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Im Pariser Stadtteil Haut-Marais bummeln wir entlang der Rue de Bretagne. Die Strasse ist bekannt für ihre Feinkostläden, bietet aber neben Austern und Roquefort viele weitere urbane Leckerbissen.

Weisst Du, was ein «Bobo» ist? Nein, die Rede ist hier nicht von einem Schweizer DJ, der mit seinem familientauglichen Eurodance-Sound seit über zwanzig Jahre erfolgreich ist.

Die Rede ist vielmehr von einem Menschenschlag, der französisch «Bourgeoise Bohemien» – abgekürzt Bobo – genannt wird. Ein Bobo ist ein Wohlstandsbürger, der sich, mindestens in der Freizeit, als Nonkonformist gefällt.

Also ein Banker, der samstags Galerien besucht und dazu einen grasgrünen Anzug mit Sowjetstern-T-Shirt trägt. Oder eine toperfolgreiche Immobilienmaklerin, die zwar mit dem Porsche Cayenne zur Arbeit fährt, in ihrem Wohngebiet aber in kunstvoll zerrissenen Jeans auf einem himmelblauen Velo zum Bioladen radelt.

 

 

Paris Marais: Rue de BretagneEcke Rue de Bretagne/Rue Vieille du Temple le jour: Das Restaurant Le Progrès ist eine der Bobo-Kantinen im Haut-Marais. (Bild: Internaut)

 

Vor allem aber sind Bobos Menschen, die wissen, in welchen Stadtgebieten sich dieser Lifestyle am besten leben lässt. Und sie wissen, wo die hübschen Ecken sind, die noch nicht globalisiert sind.

Deshalb eignen sich Bobo-Pisten, meist ein quirliger Mix aus Szene-Gastronomie, Kunst, Mode und Kultur, in der Regel gut für die Starke Strecke. Allerdings stossen Bobs nicht immer auf Gegenliebe. Weil sie oft dazu beitragen, dass Starke Strecken gentrifiziert und so für die ursprünglichen Einwohner zu teuer werden.

Tant pis. Das Pariser Marais-Quartier jedenfalls ist eine Hochburg der Bobos. Ganz besonders gilt dies für die Gegend des Haut-Marais.

 

 

Abendstimmung Paris: Rue de Bretagne, MaraisEcke Rue de Bretagne/Rue Vieille du Temple le soir: Das Restaurant Le Progrès ist eines der Bobo-Wasserlöcher im Haut-Marais. (Bild: Internaut)

 

Haut-Marais befindet sich im Norden des Stadtteils und erstreckt sich, grob gesagt, bis zum Place de la République. Wenn Pariser vom Distrikt Haut-Marais sprechen, fällt nicht selten das Wort «Planète des Bobos» oder «Bobo-Land».

 

 

Paris Marais: Rue de BretagneParis, drittes Arrondissement: Hier schlägt das Herz der Bobo-Welt. (Bild: Internaut)

 

Fürs People-Watching ist das natürlich eine erstklassige Ausgangslage. Allerlei Volk präsentiert sich auf dem Quartier-Catwalk, und man darf stets rätseln: Ist der, der wie ein Kunstmaler aussieht, vielleicht ein verkleideter Banker? Oder der, der wie ein Banker aussieht, ein verkleideter Pop-Art-Künstler?

Die Dame im Jumpsuit, in Onitsuka-Tiger-Turnschuhen und mit Tarnfarben-Rucksack: Model, Yogawear-Designerin, Anwältin? Oder – mon dieu! – gleich alles aufs Mal?

Aber egal. Natürlich promenieren nicht nur Bobos über die Rue de Bretagne: es hält sich hier auch ganz viel ganz normales Volk auf. Gehen wir also rein in diese hübsche Starke Strecke in Paris, die gleichzeitig unsere Frankreich-Premiere ist.

 

Ein Markt

Was die Rue de Bretagne ganz speziell macht, ist ihr eigener Markt. Der Marché couvert les Enfants Rouges gilt als ältester gedeckter Markt von Paris. Gründungsjahr: 1615.

Der Markt ist zwar nicht riesig, aber eine kurze Stöber- und Einkaufstour macht immer Spass. Der Markt ist auch eine gute Schlechtwetter-Destination.

 

Paris Marais: Marché couvert des Enfants RougeAuf dem Markt der roten Kinder an der Rue de Bretagne. (Bild: Internaut)

 

Der Name mit den «Enfants Rouges» rührt daher, dass sich in den Gründertagen des Marktes ein Waisenhaus in der Nähe befand. Die Kinder, man ahnt es, waren stets in roten Kleidern angezogen.

Der Markt gibt übrigens sehr viel mehr her als nur Fisch, Fleisch und Kartoffeln: Im Inneren befinden sich eine ganze Reihe von kleinen Restaurants und Garküchen, umsäumt von hübschen kleinen Läden.

 

Ein Kaffeehalt

Und weil der Markt so viel hergibt, bleiben wir gleich noch auf einen Kaffee hier. Zum Beispiel im L’estaminet des enfants rouges.

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Paris, Marche des enfants rougesEin Kaffee mitten im Markt – an der Rue de Bretagne geht das gut. (Bild: Internaut)

 

Ein Aussenplatz im L’estaminet des enfants rouges garantiert Dir zweierlei: Erstens bleibst Du à jour über alles, was sich auf dem Markt so vor den Kulissen tut.

Und zweitens bekommst Du auch mit, was hinter den Kulissen läuft: Wann welche Ware frisch angeliefert wird. Und wie lange die alte Ware liegen bleibt.

 

Ein Mahl

Wo soll man hin zum Abendessen? Manchmal frage ich weitgereiste Freundinnen und Freunde, manchmal kicke ich Tripadvisor an, manchmal schaue ich in hochgelobten Restaurant-Guides nach.

An Starken Strecken mache ich es immer so: Ich frage Menschen, die ihr Revier kennen. Die Chefin von Comptoirs Richard (siehe «Mitbringsel») sagte mir: «Ich bin immer im Café de la Mairie. Weil es gut und günstig ist.»

 

Paris Marais: Cafe de la MairieGut, günstig: Das Café de la Mairie ist eine weitgehend Bobo-befreite Zone im Haut-Marais. (Bild: Internaut)

 

Also ging ich hin ins Café de la Mairie . Meine Beobachtung an einem schönen Frühlingsabend: Die Jungen und all jene, die unter Bobo-Verdacht stehen, setzen sich draussen hin. Alle anderen sind drinnen.

An mein gutes und günstiges Rumpsteak mit Sauce béarnaise und frittes maison werde ich mich wohl weniger lang erinnern als an den Streit, den ein älteres Ehepaar (nicht unter Bobo-Verdacht) am Nebentisch ausfocht. Mein Befund: Im Café de la Mairie kommt man mitten in der Volksseele an. 

Wenn Du näher an den Bobos (und den Touristen) sein möchtest: In den Restaurants des Marché les Enfants Rouges kannst Du Dich um die halbe Welt essen. Vorher aber unbedingt Öffnungszeiten abchecken.

 

Ein Mitbringsel

Von den zahlreichen Delikatessläden an der Rue de Bretagne kann man seinen Lieben daheim eine ganze Menge mitbringen. Aber das sollte man dann ja auch irgendwo verstauen.

 

Ein Mitbringsel von der Rue de Bretagne im Pariser Quartier MaraisEine Kaffeedose von der Rue de Bretagne. Muss ja nicht unbedingt Kaffee rein. (Bild: Internaut)

 

Mir hat es diese Kaffeedose mit dem «stärksten Mann der Welt» besonders angetan.

Eingetütet für elf Euro im hübsch sortierten Kolonialwarenladen Comptoirs Richard, natürlich an der Rue de Bretagne.

 

Ein Shop

Käse ist wichtig für den Internauten. Käse ist wichtig in der französischen Küche.

Und Käse hat an der Rue de Bretagne einen Namen: Jouannault.

 

Paris Marais: Käse Spezialitäten von JouannaultEin Art irdischer Käsehimmel und eine Institution an der Rue de Bretagne: Käse von Jouannault. (Bild: Internaut)

 

Die Auswahl in dem Laden scheint schier unermesslich. Und trotzdem wird der Öffentlichkeit nur ein Teil der ganzen Käse-Kompetenz präsentiert.

Im Souterrain gibts nämlich noch mehr: Der Reifekeller liegt gleich unterhalb des Ladenlokals.

 

Noch ein Shop

Was eine gute Starke Strecke immer auszeichnet, ist ein schöner Buchladen. Und ein solches Schmöker-Paradies gibt es auch an der Rue de Bretagne.

 

Paris Marais: Buchladen Comme un RoomanLibrairie Comme un Roman an der Rue de Bretagne. (Bild: Internaut)

 

Die Librairie heisst «Comme un roman». Und ja, für einmal macht es uns das Französische leicht: «Le Roman» ist, wie im Deutschen, ein «Roman». Davon gibt es auf zwei Etagen eine ganze Menge.

Falls Du, wie der Internaut, nicht zu den Schriftgelehrten der Sprache Voltaires gehören solltest: Pas de problème. Comme un Roman bietet auch jede Menge sehr schöner Bildbände. Plus eine hübsche Auswahl an Büchern zum «Petit Nicolas». Und so viel Franz liegt noch drin, n’est-ce pas?

 

Ein Park

Ein Ort, wo Tischtennis gespielt wird, ist für mich per se immer ein guter Ort. Schon im Beitrag über die Online-Ping-Pong-Tisch-Weltkarte liess ich den völkerverbindenden Charakter dieser oft gering geschätzten Sportart hochleben.

 

Paris-Marais: Square du Temple Elie WieselWo Ping Pong gespielt wird, ist die Welt (meist) in Ordnung: Square du Temple Elie Wiesel. (Bild: Internaut)

 

Eine wichtige Rolle spielt Tischtennis auch im Park Square du Temple Elie Wiesel. Die hübsche kleine Oase liegt unmittelbar an der Rue de Bretagne.

 

Rue de Bretagne, Paris-Maris

Auch an Schachspieler wurde hier gedacht: Tische mit eingezeichneten Feldern stehen bereit. (Bild: Internaut)

 

Aber egal, ob Dein Spiel der Wahl Ping Pong oder Schach ist: Im Square du Temple Elie Wiesel kommen all jene zur Ruhe, die ein anstrengendes Leben haben. Wie etwa die Bobos von Haut-Marais.

 

Ein Instagram-Moment

Manchmal lohnt es sich definitiv, in die Höhe zu blicken. Ganz sicher lohnt es sich dort, wo die Rue Froissart (die östliche Fortsetzung der Rue de Bretagne) auf den Boulevard des Files du Calvaire trifft.

 

Paris Marais: Sempé Illustration an HäuserwadVon Sempé stammt le petit Nicolas. Und die Inspiration zu dieser grossen Wand-Illu im 3. Pariser Arrondissement.  (Bild: Internaut)

 

Eine riesgengrosse Sempé-Illustration prangt dort oben an einer Hauswand. Wer dort vorbeikommt und das Hauswand-Wunder erspäht, muss einfach kurz innehalten.

Ein perfekter Hingucker und riesengrosser Instagram-Favorit.

 

Ein Hotel

Es mag merkwürdig anmuten, dass just in dieser Serie, die so sehr auf lokales und regionales Schaffen baut, für einmal eine landesfremde Hotelgruppe empfohlen wird. Aber es muss sein.

Nicht weil ich gesponsert würde oder sonst irgendwie verhandelt mit mit der kleinen feinen holländischen Citizen-M-Gruppe. Sondern weil ich sie mag.

Für Stadtwanderer und andere globale Nomaden hat das Citizen M die für mich perfekte Formel gefunden. Die Zimmer qualitativ hochstehend, aber eher klein – weil ich ja sowieso meist en route bin.

Der Lobby-Bereich einladend, hochstehend möbliert und wie geschaffen für Leute, die unterwegs immer auch an der Arbeit sind. Wer früh genug bucht, ist für 100 Euro pro Nacht dabei.

 

Lobby im Hotel Citizen M Paris Gare de LyonWohnzimmer-Atmo, Arbeitsstationen, quirlige Bar im Hintergrund: Das Citizen-M-Hotel am Gare de Lyon ist eine gute Homebase. (Bild: Internaut)

 

Das Citizen M Gare de Lyon liegt, wie es der Name schon sagt, gleich beim Gare de Lyon. Perfekt also für Bahnreisende, die schnelles Check-in und Check-out schätzen.

Zu Fuss sind es rund 30 Minuten zur Rue de Bretagne; ein hübscher Spaziergang der via Place de la Bastille und über den Boulevard Beaumarchais bis ins Boboland führt.

 

Ein Drink

Spätestens jetzt ist es Zeit für einen gepflegten Pastis. Sehr gut dafür und auch fürs Bobo-Watching eignet sich das Café Charlot an der Ecke Rue de Bretagne/Rue Charlot. Dies gleich aus zwei Gründen.

 

Paris Marais Rue de Bretagne Cafe CharlotPrima gelegen fürs Bobo-Watching. Und die Richtung zum Canal Saint Martin stimmt auch. (Bild: Internaut)

 

Erstens ist die Rue Charlot eine hochmodische Strecke mit einer Vielzahl an kleinen Boutiquen und jungen Labels. Und zweitens führt just diese Strasse in Richtung Canal Saint Martin, von dem wir gleich noch berichten werden.

 

Sehenswürdigkeiten in Gehdistanz zur Rue de Bretagne

Das Marais ist zugleich Schauplatz und Ausgangspunkt für eine Reihe von spannenden Attraktionen. Wir beschränken uns hier auf ein Quartett an Sights, die jeden Besuch der Rue de Bretagne aufwerten.

Nur wenige Gehminuten entfernt von der Rue de Bretagne befindet sich das Musée Picasso. Ein Must für jeden Paris-Besuch.

Ein kleines Seitensträsschen runter von der Rue de Bretagne – und dann sagst Du nur noch «Wow».

 

Paris Marais: Carreau du TempleUnd dann sagst Du nur noch «Wow»: Carreau du Temple. (Bild: Internaut)

 

Im ehemaligen überdachten Kleidermarkt ist mit dem Carreau du Temple ein grosser kultureller Tummelplatz entstanden, wo zwischen Ausstellungen und Modeschauen so ziemlich alles möglich ist.

Augenmenschen aufgepasst: Ganz in der Nähe de Rue de Bretage befindet sich die Fondation Henri Cartier-Bresson. Das Haus ist dem Mitgründer der Fotoagentur Magnum gewidmet, dem «Auge des Jahrhunderts», wie Cartier-Bresson aufgrund seiner stilprägenden Arbeit im 20. Jahrhundert genannt wurde.

In rund zehn Gehminuten (meist wird es dann doch mehr, weil es so viel zum Bestaunen und Beschnuppern gibt unterwegs) ist der Canal Saint Martin zu erreichen. «Kleines Venedig» mag etwas übertrieben sein, aber ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall.

 

Canal Saint Martin ParisAuslüften, ausruhen, runterkommen: Der Canal Saint Martin eignet sich bestens dafür. (Bild: Internaut)

 

Der Canal Saint Martin ist eine wunderbare Gegend zum Ausruhen und Auslüften, zum Flanieren und Umherstromern. Viele kleine Bistros und Cafés, oft auch mit Aussenplätzen, eignen sich hervorragend für einen Boxenstopp

 

Paris, Rue de Bretagne Paris: Die Anreise

Mein Favorit: Vom Gare de Lyon aus zu Fuss starten und via Bastille und Boulevard Beaumarchais starten in einer halben Stunde zur Rue de Bretagne gelangen.

Per Metro eignet sich die Station République sehr gut. Sie gehört zu einer der mistfrequentierten Stationen von Paris. Von dort aus sind es nur wenige Gehminuten bis zur Rue de Bretagne.

 

Rue de Bretagne Paris auf der Landkarte

Starke Strecke Paris: Die Rue de Bretagne im Stadtviertel Haut-Marais.

 

Für die Serie «Starke Strecke» porträtieren der Internaut und seelenverwandte Autorinnen und Autoren in aller Welt städtische Strassen, die nicht globalisiert sind.

Kein Starbucks, kein Zara, kein Hennes & Mauritz, kein McDonald’s – sondern lokale und regionale Anbieter aus Gastronomie, Shopping und Kultur.

«Starke Strecke» ehrt Strassen, die  Zugereiste und Locals erfreuen. Starke Strecken machen glücklich.

Bisher erschienen:

Hamburg, Bahrenfelder Strasse

Santa Cruz de Tenerife, Calle Viera y Clavijo

Prag, Krymská

Düsseldorf, Lorettostrasse

Milano, Via Vigevano

Turin, Via Giuseppe Barbaroux

Genf, Rue des Eaux-Vives

Rotterdam, Witte de Withstraat

Zürich, Josefstrasse

Hamburg, Wohlwillstrasse

München, Reichenbachstrasse

Madrid, Calle de Santa Isabel

Berlin, Brunnenstrasse

Locarno, Via Cittadella

Las Palmas de Gran Canaria, Calle Cano

Tel Aviv, Rabbi Yohanan Street

Bern, Lorrainestrasse

Barcelona, Carrer dels Carders

Biel, Untergasse

London, Croom’s Hill

Basel, Güterstrasse

Wien, Siebensterngasse

Lausanne, Rue Marterey

Amsterdam, Javastraat

New York, Thompson Street

Zürich, Bertastrasse

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