Digitales Durchreichen: Wie das Schweizer Start-up Viselio den Weg zum Visum verkürzt. Und damit Warteschlangen killen will, ein für allemal. 

Vermutlich wissen Sie nicht, was ein «Codista» ist. Ich kann mir auch vorstellen, dass Ihnen das Berufsbild des «Colero» nicht geläufig ist. Und ohne an Ihrer Intelligenz und Weltläufigkeit zu zweifeln – keine Sekunde! – könnte es auch sein, dass Sie nicht vertraut sind mit der Tätigkeit eines «Linesitter» oder «Linestander».

Was ich sicher weiss: Sie wären an irgendeinem Punkt ihres Lebens bestimmt schon einmal sehr froh gewesen um die Dienste solcher Damen und Herren.

 

Warten als Job: Ja, das gibts wirklich

Schlange stehen macht viele Menschen wahnsinnig. Man wünscht sich manchmal, dass man jemanden in die Wartelinie schicken könnte, jemand der Zeit hat und diese absitzen, beziehungsweise fremd-absitzen mag. Bingo! Denn darum geht es beim eingangs leicht verschleiert erwähnten Berufsbild genau.

Codiste in Italien, Coleros in Venezuela und Linesitters/Linestanders in den USA, tun genau dies :Sie nehmen in der Wartelinie Platz, als Stellvertreter anderer Leute.

Etwas vom Zermürbendsten ist es, sich bei Behörden anzustellen. Zur Platte der sieben Grausamkeiten gerät dies oft, wenn es sich um Visa handelt. Man muss nicht selten in eine andere Stadt reisen, hat vorab nur schwache Ahnung, ob man vollständig dokumentiert ist und weiss vor allem nicht, ob sich zur gleichen Zeit eine halbe Kleinstadt ebenfalls auf den Weg zum Schalter macht.

 

Wie Viselio die Schlange killen will

Da kommt ein Schweizer Start-up ins Spiel. Oder in die Schlange, wie es Ihnen lieber ist. Über die Berner Firma Viselio (vormals Etraveldocs) kann man sich sein Visum online beantragen.Hinter dem Jungunternehmen steckt der Unternehmer Roland Zeller, der im Reisegeschäft schon einiges hochgezogen hat, das rockt.

Zusammen mit seinem Sohn Niklas will Roland Zeller dem Thema «Schlange stehen» den Stecker ziehen. Oder, etwas härter formuliert: Die Schlange killen, ein für allemal.

Über die Website der Firma kann man das Formular für das entsprechende Land ausfüllen. Die Jungfirma prüft dann, ob das korrekt geschehen ist und meldet, welche Zusatzdokumente allenfalls nötig sind. Diese schickt man mit seinem Pass zur Firma nach Bern. Dort stellen sich dann tatsächlich dienstbare Geister in die Schlange.

 

Viselio schlängelt sich um die ganze Welt

Keine Ahnung, wie man dem in Bern sagt. In Anlehnung an «Codista» vielleicht Cödu? Ich würde die Zellers fürs erste einmal «Schlangen-Kapper» nennen. Weil sie die Warteschlange kappen. Aktuell bietet Viselio den Service für Belarus, China, Indien, Nepal, Russland und Vietnam an. Dieser Tage kommen neu Tansania und die Mongolei hinzu; bis Ende des ersten Quartals 2017 sollen dann schon 20 Länder beisammen sein.

Der Service kostet zuzüglich zu den Visagebühren 75 Franken (Touristenvisum) oder 90 Franken (Geschäftsvisum) pro Visum und Botengang. Weil einige Länder doch recht eigenwillige Vorstellungen vom perfekten Personenbild haben (Zuschnitt, Hintergrund) bieten die Zellers auch an, das eingereichte Foto auf ins geforderte Format zu bringen (30 Franken).

 

Visa-Besorgung kostet sechs Stunden im Leben

Ich weiss nicht, was ein Codista oder sein venezolanischer Berufscousin, der Colero, verlangt. Und auch die Arbeitsbedingungen der Linestander (ob die wohl teurer sind als die Linesitter?) sind mir nicht im Detail bekannt. Mir scheint aber der Berner Tarif recht fair.

Die Zellers rechnen vor, dass eine Visa-Besorgung – unter der Annahme, man reist von auswärts nach Bern an – gut und gern sechs Stunden Leben wegfrisst. Per Digital-Lösung sei der Kram in 15 Minuten erledigt. Das nenne ich mal Effizienz.

 

Vorhang auf für den Time-Concierge

Weil wir heute alle angehalten sind, regelmässig zu disruptieren, also Bestehendes auf den Kopf zu stellen und Ideen aus anderen Branchen in die eigene Welt zu übertragen, möchte ich zum Schluss noch einmal in die Szene der Codiste und Coleros zurückkehren. Müsste man diesen Service nicht weltweit ausrollen?

Ja, das müsste man. Einen ersten Versuch macht die US-amerikanische Jungfirma Line Angel. Sie will online Menschen mit wenig Zeit und Nerven zum Warten mit solchen verlinken, die Zeit (und hoffentlich auch Nerven) haben dafür. Damit kann man sich einen Zustupf verdienen.

Und sich freuen an der schönen Bezeichnung, die man erhält: «Time-Concierge». Frei übersetzt: Zeit-Abwart.

 

Viselio, ein Reise-Startup aus der Schweiz, will der Warteschlange für Visa den Garaus machen.
Ist das der Todesbiss für die Warteschlange? Wenn es nach Viselio geht: Ja. (Bild: Pixabay)

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