Ewiger Frühling? Sí. Ewiges Touristen-Ghetto? No. Las Palmas de Gran Canaria bietet einiges mehr als kanarische Strände und Sonne. 

Betonburgen für Massentouristen. Pulkartig auftretende Nordländer in Fussball-Shirts und verbrannten Nacken. Eine Gastronomie, die sich am tiefsten gemeinsamen Nenner der mitteleuropäischen Banalküche orientiert: Das sind in der Regel die Dinge, welche Kulturpessimisten mit der Destination Gran Canaria in Zusammenhang bringen.

Starke Strecke Las Palmas de Gran Canaria: Unterwegs im Herzen der Altstadt (Bild: Rolf Spittel)

Darf ich dazu etwas anmerken? Für mich ist der Optimist der bessere Mist als der Pessimist. Ganz sicher stimmt das jedenfalls für Gran Canaria. Und ebenso für Las Palmas de Gran Canaria.

Mehr drin. Die drittgrösste Insel des kanarischen Archipels hat so viel mehr zu bieten als das, was in den Köpfen vieler Ignoranten steckt. Ja, es stimmt: Die Betonburgen gibt es, ebenso wie Sangría-Orgien, Liegestuhl-Ghettos und sogenannte Restaurants, die ihre ölig-pampigen Küchengrüsse auf grünlich verfärbten Bildli-Speisekarten ausloben. Aber das betrifft nur die hochtouristische Zone. Das wahre Leben findet sich out of Maspalomas.

Tatsächlich ist es dem Internauten seit Jahren ein Anliegen, die touristische Ehre der Islas Canarias zu retten. Also auf Schönheiten hinzuweisen, die weit über das ganzjährig milde Klima, Strände und Nightlife hinausgehen. Da gäbe es jede Menge zu erzählen von tollen Bike- und Wanderstrecken, von versteckten Gaumenfreuden, wilden Stränden und hübschen Dörfern. Heute aber sind wir urban unterwegs. Wir schauen uns in der Inselkapitale Las Palmas de Gran Canaria um, der mit rund 400 000 Einwohnern grössten Stadt der Kanaren. Wir haben das Glück, einem Gran-Canaria-Kenner und Könner folgen zu dürfen. Rolf Spittel nimmt uns an die Hand, auf die Starke Strecke Calle Cano.

Rolf Spittel, Autor, Ex-Touristiker und Auswanderer.

Rolfito on Tour. Der ehemalige Touristiker Rolf Spittel, der einst für die mittlerweile verblichene Hotelplan-Marke Esco Reisen sowie Neckermann aktiv war,  lebt seit 2006 auf Gran Canaria und widmet einen Teil seiner reichlichen Freizeit der Schriftstellerei.

Seine bisherigen Bücher veröffentlicht der Auswanderer selbst bei Amazon.

Lange Zeit lebte Rolf «Rolfito» Spittel in der Inselhauptstadt, kürzlich ist er mit seiner Frau Maria, einer waschechten Canaria, in den ländlichen Westen von Gran Canaria umgezogen.

Wenn er nicht schreibt, betätigt sich der Insel-Kenner und Könner als Taucher, Wanderer und Gourmet auf den sieben Inseln, die den Kanarischen Archipel ausmachen.

 

Unser Gastautor führt uns durch den ältesten Stadtteil von Las Palmas de Gran Canaria. Und jetzt hast Du das Wort, Rolfito;

Bei meinem ersten Besuch in Las Palmas auf Gran Canaria war ich der Ansicht, dass sich das Stadtzentrum um die Einkaufsmeile Mesa y Lopez herum befindet, in welcher die beiden Gebäude des Kaufhauses El Corte Inglés rein baulich dominieren. Zusammen mit dem Zentralmarkt liegt dieser Stadtteil etwa 15 Gehminuten von den am Canteras-Strand gelegenen Hotels entfernt. Dem Stadtzentrum-Irrtum unterliegen viele Hotelgäste und vor allem die allermeisten Passagiere, welche direkt hinter dem Santa-Catalina-Park ihrem Kreuzfahrtschiff entsteigen – doch jener touristische Teil der Inselhauptstadt ist gerade einmal einhundert Jahre alt.

Das Herz, die Altstadt mit den beiden Stadtteilen Vegueta und Triana, liegt jedoch gute drei Kilometer davon entfernt – und dort befindet sich auch meine Starke Strecke. In ihrem Verlauf führt diese Parallelroute zur Einkaufsstrasse Triana zwei verschiedene Namen. Die Route beginnt nahe an meinem Ausgangspunkt, dem Parque San Telmo, in der Calle Viera y Clavijo.

Ein Kaffeehalt

Eine erste Rast: Cafecito im Quiosco Parque San Telmo. (Bild: Rolf Spittel)

Zunächst geniesse ich einen Espresso («Cafecito») für einen Euro im für unsere Stadt emblematischen Quiosco Café Parque de San Telmo.

Eine Mahlzeit

Die Calle Viera y Clavijo führt nach etwa 200 Metern direkt in die Calle Cano weiter. Meine erste Anlaufstelle, Hausnummer 30, die Bar La Coqueta de Cano schenkt guten Wein im Glas aus,  zwei Deziliter kosten zwischen 1.90 und 2.80 Euro. Dazu bestelle ich caracoles (6.50 Euro). Diese kanarischen Schnecken haben etwa zwei Zentimeter Durchmesser, werden in pikanter Sauce serviert und mit dem Zahnstocher einfach aus den Häuschen gezogen.

Ein Drink

Ay, Dachbar! In dieser hier herrscht Betrieb ab spätem Nachmittag. Oder ab frühem Abend, was möglicherweise das gleiche ist auf den Kanaren.  (Bild: Rolf Spittel)

Mein Fussweg führt an einer Sattlerei vorbei, jener Handwerker hat sich auf Reitsattel und Zaumzeug spezialisiert. Kurz nach dem Museum Peréz Galdos erreiche ich die Verlängerung Calle Peregrina und in jener Strasse hat sich tatsächlich ein Ladenbesitzer auf den Verkauf von Pilgerutensilien spezialisiert. Am Ende des Fussmarsches freue ich mich auf einen Cocktail (fünf bis sieben Euro) über den Dächern der Altstadt mit Blick auf die Kathedrale. Auf der Dachterrasse des Kinogebäudes Monopol öffnet die Azotea de Benito Cocktail Bar erst ab dem späten Nachmittag.

Ein Shop

Vor jenem Gebäude führt eine Hauptverkehrsader, die Calle Calvo Sotelo, vorbei, welche sogleich die Grenze zum Nachbarstadtteil Vegueta bildet. Vorm Überqueren suche ich zwei Läden auf und biege in die Calle Triana ein. In Hausnummer 1 bietet der Cork Shop richtig gute und dazu auch wirklich bequeme Schuhe aus Kork und Leder an.

Und noch ein Shop

In Hausnummer 7 kann man bei Vaho aus recycelten Materialien einen einzigartigen Rucksack, eine ungewöhnliche Handtasche oder einen auffälligen Geldbeutel erwerben.

Ein Mitbringsel

Olivenöl, Brot und Salz – Dios erhalts! (Bild: Rolf Spittel)

Da für mich die Umrundung der Kathedrale Santa Ana im gegenüberliegenden Stadteil Vegueta geradezu eine Pflichtübung darstellt, da sich dort die schönsten und zugleich auch ältesten Gebäude befinden, welche bereits Christoph Kolumbus besucht haben soll, kaufe ich in der Calle Reloj 1 im Laden Sabor a Canarias eine kleine Flasche mit 250 Milliliter feinstem Olivenöl für 9.95 Euro. Dieses «Aceite de Oliva Virgen Extra» stammt aus exklusiver Ernte aus der Caldera de Tirajana im Süden Gran Canarias und wird unter gleichnamigem Namen vertrieben. Wer damit eine Stück Brot beträufelt und es noch leicht nachsalzt, wird mich sofort verstehen.

Die Anreise

Von den Strandhotels am Canteras-Strand aus am einfachsten im Taxi. Bei einem Preis von fünf bis sechs Euro macht eine Busfahrt zum Parque San Telmo für 1.40 pro Person keinen Sinn. Urlauber aus dem Süden der Insel benutzen die guten Busverbindungen von Global. Für Nachtschwärmer bietet die Linie 05 stündlich eine Verbindung bis Maspalomas an. Die Altstadt vermittelt nämlich bei Dunkelheit bedeutend mehr Atmosphäre, und man befindet sich dazu fast ausschliesslich unter Einheimischen. Aber Achtung: Man besucht die Gegend besser nicht sonntags oder montags: viele Orte sind an jenen Tagen geschlossen

Und wenn wir schon mal hier sind: Starke Orte in Gehdistanz

Im Museo Canario werden Mumien ausgestellt, welche von Ureinwohnern, den Guanchen produziert wurden, bevor sie von der Spanischen Krone unterjocht und praktisch ausgerottet wurden. Diese Ausstellungsstücke können sich durchaus mit Werken der alten Ägypter messen.

Und wer die gesamte Bandbreite an auf den Kanaren produzierten Obst- und Gemüsesorten und dazu das reichhaltige Fischereiangebot auf engem Raum kennenlernen möchte und dabei vielleicht noch seinen Gewürzbestand ergänzen will, besucht den Mercado de Vegueta. Die Markthalle schliesst bereits um 15 Uhr.

Starke Strecke Las Palmas: Ja, es gibt ein Leben out of Maspalomas!

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Für die Serie «Starke Strecke» porträtieren der Internaut und seelenverwandte Autorinnen und Autoren städtische Strassen aus aller Welt, die nicht globalisiert sind. Kein Starbucks, kein Zara, kein Hennes & Mauritz, kein McDonald’s – sondern lokale und regionale Anbieter aus Gastronomie, Hotellerie, Shopping und Kultur. «Starke Strecke» ehrt Strassen, die Locals und Zugereiste gleichermassen glücklich machen. 

Bisher erschienen:

Berlin, Brunnenstrasse

Locarno, Via Cittadella

Las Palmas de Gran Canaria: Callo Cano

Tel Aviv: Rabbi Yohanan Street

Bern, Lorrainestrasse

Barcelona, Carrer dels Carders

Biel, Untergasse

London, Croom’s Hill

Basel, Güterstrasse

Wien, Siebensterngasse

Lausanne, Rue Marterey

Amsterdam, Javastraat

New York, Thompson Street

Zürich, Bertastrasse

 

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