STARKE STRECKE WIEN: SIEBENSTERNGASSE

Die Wiener Siebensterngasse ist eine quicklebendige Oase. Geprägt von Geschichte und Geschichten. Unser Autor weiss auch eine. Seine.

eführt werden wir von Gastautor Peter Balzli, der nach Stationen in Paris und London seit Mitte 2016 als SRF-Osteuropakorrespondent in Wien lebt.

Starke Strecke Siebensterngasse: Eine Gutelaunestrasse (Bild: Peter Balzli)

Für den TV-Profi ist die Siebensterngasse im Wiener Spittelberg-Quartier eine dieser Gassen, in die man schlecht gelaunt reingehen kann. Und gut gelaunt wieder rauskommt.

Das war keineswegs immer so. 1934 nahm der nationalsozialistische Juliputsch hier in einer Turnhalle seinen Anfang. Der Umsturz scheiterte, 13 Putschisten wurden hingerichtet. Viele andere entzogen sich ihrer Verhaftung und Verurteilung durch die Flucht.

Hereinspaziert ins Vergnügen: Starke Strecke Siebensterngasse. (Bild: Peter Balzli)

Quicklebendig. Die Siebensterngasse ist heute eine quicklebendige Oase. Viele Cafés, viele Beisl (so heissen die Beizen in Wien) und viele Kleingewerbler. Ja, Kleingewerbler: Man findet da etwa eine Kafeerösterei, eine Holzofenbäckerei, einen Messerschleifer, einen Schuhmacher, einen Möbelschreiner und einen Möbelrestaurator namens Vladimir Fiedler.

Dann gibt es ein Geschäft, das nur Hängematten verkauft, eine Second-Hand-Kleiderbörse, ein Geschäft für Jugendstil-Einrichtungen und zahlreiche Galerien, Schneiderinnen und Designerinnen.

Teilen, Pumpen, Trinken. Das soziale Bewusstsein im Quartier ist auf Schritt und Tritt spürbar. Im Sommer bekommt man in ausgewählten Geschäften gratis Trinkwasser. Im Café und Kulturzentrum «7Stern» gibt es einen öffentlich zugänglichen Kühlschrank (einen so genannten «Fair Teiler»). Dort kann jede und jeder niederschwellig und kostenlos Essen hinbringen und mitnehmen – nach dem Motto «Teilen statt wegwerfen». Zum Strassen-Arsenal gehören auch ein Trinkwasserbrunnen und eine öffentliche Fahrradpumpe. Und selbstverständlich Poesie aller Art:

 

Meistens steckt ein kluger Kopf dahinter: Poesie in der Siebensterngasse (Bild: Peter Balzli)

 

Peter Balzli

Bern trifft Wien. Es gibt natürlich viele Gründe, um die Siebensterngasse und den ganzen Spittelberg zu mögen. Bei mir kamen noch zwei lustige Zufälle dazu und die gingen so: Aufgewachsen bin ich in Kirchberg und Burgdorf in der Schweiz.

Viele Jahre später entschloss ich mich nach Wien zu ziehen und begab mich auf Wohnungssuche. Ich ging den Spittelberg hinauf, als mir die Kirchberggasse auffiel. Natürlich gibt es in Österreich auch mindestens fünf Ortschaften, die Kirchberg heissen, aber trotzdem, eine Gasse, benannt nach dem Dorf in dem ich die Grundschule besuchte, das könnte ein Zeichen sein, dachte ich mir. Eine Weile später ging ich wieder durchs Spittelbergquartier. Und wer begegnet mir dort: Die damalige Stadpräsidentin von Burgdorf. Ein schier unglaublicher Zufall. Aber wie gesagt, es gibt viele andere Gründe, um den Spittelberg und die ihn südlich begrenzende Siebensterngasse zu mögen.

 

 

Ein Kaffeehalt

Ich empfehle den Kaffee bei J. Hornig. Erst seit Februar 2017 geöffnet, aber schwer angesagt. Kühnes Design. Smartphone-Ladestationen an jedem Tisch. Bitte nicht grinsen, wenn der ehrgeizige Grazer Inhaber erklärt: «Meine Vision und mein Ziel ist, dass wir die modernste Kaffeemarke Österreichs werden.» Wie er das messen will, überlassen wir ihm. Hauptsache der Trunk schmeckt. Und das tut er. Seine Kaffeebohnen beziehe er direkt von den Kaffeebauern ohne Zwischenhändler. Die Gäste können beim Rösten zusehen, denn es gibt eine kleine angeschlossene Rösterei, die nur mit einer Glaswand vom Gastbereich getrennt wird.

Eine Mahlzeit

Natürlich Frühstück im 7Stern. Am besten draussen, im Sommer und an warmen Herbsttagen gelegentlich mit osteuropäischer Livemusik. Ideal für Langschläfer: Frühstück gibt es von 9 bis 16 Uhr (letzte Bestellung 15.45 Uhr). Die grosse Bestellung («Einmal alles bitte») geht so: Bergkäs’ Eierspeis mit Schnittlauch; hauseigenes Krustenbrot & grüne Butter; kleines Granola nach Wahl mit Joghurt und hausgemachtem Zwetschkenmus (ja, so schreibt man das hier), Grapefruit karamellisiert, Frühstückssmoothie nach Wahl. Der ganze Spass für 12.90 Euro.

Ein Drink

 

Das Café Vodoo ist ein Ort für den spätabendlichen Absacker. Stimmig und szenig-morbid fast bis zur Parodie.

Stimmig, szenig, morbid: Café Vodoo. (Bild: Peter Balzli)

Ein Shop

Nicht nur weil der Inhaber ein sympathischer Schweizer ist. Das diskrete District7 bietet eine stimmige Ambiance, Designer-Klamotten aus Sankt Petersburg und Accessoires. Die Kunst an der Wand stammt vom polnischen Künstler Pawel Kozlowski. Dieser ist unter seinem Alias-Namen Swanski der kreative Kopf hinter dem Label Turbokolor, dessen von der Skateboard-Szene inspirierten Klamotten hier verkauft werden. Ergänzt wird das Modeangebot mit Accessoires: Sonnenbrillen von Quay Australia sowie Taschen und Rucksäche von Ucon und Krakatau.

Noch ein Shop

Bei Chico werden Hängematten aus österreichischer Produktion verkauft. Sie werden im oberösterreichischen Mühlviertel hergestellt. In der Eigenwerbung klingt das so: «Chico fertigt als Familienbetrieb seit 1981 Hängematten und Hängesessel in höchster Mühlviertler Qualität. Im adaptierten Bauernhof in Oepping bei Rohrbach laufen alle Fäden zusammen. Hier befinden sich Zwirnerei, Weberei, Tischlerei, Metallwerkstatt, sowie Büro- und Vertriebsräume.»

Ein Mitbringsel

Wirklich originelle T-Shirts gibt’s bei Soulgoods. Die meisten kosten 20 Euro. Wer will, kann sein selbst entworfenes Sujet aufs Shirt drucken lassen. Und wer seine Kreation für markttauglich hält, kann es gleich noch auf der Internetseite des Shops verkaufen. Mein Favorit ist dieses Stück hier:

Ob das auch für Prinzen gilt? Mitbringsel von der Starken Strecke Siebensterngasse (Bild: Peter Balzli)

 

Ein Theater

Das Kosmos Theater ist – einige haben es in diesem Quartier vielleicht schon geahnt – ein «Theater mit Ausrichtung auf die Genderthematik»: 1998, ein Jahr nach dem ersten österreichischen Frauenvolksbegehren, gründeten Künstlerinnen den Verein LINK.*, einen «Verein für weiblichen Spielraum». Der Verein besetzte anfangs ein Wiener Pornokino, später bezog er den Raum eines anderen Kinos namens Kosmos und dort ist das Theater immer noch. Das Programm laut Eigenwerbung: «Zeitgenössisches Theater, Performances, Tanz, Musik, bildende Kunst, Comedy, Kabarett und Clownerie. Alles zumeist in interdisziplinärer Form. Theaterproduktionen, meist Ur- oder Erstaufführungen, basieren teils auf geschriebenen Stücken junger Autorinnen, teils werden Stoffe aus Text-Materialien und in Improvisationen entwickelt. Die Regisseurinnen legen Augenmerk auf Stücke von weiblichen Urhebern, um einen Gegenpol zu der zu rund 80 Prozent bestehenden männlichen Autorenschaft zu bilden.»

Das Kosmos-Theater. Oder «die» Theater? Gender spielt hier jedenfalls definitiv die Hauptrolle.  (Bild: Peter Balzli)

 

Die Anreise

Mit der U-Bahn bis zur Station Museumsquartier. Von dort ist man zu Fuss in 7 Minuten am Ostende der Siebensterngasse. Am besten den Schleichweg dem MUMOK (Museum Moderner Kunst) entlang. Oder mit dem Tram 49 bis zur Haltestelle Westbahnstr./Neubaugasse. Dort ist das Westende der Gasse.

Und wenn wir schon mal hier sind: Starke Orte in Gehdistanz

Das Museumsviertel: Ein wohl weltweit einzigartiger Cluster von hochkarätigen Museen: Mumok, Leopold-Museum, Naturhistorisches Museum, Kaiserliche Schatzkammer, ZOOM Kindermuseum und viele andere mehr. http://www.mqw.at/institutionen/

Der Spittelberg: Eines der schönsten und beliebtesten Stadtteile von Wien. Klar, dass in so einem attraktiven Stadtteil die Gentrifizierung auf Hochtouren läuft und die Immobilienpreise hochschiessen. Charakteristisch sind die vielen gut erhaltenen Biedermeierhäuser sowie die schmalen Gassen, die einen Eindruck vom ursprünglichen Dorf vermitteln. Vor allem wegen des alljährlichen Weihnachtsmarktes ist der Spittelberg heute über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt. http://www.stadt-wien.at/wien/sehenswuerdigkeiten/spittelberg.html

Haus des Meeres: In einem Flakturm der Nazis ist einer der vielleicht verrückteste Zoos des Landes einquartiert: Ein Aquarium im Binnenland Österreich. Die Stars sind die Haie. Eine Attraktion ist der «Atlantiktunnel», der es erlaubt, fast wie Moses durchs Meer gehen. Ebenso toll ist das Restaurant mit Aussichtsterrasse, die allerdings nur geniessen kann, wer den Zoo besucht. https://www.haus-des-meeres.at/

Naschmarkt: In nur elf Minuten geht man zu Fuss von der Siebensterngasse zum Naschmarkt, dem grössten innerstädtischen Markt Wiens. Naschmarkt

 

Starke Strecke Wien: Die Siebensterngasse ist nur ein Katzensprung vom Museumsviertel entfernt.

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Für die Serie «Starke Strecke» porträtieren der Internaut und seelenverwandte Autorinnen und Autoren städtische Strassen aus der Schweiz und aller Welt, die nicht globalisiert sind. Kein Starbucks, kein Zara, kein Hennes & Mauritz, kein McDonald’s – sondern lokale und regionale Anbieter aus Gastronomie, Hotellerie, Shopping und Kultur. «Starke Strecke» ehrt Strassen, die Locals und Zugereiste gleichermassen glücklich machen. 

Bisher erschienen:

Locarno, Via Cittadella

Las Palmas de Gran Canaria, Calle Cano

Tel Aviv, Rabbi Yohanan Street

Bern, Lorrainestrasse

Barcelona, Carrer dels Carders

Biel, Untergasse

London, Croom’s Hill

Basel, Güterstrasse

Wien, Siebensterngasse

Lausanne, Rue Marterey

Amsterdam, Javastraat

New York, Thompson Street

Zürich, Bertastrasse

 

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