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Home 9 Mexiko 9 Tulum, 30 Grad. Und trotzdem wurde ich nicht ganz warm mit meinem Sehnsuchtsziel

Tulum, 30 Grad. Und trotzdem wurde ich nicht ganz warm mit meinem Sehnsuchtsziel

Datum

6. Januar 2024

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Home 9 Mexiko 9 Tulum, 30 Grad. Und trotzdem wurde ich nicht ganz warm mit meinem Sehnsuchtsziel

Tulum, Mexiko: Das stand lange auf meiner Bucket List. Dort erlebte ich eine grosse Tourismus-Bubble. Aber wenig México.

Tulum, México: Der Ort an der Ostküste der mexikanischen Halbinsel Yucatán im Bundesstaat Quintana Roo stand lange Zeit auf meiner persönlichen Bucket List.

Tempel und Ruinen der Maya im Dschungel, endlose Sandstrände, gut erhaltenes Feeling der Traveller-Pioniertage – das zog mich unwiderstehlich an die Karibikküste Mexikos, die Riviera Maya.

tulum
Tulum, Mexiko: Ausblick voller Vorfreude. (Internaut)

Seit 2015 steht Tulum auf der Liste der mexikanischen Pueblos Mágicos, die Reisedestination ist also Teil jener Dörfer und Städte, die zu den schönsten und sehenswertesten Ortschaften von ganz Mexiko gehören sollen. Mehr als ein blosses Badeferienziel also.

Im Februar 2023 reiste ich endlich hin. Mexiko-Premiere, 30 Jahre nach meinem letzten Trip. Im Rahmen einer Tour, die mich zu verschiedenen Zielen auf der mexikanischen Halbinsel Yukatan führte.

Tulum: Schön, aber nicht (mehr) magisch

Klar, meine sechs Tage in Tulum haben mir gut gefallen. Aber so richtig warm wurde ich auch bei 30 Grad nicht mit dem Ort. Vor allem, wenn ich vergleiche, was einem México an anderen Orten geben kann.

Das hat wohl damit zu tun, dass Tulum eine typische Touristik-Karriere hingelegt hat. Von der einstigen Backpacker-Entdeckung hin zur voll ausgebauten Destination. Das México der Mexikanerinnen und Mexikaner, scheint mir, kommt hier nur noch zu Besuch. Als Heer von Service-Angestellten für eine Wohlfühl-Veranstaltung, die grossmehrheitlich auf US-amerikanische Kundschaft zugeschnitten ist.

Etwas Traveller-Charme in Tulum Pueblo

Am ehesten noch lässt sich etwas von der einstigen Traveller-Magie ahnen in Tulum Town oder Tulum Pueblo.

Die Stadt selber liegt aber nicht am Meer.

Tulum Town, Tulum Pueblo
Tulum Pueblo: One, two, three, música! (Internaut)

Hier in der Stadt kann man noch zu Fuss promenieren, die Strassenzüge sind aber natürlich voll auf das touristische Publikum abgestimmt, voll mit Souvenirläden, Bars und Restaurants.

Eine Mahlzeit oder ein Drink in Tulum Town ist weniger teurer als an den guten Strandlagen. Das Pueblo bietet ein gutes Abendprogramm. Etwa, wenn eine Band auftritt und ihr ganze Equipment open Air an der Strasse aufstellt und mitten in der Stadt beherzt loslegt.

Strände der Riviera Maya mit Algenproblem

Der lange Strand der Zona Hotelera ist etwas, das viele Touristen schon lange vor der Abreise zu Gesicht bekommen. Und sich freuen auf ein feinsandiges Sandband mit türkisem klarem Wasser.

Die Wahrheit sah, mindestens im Februar 2023, anders aus. Das Meer der Karibik war hier gesäumt von grossen Teppichen aus Braunalgen.

Tulum Mexiko Algenplage Februar 2023
Unschönes Bild am Sandstrand der Zona Hotelera: Braunalgen bedecken die Küstenlinie. (Internaut)

Das Algenproblem – man spricht hier von Seaweed oder Sargassum – ist seit längerem bekannt. Früher trat es vor allem in den Monaten Mai und Juni auf. In letzter Zeit aber schon sehr viel früher und stärker.

Touristen stellen sich bei dieser Problematik zwei Möglichkeiten: Man informiert sich tagesaktuell auf den zahlreichen Facebook-Gruppen, die es zum Thema Sargassum gibt. So erfährt man zeitnah, wo sich die braunen Algen breitmachen – und wo nicht.

Mit diesem Wissen kann man dann mit einem Mietwagen jene Playas ansteuern, die weniger unter der Algenplage leiden. Ein Übel übrigens, das ein neues Berufsbild geschaffen hat. Jenes der «Sargaceros». Jene (einheimischen) armen Teufel, welche die Algen wegschaufeln müssen.

Cenote Cristal y Escondido Tulum Mexiko
Cenote Cristal: Ungetrübter Badespass in Tulum. Wirklich magisch. (Internaut)

Zweite Möglichkeit: Den Strand geniessen, so gut es eben geht. Und für den Badespass vermehrt ausweichen auf die wirklich magischen Cenoten, von denen es auch in Tulum viele gibt.

Cenoten einplanen im Urlaub

Cenoten – auf Spanisch Cenotes – sind unter- und oberirdische Süsswasser-Badestellen, die ihren ganz eigenen Zauber haben.

Weil einige Strände in Tulum teils nur sehr schwach abfallen und steinigen Boden aufweisen, waren mir die Cenotes zum Baden und Schwimmen lieber als alle Strände zusammen.

Hippe Hotels für die Yoga-Ibiza-Bali-Digitalnomaden-Bubble

Klar, es gibt das Tulum des Massentourismus: Ausflugsboote, gefüllt bis auf den letzten Platz, Busladungen voller Feriengäste, die in ihren Schwimmwesten auf 150-Dollar-Schnorchel-Trips mit massiven Arm- und Beinschlägen noch die letzte Schildkröte in die Flucht schlagen.

Aber es gibt auch das endkrass chice Tulum. An der sogenannten Zona Hotelera reiht sich ein herausragendes Bauwerk ans nächste. Hotels, Restaurants und Beach Bars aus Holz und aus Stroh, eines fotogener als das andere.

Beach Club an der mexikanischen Riviere nahe Cancun
Eingang mit Stil: So wie der Mia Beach Club zeigen sich in Tulum viele Hotels, Bars und Restaurants in ausgefallener Bauweise. (Internaut)

Darunter auch Gebäude, die im Öko-Stil gebaut wurden und sich sehr nachhaltig geben. Was dann vom Nachbarbau schon wieder übertroffen werden will. Und vom übernächsten Hotel ebenso.

Eine ganze Reihe von Hotels, Restaurants und Beach Clubs, die für eine kaufkräftige Kundschaft gebaut wurde, eine coole Crowd, die man sich so auch in Ibiza und Bali vorstellen könnte.

Hotel an der mexikanischen Riviera, Beitrag Reiseblog der internaut
Voll easy, dieses Tulum. Oder ist es die Schnittmenge aus Ibiza und Bali? (internaut)

Ein very busy Volk, beim Yoga, beim Zugewinn definierter Muskeln oder beim konzentrierten Tippen auf einen Laptop, der auf der uns zugewandten Seite derart mit Abziehbildern verziert ist, dass er laut zu uns schreit: Ich Bin Ein Digitaler Nomade. Eine der vielen Szenen in Tulum, die wie aus dem Feed eines Social-Media-Accounts anmuten.

«A Town made for Instagram», schrieb ein Kollege über Tulum treffend. Sehr treffend sogar, wie mein nächster Eindruck zeigt.

Die Instagram-Scheinwelt

Als einer, der auch in touristischer Hinsicht immer mal wieder Instagram zu Rate zieht, regte sich lange vor Abreise nach Mexiko und Tulum schon ein Wunsch in mir.

Der Wunsch ging so: Einmal wie alle anderen glamourösen Menschen in Tulum den glamourösen Gang durch die Skulptur Ven a l luz (Komm ans Licht) des südafrikanischen Künstlers Daniel Popper zu machen. Eine Skulptur die, so schien es, ganz allein für sich am Boulevard Kukulcan der Zona Hotelera steht, Adresse: Kilometer 9.

Skultpur Ven a la luz in Tulum, Quintana Roo, Riviera Maya, Mexico
Instagramability garantiert: Skultpur Ven a la luz mit Insta-Celebrities., offenbar unlimitiert. (Instagram)

Tatsächlich zeigte sich die Sachlage dann ein bisschen anders. Die Skulptur steht mitten in einer privaten Anlage. Lange Menschen-Schlangen bilden sich vor ihr und vor dem Hotel Ahau, zu dem die Escultura gehört.

Ohne bezahlen darf man nichts ans Licht. Tagsüber sind es 3 Dollar, ab 18 Uhr 5 Dollar (Preise Februar 2023). Begleitet von der unmissverständlichen Angabe, die angegebene maximale Fotografierzeit von einer Minute nicht zu überschreiten. Mein Learning: Jetzt bist Du ans Licht gekommen, gelebte Instagram-Realität.

escultura ven a la luz daniel popper tulum zona hotelera
Minütelen unter Palmen: Escultura Ven a la luz, mit Zeit-Imperativ. (Internaut)

Tulum und das Thema Sicherheit

Mexiko ist in den letzten Jahren zu einem Land mit grossen Sicherheitsproblemen geworden. Davon sind aber nicht alle der 32 mexikanischen Bundesstaaten gleich betroffen.

In den regelmässigen Hinweisen des US-Aussendepartments zur Reisesicherheit in Mexiko schneiden die beiden Staaten Yucatan und Campeche («normale Vorsichtsmassnahmen») am besten ab.

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Tulum liegt im Bundesstaat Quintana Roo; für diese Region werden «erhöhte Sicherheitsmassnahmen» empfohlen.

Anders als etwa in Mérida, der als überaus sicher geltenden Hauptstadt von Yukatan, trifft man in Tulum immer mal wieder auf polizeiliche und militärische Checkpoints. Was, je nach Gemütslage, bei der einen Traveller-Fraktion für ein erhöhtes Sicherheitsgefühl sorgt. Bei der anderen Fraktion aber Sorgen aufkommen lässt, dass solche Sicherheitskontrollen überhaupt nötig ist.

Tulum Sicherheit
Dein Amigo und Helfer: Patrouille in Tulum Pueblo. (Internaut)

Meine Erfahrung in Tulum im Februar 2023: Ich habe mich jederzeit sicher gefühlt.

Dabei neigte ich aber – auch nach der so positiven Erfahrung in Mérida – bei der Gemütslage eher zur zweiten Fraktion.

Tulum, mexikanische Karibik, Fazit

Klar, die Destination Tulum hat eine ganze Menge zu bieten, Sehenswürdigkeiten wie etwa die emblematische Maya-Stätte El Castillo und das Biosphärenreservat Sian Ka’an, Strände, verzaubernde Cenotes und eine innovative Hotel-Szene.

Zwar ist der Ort bestimmt nicht derart internationalisiert wie die All-Inclusive-Strandzone von Cancún. Tulum ist keine Ferien-Fabrik. Aber jenen mexikanische Charme, den ich anderswo auf der Halbinsel Yukatan gefunden habe, vermisse ich hier. Soll ich es mangelnde Authentizität nennen? Eine Mexikanität, die unter gebürstetem Touristik-Industristahl nicht mehr schimmert und schillert? Ein Mexi-K.O.? So etwas in der Art.

Fazit: Für viele Menschen mag Tulum ein Sehnsuchtsziel par excellence sein. Für mich ist es das nicht.

Autor:in

Andreas Güntert

Andreas Güntert

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Seit 1994 erforscht und beschreibt Andreas Güntert hauptberuflich als kritischer Sympathisant der Wirtschaft die Schnittstellen von Konsum, Gesellschaft und Reise-Industrie. Als Reiseblogger der Internaut lotet er das Reise-Internet aus. Der Internaut ist ein Storyteller – unabhängig, munter, pointiert. Und immer seinen Leserinnen und Lesern verpflichtet.

Kommentare

6 Kommentare
  1. René Edward Knupfer

    Habe während meiner Mexiko-Rundreise einen weiten Bogen um Cancún und Tulum gemacht. Hatte null Bock darauf, auch nur einen einzigen Tag meiner kostbaren Ferienzeit in einem vorab von US-Pauschaltouris frequentierten banalen All-Inclusive-Ferienghetto zu verschwenden. Ballermann der Karibik. Billiger Massentourismus wie in Sosúa DomRep oder Pattaya Thailand. No, muchas gracias !

    Antworten
    • Andreas Güntert

      Hallo René, danke für Deinen Input, kann Dich gut verstehen. Würde aber Tulum trotzdem nicht mit Cancún vergleichen. Vor allem in der Architektur scheint mir Tulum sehr viel bewusster im Umgang mit den Ressourcen; konventionelle Hotelbunker findet man in Tulum viel weniger als in Cancún. Auch der Vibe scheint mir in Tulum anders zu sein als in der AI-Hochburg Cancún. Aber hast schon recht: Mexiko hat so viel Besseres zu bieten…..

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  2. Sybille

    Danke, Andreas, für deine (immer noch sehr wohlwollende, wie ich finde) Einschätzung. Tulum stand auch lange auf meiner Bucket List, bis ich diese ernüchternde/erschütternde Reportage in der ZDF-Mediathek gesehen habe: https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/tulum-mexicos-partyzone–hipster-drogen-und-erleuchtung-100.html

    Mich ärgert besonders, dass die Menschen, die bevorzugt an solche Ziele reisen, sich selbst als besonders grün und naturfreundlich gerieren – und dabei für die Zerstörung dieser Paradiese hauptverantwortlich sind. Sollte man auf solche Entwicklungen mit Umfahrung reagieren, wie der Kommentator René, oder ist diese Tourismus-Konzentration an bestimmten Orten vielleicht sogar besser als noch die letzten unberührten Naturschönheiten des Planeten in Rummelplätze zu verwandeln. I have no idea.

    Empfehlenswert auch ein Artikel von August in der NZZ zur Braunalgen-Plage mit interessanten Grafik-Simulationen:
    https://www.nzz.ch/visuals/im-atlantik-breitet-sich-die-alge-sargassum-ungewoehnlich-stark-aus-an-den-straenden-der-karibik-wird-sie-zum-gesundheitsproblem-ld.1751794

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    • Andreas Güntert

      Hallo Sybille und danke für Dein Feedback. Ich neige eher zum Gedanken, dass es besser ist, wenn sich TouristInnen an gewissen Orten konzentrieren – damit dann andere Naturschauplätze in Ruhe weiter leben. Oder nur von Leuten besucht werden, die behutsam mit Fauna, Flora und dem ganzen Ökosystem umgehen.Spannend in der Sargasso-Sache finde ich, dass es offenbar in Mexiko immer wieder Ideen und Initiativen gibt, diese Algen in Biogas oder Dünger zu verwandeln. Aber irgendwie passiert da wenig. Gruss, -andreas aka der Internaut-

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  3. Alfredo

    Caro Andreas

    Du hast es auf den Punkt gebracht: „Hippe Hotels für die Yoga-Ibiza-Bali-Digitalnomaden-Bubble…“

    Geniesse Catania 🙂

    Alfredo

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    • Andreas Güntert

      Ciao Alfredo, danke fürs Feedback. Ja, jetzt bin ich wirklich gespannt auf die sizilianische Bubble, Gruss, -andreas aka der Internaut-

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