Weshalb mein letzter Blogpost spät kam. Wie man in der Fremde schnell einen Computer findet. Und dazu ein paar lustige Wörter lernt.

Es ist nicht das, was Sie jetzt dann gleich denken. Wirklich nicht. Aber das Wort, das ich in einem munteren Restaurant am Amsterdamer Javaplein in meiner Verzweiflung in die Handy-Suchmaschine eingab, war schon etwas explizit: «Huren».

Nederlandse spraak. Nun ist es so, dass ich mich gut vorbereitet hatte auf meinen Amsterdam-Trip. Vor allem niederländische Velo-Vokabeln paukte ich im Vorfeld. Fiets: Das Fahrrad. Bromfiets: Das Moped. Fietspad: Der Veloweg. Knaagdier: Das Nagetier. Dass ich sur place dann auch «huren» in mein Hollandse-Repertoir aufnehmen musste, liegt an einem Missgeschick meinerseits bei der Abreise am Flughafen Kloten. Die Sicherheitskontrolle wollte sich mein Handgepäck genauer anschauen und bat mich deshalb zu einer Koffer-Öffnung. Etwas ärgerlich für mich, weil ich zeitlich knapp dran war. Aber okay, ich zeigte dem Herrn, was da alles drin war. Nach ein paar Kofferwühl-Einheiten liess er mich springen. Was ich dann etwas überhastet tat. Erster Fehler.

Als ich am Gate in den entsprechenden KLM-Flieger einsteigen wollte, ertönte mein Name über das Lautsprechersystem. Schon eine sehr spezielle Erfahrung, wenn es am Flughafen plötzlich erschallt: «Will Mister Andreas Guentert please report to Ground Staff». Oder so. Warum ich wohl gesucht wurde? Das fragte ich den Menschen in KLM-Hellblau am Gate. Er beruhigte mich: «Wird wohl nichts Wichtiges sein. Ich weiss jedenfalls von nichts. Steigen Sie jetzt ein.» Das tat ich dann. Zweiter Fehler.

Hirn am Flughafen vergessen. Als ich in Amsterdam mein Köfferchen auspackte, wurde mir alles klar. Denn da fehlten mein iPad und vor allem mein MacBook Air, das für mich eine Rolle als Zweithirn spielt. Immerhin konnte ich noch klar denken. Und so dachte ich: Ich musste die Geräte an der Sicherheitskontrolle vergessen habe. In einer der zahlreichen Plastic-Wannen, auf die mein Zeugs verteilt war. Deshalb wurde wohl mein Name ausgerufen. Das war zweimal richtig, wie sich später herausstellte. Ich wusste nun also, wo meine Geräte waren. So weit so gut. Und so schlecht: Die Geräte fehlten in Amsterdam. Ich hatte eine Menge Arbeit mitgenommen, unter anderem ein paar Interview-Aufnahmen, die ich abtippen wollte. Etwas schwierig auf dem iPhone. Aber wie sonst an ein Gerät heranankommen?

In meinem Hotel und in der Umgebung wimmelte es nur so von trendigen Co-Working-Spaces. Also Orte, wo sich urbane Nomaden zum ausserhäusigen Arbeiten. Einen Tisch wollten mir alle geben. Aber kein Gerät. Schliesslich bringt der globale Überallarbeiter stets sein eigenes Device mit. Alternativen? Jemanden im Co-Work-Space bitten, sein Gerät für mich rauszurücken? Da blieb ich ohne Erfolg. Den Computer nutzen, der an der Rezeption meines Hotels stand? Mails checken geht. Aber ansonsten darf man das Gerät – was ich gut verstehe – nicht allzu lange blockieren, schliesslich wollen auch andere Gäste das Teil nutzen. Und zwar rund um die Uhr. Ein Internet-Cafe finden? Nun, das ist eine Einrichtung aus dem letzten Jahrtausend. Wenn ich mir Updates zu einschlägigen Adressen auf meiner iPhone-Suchmaschine ansah, lernte ich stets nur ein neues Wort kennen: «Gesloten». Geschlossen.

Dann halt huren. Nun blieb mir noch eine Möglichkeit: huren. Das bedeutet auf Niederländisch übrigens ganz banal «mieten». Ich rief eine Reihe von Elektro-Shops an, die ein «huren»-Angebot auf ihrer Website stehen hatten. Man vermiete Geräte aller Art. Aber so schnell, wie ich mir das wünschte, ginge das nicht, beschied man mir unisono. Vielleicht in 24 Stunden oder so. Das wiederum dauerte mir zu lange. Ich wollte ein Gerät. Sofort.

Da sass ich nun auf der Terrasse des trendigen Lokals am Javaplein, von dem noch zu berichten sein wird. Und war verzweifelt. Ist es im Jahr des Herrn 2017 wirklich unmöglich, in zivilisierter Umgebung kurzfristig zu einem Temporär-Gerät zu kommen? Dann tat ich etwas, das im Leben ganz grundsätzlich immer eine hervorragende Idee ist: Ich blickte kurz über den Tellerrand. Und sah die Lösung. Sie lag 25 Meter weit weg von mir.

Mein Büro am Osterdook. Die Lösung hiess: Biblioteek. Ein niederländisches Wort, das sich auch Menschen ohne Nederlandse-Master sofort erschliesst: Bibliothek. Der Rest ist schnell erzählt. Ich ging dort rein und fragte, was es wohl brauche, um von einem Computer Gebruik zu maken. Was sich als erstaunlich einfach herausstellte: An einem Automaten gehen. Mit der EC-Karte ein Ticket lösen. Eine halbe Stunde Internet für einen Euro. Gerät inbegriffen. So kam ich zu einem Gerät, einer etwas altertümlichen Hewlett-Packard-Kiste, die ganz ordentlich funktionierte. Und die niederländische Tastatur hatte ich nach ein paar halben Stunden auch ganz leidlich im Griff.

Am Tag danach wechselte ich von der Openbare Biblioteek (Öffentliche Bibliothek) am Javaplein in ein Etablissement der gleichen Gesellschaft am trendigen Oosterdok. Same Procedure: Automat, EC-Karte, Compi-Stunden kaufen. Einen herrlichen Temporär-Arbeitsplatz konnte ich da benutzen, mit Blick in einen generösen Innenhof. Das coole siebenstöckige Gebäude in Bahnhofsnähe wartet unter anderem mit Terrassenrestaurant auf. «Zeer goed» würde da der Niederländer wohl sagen: Sehr gut!

Luftig, stylish, farbenfroh: Mein Temporär-Arbeitsplatz in Amsterdam

Lesen, Arbeiten, Tafeln: Oba-Bibliothek am Oosterdok

 

Leider reichte es mit dem Internaut-Blogpost nicht mehr auf die versprochene Zeit am Samstagabend. Weil ich andere Sachen mit höherer Priorität behandeln musste.

Control bekijken empfohlen. Diesmal kann ich pünktlicher abliefern. Weil ich hier auf Menorca mein Zweithirn dabeihabe. Wenn ich zwei Dinge aus meiner Amsterdam-Episode als Learnings aufzählen darf, dann wären es diese: Bibliotheken sind eine grossartige Erfindung. Sie haben die Internet-Cafés glücklicherweise überlebt. Und: Immer «Control bekijken» einschalten bei der Flughafen-Sicherheitskontrolle. Also einen Kontrollblick werfen, ob wirklich alle Dinge eingepackt sind. So kommt man entspannter durchs Leben. Man kann seine Leser pünktlich beliefern. Und man muss keine «huren»-Datenspur auf sein Smartphone legen.

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