Hier müssten die Strassenschilder in Rot-Grün gehalten sein. Die Lorrainestrasse: eine Hochburg der alternativen Berner Lebensart.

Ist das Quartier gemeint? Oder die Schönheit seiner Bewohnerinnen? Vermutlich wird beidem gehuldigt in diesem Video-Clip, der uns die Berner Lorrainestrasse in Bild und Ton näherbringen und beliebt machen will. Und das mit einigem Erfolg.

Starke Strecke Bern: Lorrainestrasse

Starke Strecke Bern: Bahn frei für die Lorrainestrasse (Bild: DerInternaut.ch)

Ungekünstelt. Eine Strasse mit eigener Hymne – das ist dem Internauten noch selten begegnet. Grund genug, die Bundesstadt mit einer ersten Starken Strecke zu ehren. Und zwar in einem Arbeiterquartier, das durch den Bahnbau geprägt wurde und sich heute als Hort der alternativen Lebensart versteht. Die Lorrainestrasse ist ein Strassenstrang der organisch-biologischen Wesensart, unaufgeregt und ungekünstelt, flexitarisch, velofixiert und fair fürs Weltvolk. Wie sehr man sich hier distanziert vom Haudrauf-Nationalismus gewisser Polit-Kreise, zeigen nur schon die grossflächigen Arbeiten des Berner Bildhauers Andreas Wiesmann, der mit «Face of Berne» ein «Plädoyer für die multikulturelle Gesellschaft» abgibt.

Face of Berne: Bildstarkes Plädoyer fürs grosse Miteinander (Bild: DerInternaut.ch)

An der Lorrainestrasse reihen sich keine Bankfilialen, Chi-Chi-Boutiquen und Mobiltelefonie-Shops aneinander, sondern einfach all das, was das Leben ermöglicht, unterstützt und auch mal verschönert. Identitätstiftendendes Teil dieses Ensembles ist das strassenangrenzende Lorrainepärkli, das sommers von Boule-Spielerinnen und –spielern bevölkert wird. Winters dient es als Standort für ein Fondue-Zelt.

Ein Drink

Der legendäre Berner Troubadour Mani Matter vermittelte uns mit seinem «Lied vo de Bahnhöf» ein eher tristes Bild der Wartesäle. Trotzdem machen wir uns hier stark für einen Besuch eines Wartesaals der lorrainschen Prägung. Das Thema passt, denn das Quartier entstand im Umfeld des Bahnbaus im 18. Jahrhundert. Der heutige Wartsaal ist ein freundliches Quartier-Wohnzimmer mit Ambiance, Lesestoff und ansprechender Karte. Der süffige Signature-Drink «Wartsaal-Apéro» wartet auf mit Averna-Bitterlikör, Ginger Ale und Zitronensaft. Eingeborene schwören zudem auf die Brunch-Kultur, die im Wartesaal ganzwöchig gepflegt wird.

Ein Kaffeehalt

Kairo-Kaffeehalt gleich angrenzend zur Lorrainestrasse (Bild: DerInternaut.ch)

Zugegebenermassen nicht direkt an der Lorrainestrasse aufgereiht, aber doch im nämlichen Quartier gelegen und ebenso stark wie lustvoll der biologisch korrekten Lebensweise des Quartiers verpflichtet: Das Café Kairo ist ein hübscher Ort zum Verweilen, Lesen, Diskutieren. Und natürlich zum Kaffeetrinken. Kulturangebot inbegriffen.

Eine Mahlzeit

Das Restaurant Du Nord markiert den Beginn der Lorrainestrasse und ist ein echtes Quartier-Original: Elegant eingerichtet, aber nicht überdesignt. Leckere Gerichte, ausgestattet mit fairen Preisen. Der Menu-Mindset ist dem Zeitgeist entsprechend flexitarisch aufgebaut (wir zitieren aus der Speisekarte): «Animalisches, aber auch Speisen ohne Tier.»

Ein Shop (man spricht hier wohl eher von «Laden»)

Die nachhaltigste Tankstelle der Welt. Oder mindestens von Bern (Bild: DerInternaut.ch)

Ein Besuch der Lorrainestrasse wäre nicht komplett ohne einen Abstecher in den gut sortierten Bio-Quartierladen Lola. Was uns hier – neben regionalen Auswahl, freundlicher Bedienung und der Alternativ-Brause Lola-Cola besonders beeindruckt: Der radikale Zero-Waste-Ansatz im Wasch- und Putzmittelbereich. Eine massive Abfüllstation erlaubt es, alle Flüssigkeiten selber in mitgebrachte Behältnisse abzufüllen. Eine solche Saubermacher-Tankstelle ist dem Internauten noch nie untergekommen. Vorbildlich!

Noch ein Laden

Natürlich gehört an eine solche Strasse ein munterer Vintage-Shop. Und genau das ist der Winkel, der «Schönes zu Freundschaftspreisen» verspricht. Ein buntes Sammelsurium an Möbeln und Designklassikern lädt zu einem Rundgang ein. Und zum Einkaufen, natürlich.

Ein Mitbringsel

Für einmal weit entfernt von der hier üblichen Konzeptreinheit besorgte ich mir nicht nur eines, sondern gleich zwei Mitbringsel. Einerseits bei Lola ein naturtrübes Bier der Stadtberner  Felsenau-Brauerei der Güteklasse «Bärner Müntschi», wobei letzteres Wort im charmanten Dialekt der Eingeborenen einem «Küsschen» entspricht. (2.70 Franken in der 33-Zentiliter-Flasche.)

Trink mit mir ein Bier von hier. Mitbringsel 1 von der Lorrainestrasse (Bild: DerInternaut.ch)

 

Und noch ein Mitbringsel

 Fährt richtig gut ein: Velokäppi, handmade in Bern (Bild: DerInternaut.ch)

Ebenfalls made in Bern (oder Börn?) ist unser zweites Mitbringsel. Eine Velomütze von Vitesse Supply, besorgt im coolen Velokurierladen. Preis: 39 Franken. Es sind auch Reverse-Modelle vorrätig. Also Velomützen, die sich im Umstülp-Modus in zwei unterschiedlichen Designs zeigen. Das nenn ich mal biologisch-dynamisch!

Die Anreise

Ganz einfach in elf Minuten vom grauen Bahnhof mitten ins Rot-Grün der Lorrainestrasse: Bus Nummer 20 ab Hauptbahnhof Bern bis Station Lorraine.

Wenn wir schon mal hier sind: Starke Orte in Gehdistanz

Etwas Kunst gefällig? In zehnminütiger Gehdistanz der Lorrainestrasse, auf der anderen Aare-Seite, befindet sich das Kunstmuseum Bern, das 2017/2018 erstmals Werke aus der Sammlung von Cornelius Gurlitt zeigte.

Ebenfalls zehn gut investierte Fussminuten: Im Botanischen Garten der Universität Bern (BOGA) Botanischen Garten der Universität Bern (BOGA) zeigen sich 5500 verschiedene Pflanzen aus aller Welt. Farben-Prädikat: Mit Sicherheit mehr als nur Rot-Grün.

Sie glauben, die Börse sei nichts als ein grosses Casino? Dann gehen Sie doch hin! Also nicht an die Börse, sondern in Casino. Zehn Gehminuten entfernt von der Lorrainestrasse befindet es sich nämlich, das Grand Casino Bern. Ohne Gelinggarantie, verschteisch?

Definitiv ein Sommer-Thema: Das Lorrainedbad, malerisch an der Aare gelegen und prima für eine Abkühlung geeignet. Und natürlich auch für einen Imbiss in der Buvette.

Starke Strecke Bern: Die Lorrainestrasse liegt nah bei Aare, Bahn und Volk.

 

Für die Serie «Starke Strecke» porträtieren der Internaut und seelenverwandte Autorinnen und Autoren städtische Strassen aus der Schweiz und aller Welt, die nicht globalisiert sind. Kein Starbucks, kein Zara, kein Hennes & Mauritz, kein McDonald’s – sondern lokale und regionale Anbieter aus Gastronomie, Hotellerie, Shopping und Kultur. «Starke Strecke» ehrt Strassen, die Locals und Zugereiste gleichermassen glücklich machen. 

Bisher erschienen:

Berlin, Brunnenstrasse

Locarno, Via Cittadella

Las Palmas de Gran Canaria, Calle Cano

Tel Aviv, Rabbi Yohanan Street

Bern, Lorrainestrasse

Barcelona, Carrer dels Carders

Biel, Untergasse

London, Croom’s Hill

Basel, Güterstrasse

Wien, Siebensterngasse

Lausanne, Rue Marterey

Amsterdam, Javastraat

New York, Thompson Street

Zürich, Bertastrasse

 

 

 

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