Reisen, auf denen man per Flugkörper-Kamera ständig gefilmt wird: Ein US-Angebot könnte bald massentauglich werden. 

Der Abend war lau, ein Windlein wehte, und dieses Lufthäuchlein war hoch willkommen. Es liess uns an der Südseite von Menorca vergessen, dass das Quecksilber tagsüber hart an der 40-Grad-Marke gekratzt hatte. Wir spielten Ball am Meer, und alles war gut. Bis dieser Mann kam. Ein Strandläufer mit Schmerbauch. Eine Hand hatte er frei, in der anderen Pranke trug er etwas in der Grösse eines Schosshundes. Ein Etwas mit einem Propeller an jeder Seite. Und einem Klotz in der Mitte. Eine Drohne. Das hatte zwar nichts Beängstigendes an sich. Aber beim Anblick des Schmerbäuchigen und seinem Transportgut kam mir etwas in den Sinn.

Spiel-Spass am drohnenfreien Himmel von Son Bou. (Bild: DerInternaut)

Drohnkulisse. Erst vor wenigen Tagen hatte ich über eine neue Dienstleistung des US-amerikanischen Reiseveranstalters VIP Journeys gelesen. Die auf Lateinamerika-Reisen spezialisierte Firma mit Hauptsitz in Duluth, Georgia, so lernte ich, hat jetzt den Service  «Drone my Trip»  im Angebot. Das Unternehmen, das sich mit «Tailor-Made, High-End Private Journeys» empfiehlt, was man mit «massgeschneiderten Privatreisen der Luxusklasse» übersetzen könnte, gibt seinen Kunden auf Wunsch einen Drohnen-Fotografen mit auf den Luxus-Weg. Dieser lässt dann die ganze Reise lang einen unbemannten Fotografier-Flugkörper über den ausgesuchten Luxusreisenden surren. Damit wird den Exklusiv-Trip von oben herab gefilmt, was natürlich für Video-Postkarten der exklusivsten Sorte sorgt.

Angebot «Drone my Trip»: Hier fliegt der Foto-Flughund immer mit. (Bild: Screenshot)

Um all jenen, die noch nicht in den kleinen Kreis der High-End-Kunden gehören, besser zu erklären, wie das geht, hat die Firma ein recht dramatisches Demo-Video ins Netz gestellt. So weit so gut. Aber weil meistens alles Gute (und alles andere ebenso zuverlässig) irgendwann aus den USA zu uns hinüberschwappt, fragte ich mich angesichts des Schmerbäuchigen: Ist das vielleicht unser letzter Sommer auf Menorca mit einem drohnenfreien Himmel?

Oben immer mit. Damit wir nicht in die ewig gleiche Falle des europäischen Kultur-Pessimismus tappen: Solche drohnen-embedded-Reisen sind natürlich eine feine Sache. Sie lösen grosse Probleme der Touristen. Bisher konnte man beispielsweise ein Buffet immer nur frontal fotografieren. Wie viel aussagekräftiger wäre es doch, wenn eine Flug-Kamera über Omeletten, Lachs und Butterschwäne surren und so ein realistische Echtzeit-Aufnahme der lukullischen Topographie aufzeichnen könnte. Besser noch: Wenn man eine Drohne in die Küche entsenden und dort first-hand filmen könnte, wie der Gourmet-Koch Dillspitzen hackt (oder hacken lässt). Das sind Bilder, die nicht jeder hat. Genial wäre das doch! Ebenso, wenn man mit dem Ford-Mustang-Cabrio über die Route 66 braust und mal eben kurz nach oben in die Kamera winken könnte. Oder in der Sixtinischen Kappelle einen Blick nach oben werfen – ins Auge des fotografierenden Flughundes. Oder auf dem Surfbrett mit einer kleinen Verrenkung ein Kusshändchen nach oben werfen – truly amazing!

Wenn «oben immer mit» das neue Mantra wird, dürften sich aber auch Probleme einstellen. Zum Beispiel, wenn gleich mehrere Passagiere ihre Drohnen in der Flugzeugkabine herumsurren lassen. Oder wenn ein ganzer Drohnen-Pulk aussen am Jet, zehntausend Meter über Meer, wie ein Schwarm Pilotfische dem Flugzeug folgt. Ich höre sie schon, die neue Ansage der Flugbegleiter: «Dürfen wir Sie daran erinnern, dass dies ein drohnenfreier Flug ist. Bitte lassen Sie auch in den Toiletten keine Foto-Quadcopter steigen.» Oder, etwas energischer: «This is your Captain Oberhänsli speaking. Bitte fliegen Sie mit ihren Drohnen jetzt wieder aus dem Cockpit hinaus. Thank you.»

Immer höher. Einer gewissen Logik folgt der Einsatz von Ferienföteli-Drohnen, persönlich eingesetzt oder von einem professionellen Reisebegleiter fachmännisch pilotiert, natürlich schon. Man muss das als würdige Weiterentwicklung des erratischen Selfie-Sticks sehen. Mit diesen primitiven Stangen ist die Fotografie schon einmal zwei Armlängen über den Mensch hinausgewachsen; per Drohne würde die Aufnahmetechnik nun quasi völlig frei. Vogelfrei.

Unser letzter drohnenfreier Sommer auf Menorca? (Bild: DerInternaut)

Wie wir unserem Ball in Menorca eine Pause gönnten, ergötzten wir uns am grossen, freien Sternenhimmel. Es wäre schön, dachte ich in einer schwachen Sekunde, wenn der Himmel trotz allen Segnungen des Fortschritts so bleiben könnte. Gross und frei, unbedrohnt und unbedröhnt. Sollte sich aber die «Drone my Trip»-Philosophie auch auf dem alten Kontinent durchsetzen, braucht es Regeln. «Ich muss draussen bleiben», wird es dann auf Verbotsschildern vor Restaurants heissen, signalisiert mit einem durchgestrichenen Flugkörper. Und an den Stränden müsste Brüssel, wohl in Absprache mit der US-Bundesluftfahrtbehörde FAA, einheitliches Recht schaffen. Eine Zonenplanung müsste klipp und klar festsetzen, wo die Foto-Flughunde verboten sind. Und dort wo sie erlaubt sind, müsste ein Warnschild stehen. Zum Beispiel so: «Achtung: Oben Drohne».

Flug-Überwachung. Natürlich müsste die EU den Flugverkehr wie auch die stillen Zonen streng überwachen. Wobei mir da leider nur ein taugliches Instrument in den Sinn kommt: Drohnen.

Pin It on Pinterest