Was bringt der touristischen Schweiz mehr: Ein Überhang an Schweizer oder an ausländischen Gästen? Und wie sehr werden sich gelockerte Grenzbestimmungen aufs Reiseverhalten auswirken? Martin Barth über Reisen und Rechnen mit und nach Corona.

Die Titulierung als «Tourismus-Professor» mag Martin Barth* nicht sonderlich. Ja, das Etikett stimmt zwar. Aber der Gründer des World Tourism Forum Lucerne sieht sich lieber als Macher, der weniger in der Welt der Theorie, sondern in der Praxis wirkt.

Im April 2020, als die Pandemie noch jung war, sprach ich mit Martin Barth für die «Handelszeitung» über die Folgen für den Tourismus, über verändertes Konsumverhalten und die Auswirkungen von Corona auf die Reise-Welt.

Ascona versus Apulien.Viele Regeln sind für Sommer 2021 gelockert worden. Wo geht die Reise hin?
Ascona und Apulien. Beides schön, mal süsswassriger, mal salziger. Wer macht das Rennen in den Sommerferien 2021? (Bild: Pixabay)

Jetzt, 14 Monate später, werden Einschränkungen gelockert, die Grenzen öffnen wieder. Heisst das, dass wir im Sommer 2021 bezüglich Tourismus alle zur Normalität zurückkehren?

Sind wir sogar so reisehungrig, dass es kein Halten mehr gibt und wir schnurstracks wieder in vor-pandemische Konsummuster im Sinne von «öfter, schneller, günstiger Reisen» zurückfallen?

Martin Barth: «Reisen ist kein Menschenrecht»

Höchste Zeit, noch einmal mit Martin Barth zu sprechen. Der Tourismus-Kenner hält an seinen Thesen von damals fest. Er glaubt nicht, dass es diesen Sommer schon zum grossen Run ins Ausland kommt.

Und Martin Barth macht sich Sorgen um die touristische Schweiz, die aufgrund eines Zahlenmangels keine adäquate Strategie für die Zukunft zimmern kann.

Martin Barth, Gründer und CEO World Tourism Forum Lucerne WTFL, Interview Reiseblog der Internaut
Martin Barth, Gründer und Chef des World Tourism Forum Lucerne WTFL. (Bild: zvg)

Martin Barth, sind Sie eigentlich Hellseher?
So sehe ich mich nicht. Wenn schon, dann eher als pragmatischer Visionär. Warum fragen Sie?

Schon im April 2020, kurz nach Ausbruch der Pandemie, gingen Sie davon aus, dass erst ab Mitte 2021 wieder mit internationalen Reisen zu rechnen sei. Punktlandung, denn genau jetzt geht es wieder los. Wie kamen Sie damals zu diesem Schluss?
Aus zwei Überlegungen. Einerseits brauchte es Zeit, um alle Vorkommnisse zu reflektieren, sich selber den Spiegel vorzuhalten und zu erkennen, dass ein Ereignis wie Corona nicht allein mit technischen Mitteln zu steuern ist. Andererseits haben wir die Pandemie im Frühling 2020 wohl alle unterschätzt. Natürlich ist im Sommer 2021 wieder sehr viel mehr möglich als letztes Jahr, aber im Rückblick muss ich sagen, dass ich mit meiner Prognose wohl ein wenig zu optimisch war. Die Pandemie ist noch längst nicht vorbei.

Was Sie damals auch sagten: «Reisen ist kein Menschenrecht». Gilt das auch noch im Sommer 2021, wenn internationale Reisen wieder Aufwind haben?
Das gilt weiterhin so.

Sie skizzierten damals ein «New Normal» des Reiseverhaltens, die Menschen würden mit und nach Corona weniger und bewusster reisen. Wollen die Leute jetzt nicht ganz im Gegenteil alles Verpasste nachholen, möglichst schnell, möglichst günstig?
Das glaube ich nicht. Ein gewisser Prozess des Umdenkens hat ganz sicher eingesetzt. Nehmen wir das Beispiel einer Mittagsverpflegung. Nur weil Sie gestern keine Chance zum Lunch hatten, werden Sie heute nicht gleich zweimal mittagessen wollen.

«Die Menschen fragen sich heute vermehrt: Drei Tage London – ist das wirklich nötig?»

Martin Barth, Gründer und CEO World Tourism Forum Lucerne, WTFL

Kürzlich sprach ich mit dem Chef eines grossen Mallorca-Reiseveranstalters. Er glaubt nicht, dass die Konsummuster im Tourismus komplett ändern. Vielleicht weniger kurze Shopping-Trips, aber wenn das Angebot für eine internationale Reise stimmen, würden sie es annehmen.
Das sehe ich nicht als Widerspruch zu meiner These. Gerade bei kürzeren Reisen fragen sich die Menschen heute vermehrt, auch aus Gründen der Nachhaltigkeit: Drei Tage London – ist das wirklich nötig?

Aktuell bietet Swiss Flüge nach Palma de Mallorca ab 85 Franken. Da wird also niemand zugreifen wollen?
Nicht alle Konsumenten ticken gleich. Ob solche Tiefstpreis aber wirklich clever sind? Ich würde da ein Fragezeichen setzen.

Hinter welchen Satz würden Sie ein Ausrufezeichen setzen?
Weniger reisen. Aber wenn, dann länger. Was übrigens auch eine gute Strategie für das Reiseland Schweiz sein könnte: Nur noch die Hälfte der Touristen, dafür aber solche, die länger blieben und mehr Geld ausgeben.

Wie sieht das grosse Bild aus? Beschäftigt uns der Undertourism noch länger – oder droht eher bald wieder Overtourism?
Die touristische Welt tickt nicht in solchen Extremen und funktioniert nicht nach Schwarz-Weiss-Schemen. Vermutlich wird sich die Situation irgendwo in der Mitte einpendeln. Wenn ich sehe, dass einstige Overtourism-Hotspots wie Venedig und Barcelona neue touristische Konzepte umsetzen, macht mir das Mut.

Martin Barth im Gespräch mit Andreas Güntert, Reiseblog Internaut.
Im Gespräch mit Martin Barth (links) im April 2020, als die Pandemie noch jung war. Social Distancing: all inclusive. (Bild: zvg)

Dieser Tage sind ganz Italien, ganz Deutschland sowie Kroatien von der Risikoländerliste des Bundesamts für Gesundheit BAG gefallen. Heisst das also: jetzt ist kein Halten mehr mit Auslandreisen im Sommer?
Ja, die Lage hat sich gebessert. Aber der grosse Run aufs Ausland kommt diesen Sommer noch nicht. Die Krise ist noch nicht überstanden, gerade für Familien bleiben bei Reisen ins Ausland zahlreiche Unsicherheiten und Extra-Kosten, wie etwa für PCR-Tests. Ganz zu schweigen von weltweiten Reisen. Zu oft geht vergessen, dass in Ländern wie etwa Indien Millionen von Menschen noch nicht geimpft sind.

Aktueller Befund der Konsumforscher von GfK Schweiz: Die Menschen planen zwar Ferien, innereuropäisch ins Flugzeug setzen wolle sich aber nur jeder Zehnte, für Reisen nach Übersee könne sich nur jeder Zwanzigste begeistern. Haut das in etwa hin?
Das trifft es meiner Ansicht nach ziemlich gut.

Aufgrund der Unsicherheiten ist es bei Reisehungrigen aktuell verbreitet, Hotels gleich doppelt und dreifach buchen. Man reserviert mal Inland, mal im Ausland – und storniert dann zum letztmöglichen Zeitpunkt. Finden Sie das in Ordnung?
Viele Anbieter, in der Hotellerie wie in der Parahotellerie, sind durch Corona flexibler und agiler geworden. Was dazu führt, dass seitens der Gäste generell eher kurzfristig reserviert wird. Bezogen auf diesen Sommer habe ich ein gewisses Verständnis für ein solches Verhalten der Konsumenten. Und hoffe, dass solche Mehrfach-Reservationen mit Absage in letzter Minute nicht ein dauerhaftes Phänomen bleiben.

Letztes Jahr sorgten Schweizer Gäste mit Inland-Ferien von Juli bis Oktober für Rekordwerte im eigenen Land. Wird das im Sommer 2021 noch einmal so sein – oder schwirrt der Schweizer nun ins Ausland ab?
Auch dieser Sommer kann für die Schweizer Bergregion wieder stark werden. Mit einer Grosszahl an Schweizern, die im eigenen Land bleiben. Und europäischen Gästen, die nun wieder in die Schweiz kommen.

«Meinen Studenten mache ich immer gern das Beispiel, wie man die Logiernächte im Hotel per sofort problemlos verdoppeln kann.»

Martin Barth, Gründer und CEO World Tourism Forum Lucerne WTFL

Was ist besser für die Schweizer Tourismusbranche: Möglichst viele inländische Touristen oder möglichst viele ausländische Touristen?
Am Schluss muss die Mischung stimmen. Aber es ist sicher so, dass Schweizer Gäste nachhaltiger wirken in dem Sinne, dass sie nicht von weit her anreisen mussten. Und wohl auch beim Thema Ausgabe-Verhalten. Weil sie Preis und Realitäten kennen im eigenen Land.

Die Leistung der Hotels wird in der Schweizer Statistik jeweils in Logiernächten ausgewiesen. Wie aussagekräftig ist diese Zahl für den Tourismus?
Sie sagt leider nicht viel aus, und dies aus drei Gründen. Erstens steht die Zahl in der Statistik nur für Hotels und blendet die Parahotellerie aus, also Ferienwohnungen, Campingplätze, Jugendherbergen, Bed and Breakfast, Airbnb. Zweitens sagt die Zahl der Logiernächte nichts darüber, zu welchen Preisen die Hotelnächte verkauft wurden. Meinen Studenten mache ich dazu gerne immer das Beispiel, wie man im Hotel – mindestens zu normalen Zeiten – die Logiernächte per sofort problemlos verdoppeln kann.

Wie geht das?
Ganz einfach: Man fährt die Preise in den Boden. Das bringt in der Regel sofort neue Gäste. Aber zu einem Preis, der nicht nachhaltig ist für das Unternehmen. Doch es gibt noch einen dritten Grund zur Problematik der Logiernacht-Angaben, eigentlich der wichtigste.

Und der wäre?
Logiernacht-Angaben sagen nichts aus bezüglich Wertschöpfung. Aber genau dies wäre wichtig, um eine Tourismus-Strategie zu erarbeiten, die für die nächsten Jahre als Richtschnur gilt. Erst wenn wir wissen, wofür Reisende ihr Geld in der Schweiz wirklich ausgeben, welche Beträge sie für Übernachtung und Ausflüge, für Verpflegung, Aktivitäten und Einkäufe einsetzen – erst dann haben wir ein Zahlen-Set, das wir einordnen können. Wo welche Wertschöpfung generiert wird: Genau das müssen wir dringend wissen.

Sommerferien 2021: Reisen Schweizer eher ins Ausland oder bleiben sie im eigenen Land?
Istrien oder Interlaken? Eine der Entscheidungen im Reisesommer 2021. (Bild: Pixabay)

Warum wissen wir es nicht?
Weil es – Stand heute – noch nicht erhoben wird. Und natürlich ist es mit der Pandemie nicht einfacher geworden, weil sich Gästemix und Ausgabeverhalten wohl verändert haben. Aber genau deshalb wäre es auch wichtig, gutes Zahlenmaterial zu haben.

Wie kommt man dazu?
So schwierig kann es nicht sein. Immerhin gelingt es sportlichen Grossveranstaltungen oder Events wie dem Davoser WEF, eine Wertschöpfungsrechnung zu generieren. Aufgrund eines Samples trifft man Annahmen und erstellt daraus eine Hochrechnung. Das sollte auch für den Schweizer Tourismus als Ganzes möglich sein. Da müsste jetzt jemand die Führungsrolle einnehmen und den Auftrag für eine regelmässige Studie bezüglich touristischer Wertschöpfung erteilen. An finanziellen Mitteln sollte es nicht fehlen, denn davon ist ja im Rahmen der Pandemie sehr viel geflossen.

Wer soll dabei die Führungsrolle übernehmen?
Zuständig wäre hier wohl das Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung von Bundesrat Guy Parmelin, und dort das Staatssekretariat für Wirtschaft Seco. Es braucht möglichst schnell ein Gerüst an Zahlen, damit wir die Gegenwart verstehen und die Zukunft planen können.

Wo reisen Sie im Sommer hin? Italien, Istrien oder Interlaken?
Irgendwo in den oberen Spitz dieses Dreiecks. Ins Engadin.

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*Martin Barth, 55, ist Gründer und Chef des 2009 gegründeten World Tourism Forum Lucerne (WTFL). Das WTFL ist eine internationale Plattform für den weltweiten Tourismus mit Fokus auf Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Startups.

Daneben ist Martin Barth Professor an der Hochschule Luzern, leitet dort den CAS-Lehrgang «Tourismus für Quereinsteiger» und ist Spielleiter von diversen selbst entwickelten Simulationen, Plan- und Brettspielen. Er ist Verwaltungsrat der Hotelfachschule Luzern (SHL), Innosuisse Experte und Beiratsmitglied der Jury des Hotel-Ratings der «SonntagsZeitung».

Martin Barth lebt in Solothurn, ist verheiratet und Vater eines erwachsenen Sohnes.

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