Stadtführungen machen Spass. Vor allem, wenn der Lunch am Strassenrand wächst.

Jetzt gibts uns der Frühling wieder. Primeln, Hyazinthen und Krokusse schiessen allenthalben aus dem Boden; Mangold, wilder Spinat und Bärlauch regen sich. Was in dieser Vielfalt eine ganze Menge anrichtet mit den Menschen. Man freut sich über das Erwachen der Natur, verspürt Frühlingsgefühle, hält sich vermehrt draussen auf. Und dann gibt es die wachsende Gruppe derer, die daraus einen weiteren gewaltigen Drang entwickeln: zubeissen.

Was man in unseren Breiten vom Pilz- oder Kastaniensammeln kennt, treibt nun auch in Städten immer mehr Menschen ins Freie. «Urban Foraging» – städtische Futtersuche – nennen Trendforscher diese Strömung, die auch touristisch eine Rolle spielt. New York ist ein starkes Zentrum für solche Verzehrsafaris. Als lokale Autorität gilt dort Wildman Steve Brill (www.wildmanstevebrill.com), der Besucher in die Kunst einführt, die Umgebung als üppige Futterkrippe wahrzunehmen. Central Park in Manhattan, Prospect Park Brooklyn, Forest Park in Queens: alles einladende Freiluft-Buffets – wenn man nur weiss, wie und wo man zugreifen kann und darf. Weil Trends aus den USA in der Alten Welt oft zuerst England erreichen, ist natürlich auch London dabei, zu einer Kapitalen von Ausflügen zu werden, bei denen man sich quasi sein Picknick unterwegs aufpickt, www.foragelondon.co.uk. Es würde mich nicht wundern, wenn auch hierzulande bald pfiffige Reiseführer zu solchen neuartigen City-Trips bitten würden. Immerhin könnte das Wege aufzeigen, damit sparsame Touristen die Schweiz nicht mehr als so unglaublich teuer wahrnehmen: Indem sie sich unter kundiger Führung in urbane Büsche und Grünzonen schlagen und dort von all den wunderbaren Sachen profitieren, die kostenlos zum Himmel wachsen.

Wie so oft im Tourismus kann zu viel Erfolg aber auch hier zu einer schädlichen Überdosis führen. Wenn Parkbesucher zunehmend die Landschaft ausplünderten, könnte das die Futterbasis der Tiere schmälern, warnen Fachleute in der Stadt, die sich «Big Apple» nennt. Überall einfach so reinbeissen gehe natürlich gar nicht, findet auch die «New York Times». Und spricht in einer Titelzeile Klartext: «Geniesst das Park-Grün. Aber nicht als Salat.»

© SonntagsZeitung; 22.03.2015

Pin It on Pinterest