräusche.

Ob ich selber schnarche? Kann ich nicht beurteilen. Gehört habe ich jedenfalls nichts davon.

ÖBB Nightjet, Aussenansicht HB Zürich: Erfahrungsbericht auf dem Reiseblog der Internaut.
Unzerknittert in Berlin angekommen. Oder wenigsten nicht zerknitterter als sonst. (Bild: Internaut)

Ich muss ehrlich sagen, dass ich mich selten so erholt gefühlt habe nach einer Reise. Aus dem Flugzeug jedenfalls steige ich auch bei kurzen Reisen meist zerknitterter aus, als ich eingestiegen bin.

Ganz anders bei Ankunft in Berlin. Ich fühle mich frisch und froh. Was mit einem zusätzlichen Pluspunkt der Bahnreise zu tun hat.

Nachtzug-Reise: Der grosse Vorteil gegenüber dem Flugzeug

Dieser zusätzliche Pluspunkt betrifft sogar gleich zwei Punkte. Erstens: Keine Formalitäten, Durchsuchungen oder penibles Herzeigen von Laptop, Handy und Flüssigkeiten, weder beim Boarding noch beim De-Boarding des Zuges.

Wer weiss, ob das in Zeiten von Corona (und das war nun definitiv die letzte Virus-Nennung) so bleiben wird. Ich hoffe es jedenfalls, falls es der Gesundheit der Passagiere nicht abträglich ist.

Zweiter grosser Pluspunkt: Man steigt mitten in der Stadt in den Zug ein – und kommt auch mitten in der Stadt an. Das fühlt sich, zusammen mit der Vorfreude, aus dem Zugfenster schon die ersten Bauten der Destination zu sehen, grossartig an.

Nachtzug nach Berlin: Die Goodies

Eine Buchung im Dreier-Schlafabteil bringt den Nachtzug-Passagier in den Genuss einiger Goodies, wie es sie im Flugzeug auf der Kurzstrecke sonst so nicht gibt.

Da wäre einmal das Frühstück. Bei Abfahrt in Zürich darf ich mir auf einem Blatt die Zutaten für ein Frühstück auswählen, das vor Ankunft in Berlin serviert wird.

Frühstück auf der Zugreise von Zürich nach Berlin
Draussen bald Berlin. Drinnen schon Frühstück. (Bild: Internaut)

Konkret darf ein Gast im Schlafwagen damit rechnen, dass «sechs Komponenten im Frühstück inkludiert sind», wie der Zugbegleiter erklärt. Also kreuze ich an: 2 Brötchen, 1 Portion Nutella, ein Tee, ein Joghurt, ein Bütterli.

Dabei zeigt sich ein weiterer Vorteil der Bahnreise: Wer auf der emotionalen Basis nicht alles falsch macht, kann bald ein persönliches Verhältnis zum Zugbegleiter aufbauen. In meinem Falle heisst dies, dass er auch freundliche Nachfrage auch noch eine zweite Nutella-Ration herausrückt.

Auch wenn dies so eigentlich nicht inkludiert wäre.

ÖBB Nightjet: Kulturbeutel Give Away im Zug
Und obendrauf ein Goodie-Bag für die Reise. (Bild: Internaut)

Damit aber noch nicht genug mit den Goodies auf dieser Reise. Auf der (engen) Bettstatt liegt neben ausreichend Mineralwasser auch ein Goodie-Bag bereit. Was natürlich neugierig macht.

Eine detaillierte Prüfung des Inhalts ergibt: Ohrstöpsel (die ich nicht gebraucht habe), Slippers (wie im Wellness-Bereich), dazu eine Knabberei italienischen Zuschnitts, ein Erfrischungstuch, eine Seife, ein Handtuch mit Nightjet-Logo plus eine Nascherei, die als europäische Interpretation eines Muffin durchgeht.

Kulturbeutel Inhalt auf der Bahnreise von Zürich nach Berlin.
Survival-Kit für den Wellness-Trakt? Nein, Goodie-Bag-Inhalt im Nachtzug. (Bild: Internaut)

Das ist ein nettes Give-Away, das ich so nicht erwartet hätte. Es beeinflusst mein Wohlgefühl zwar nicht sonderlich, zeigt aber, dass viel guter Wille da ist bei den Nightjet-Marketingmenschen.

Und das ist ja schon mal was. Aber so richtig bahnromantisch stimmt mich diese Software leider nicht. Weil mir die Nightjet-Hardware nicht genügt.

Nachtzug nach Berlin: Das Fazit

Trotz inkludiertem Frühstück, trotz Goodie-Bag und den weiteren Vorteilen einer Bahnreise: So richtig happy hat mich das Nightjet-Erlebnis nicht gemacht. Und ich bin mir nicht sicher: Reicht das aus, um auch Leute auf die Bahn zu bringen, die nicht zur Greta-Fanbase gehören?

Was mich stört, ist der fehlende Platz. Und das Nichtvorhandensein der Bahnromantik. Dazu die wenig komfortable Nasszelle und die starre Vorstellung, das der Mensch im Nachtzug nur als liegende Person vorgesehen ist.

Aber das war jetzt einfach nur mal mein Urteil. Ich denke, wir sollten das Thema vertiefen.

Nächste Woche: Der Internaut im Gespräch mit einem Bahnreiseprofi: Ist mein Urteil zu hart? Und: Was es braucht, damit der Nachtzug tatsächlich zur Alternative für die «Generation Easyjet» werden kann.

Schild in der Bahn für die Zugreise Strecke Zürich Berlin
Hier gings lang. Nachtzug von Zürich HB nach Berlin. (Bild: Internaut)

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