Europa mutiert zur Freiluft-Festival-Festhütte. Ein Schweizer Openairologe weist den Web-Weg zu Open Airs in 44 Ländern.

Das Zelt stand schief, der Boden war matschig. Mein Kopf brummte, und als ich auf schnellen Zugang zum Toi-Toi-WC angewiesen war, zeigte sich die Warteschlange so lang wie nie zuvor. Mein erster Open-Air-Besuch in St. Gallen, ich muss etwa 19 gewesen sein damals, stellte dem Neuling auf ein paar harte Proben. Aber da war auch der Sound, das Feeling, die Freiluft-Freiheit. Mit anderen Worten: Per Saldo war es grossartig.

Schlammgallen. Das Open Air St. Gallen, wegen des notorisch schlechten Wetters auch als «Schlammgallen» dramatisiert, steht traditionell am Anfang der langen Open-Air-Saison in der Schweiz. Was sich im Sittertobel so tat und tut, ist für die Sozialisierung vieler Menschen ausschlaggebend. Besonders für einen Gentleman, den ich kürzlich im Netz aufgestöbert habe. Der Ostschweizer Elio Bucher war schon mit 14 an seinem ersten OASG, wie Kenner das Open Air St. Gallen nennen. «Pure Passion» war das, sagt Bucher, seit dieser Initialzündung sei und bleibe er «infiziert von dieser Form von Musik und Event.»

Eine Passion, die der Freiluft-Aficionado weitergibt. Seit zwölf Jahren listet Bucher auf seiner Open-Air-Festival-Website Openairguide.net auf, was sich punkto Festivals tut. Er trägt zusammen, wer wann wo auftritt, wo es Band-Zusagen oder Absagen gibt. Dabei ist Bucher mit erstaunlicher Akribie und Weltläufigkeit unterwegs: Er erhebt die Daten nicht nur für die Schweiz, sondern für insgesamt 44 Länder. Auch spannend: Eine Online-«Gerüchteküche», die Bucher anhand von Tourdaten und Insiderinfos erstellt.

Festival-Filter. Wie Internaut-Leser wissen, gefallen mir immer Websites, die Raum bieten für Inspiration. Also Online-Angebote, die ihre User bei ihren Wünschen und Vorlieben abholen. Auch hier geht Bucher in die Tiefe. In seinem Festival-Filter kann man über 50 musikalische Vorlieben, etwa Folk, Metal, Soul oder Balkan-Pop, definieren – und schon sucht die Maschine das passende Festival fürs bevorzugte Genre heraus. Fest! Tief! All! So kann man auch mal Perlen ausserhalb des Standard-Angebots finden. Bucher selber ist zwar seit Jahren Stammgast am OASG, reist aber auch mal gerne in eines seiner 44 Länder. Fürs eher kleine und feine Festival etwa ans The Great Escape in Brighton, wo sich um 300 aufstrebende, hierzulande noch unbekannte Acts in kurzen Sets zeigen. Oder, wenn es grösser und prominent bestückt sein soll, ans NOS Alive in Lissabon, wo sich der Openairologe unter anderem für das «textsichere und euphorische Publikum» begeistert.

Aber zurück zur Schweiz. Hierzulande zählt Bucher für die laufende Open-Air-Saison nicht weniger als 136 Festivals. Man kann also davon ausgehen, dass in der Freiluft-Hochsaison Juli/August jedes Wochenende acht bis neun relevante Festivals steigen. Als «dickstes Datum», also jenen Zeitraum mit der höchsten Dichte von Open-Airs, hat Bucher das Wochenende vom 26./27. August ermittelt Dann finden parallel mindestens elf grosse Open-Air-Musikveranstaltungen in der Schweiz statt. Auch dick: Das aktuelle Weekend vom 7./8. Juli mit mindestens zehn Gross-Events. Wohlgemerkt: Der Schweizer Open-Air-Chronist konzentriert sich vor allem auf die Sparten Pop und Rock und all ihre Derivate: «Schlagerzeugs kommt mir nicht in die Hütte.» Natürlich treibt die Schweizer Open-Air-Kultur unzählige weitere Blüten, man denke nur an all die Open-Air-Kinos, an die Open-Air-Kinderkonzerte oder auch Events der etwas spezielleren Sorte wie den ebenfalls an der Frischluft ausgetragenen Arschbomben-Contest in Sursee. 

St. Galler Freiluft, reloaded. Zurück zur Hochkultur des Pop und Rock: Was am heutigen Blogpost natürlich etwas fies ist: Da wird eingangs heftigst Lust entfacht aufs kultige St. Galler Open Air. Dabei ist es für dieses Jahr schon wieder Geschichte. Dafür kann ich alle Menschen, die sich für ein St. Galler Freiluft-Erlebnis erwärmen können, mit einem Tipp versorgen. Im Nachgang zum letztwöchigen Beitrag über Schweizer Rooftop-Bars erreichte mich ein sachdienlicher Hinweis aus der Gallusstadt. Dort öffnete Mitte Juni die Rooftop-Bar des Hotels Radisson Blu St. Gallen. Leider konnte ich selber noch nicht hin. Aber ich glaube, dass ich dieses Versprechen abgeben darf: Open Air St. Gallen, garantiert schlammfrei.

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