Exotik vor der Haustüre: Eine Hotelnacht in der eigenen Stadt. Und ein Arbeitsweg ohne Arbeit.

Ab und zu muss eine kleine Flucht aus dem Alltag sein. Weg von allem, Neues erleben oder Altvertrautes wiedersehen. Aus Deutschschweizer Sicht bietet sich da unter anderem an: Der Bahn-Blitztrip nach Mailand. Der Flixbus-Abstecher nach Konstanz. Oder, was ich besonders mag: Die Fahrt an den Neuenburgersee, um am Wasserski-Skilift von Estavayer-le-Lac die grosse Freiheit zu spüren. Eine Freiheit, die oft mit dem Gesetz der Schwerkraft kollidiert. Was ungeahnten Spass bereitet.

Aber es geht auch einfacher. Und fast noch exotischer: Eine Hotelnacht in der eigenen Stadt verbringen. Gefolgt vom Abschreiten eines Weges, den man in der Regel per Bus oder Tram abspult und zu kennen glaubt – und doch nicht kennt: den eigenen Arbeitsweg. Diese Strecke einmal mit offenen Augen passieren: ein grosser Genuss. Vor allem dann, wenn man den Arbeitsweg einmal mit genügend Zeit abschreitet. Weil man nicht zur Arbeit muss.

Genau so habe ich es kürzlich gemacht. Einquartiert war im ich im 25hours Hotels Langstrasseeinem der neuesten und angesagtesten Häuser Zürichs. Strategisch gut gelegen in der Stadt, genau dort, wo sich Langstrasse und Europaallee treffen. Ein quirliges Haus, das gut passt in jene Ecke Zürichs, die an Multi-Kulti-Appeal kaum zu übertreffen ist. Und ein Haus, das strategisch prima liegt, um meinen Arbeitsweg abzuspulen. Eine Route, die reich ist an Höhepunkten und ein Zürich abseits von Bahnhofstrasse-Glitzer, Niederdörfli-Romantik und Altstadt-Chic zeigt.

Also los. Eintauchen in die Langstrasse, vorbei am Hotel Rothaus, der Heimat des Projekts «Republik». Also die Hochburg jener Leute, die den Journalismus neu erfinden wollen. Dann taucht der Palestine Grill auf, der zu den besten Strassenküchen Zürichs zählt. Nicht weniger sympathisch, aber überdacht und mit jugendlicher Frische angerichtet, zeigt sich ein paar Meter weiter das Krokodil ProvisoriumWer am Samstag unterwegs ist: Unbedingt eintauchen in den Flohmarkt Kanzlei. Ein Mikrokosmos zwischen Open-Air-Warenhaus und Bazar. Wie ich die Strecke in langsam mache, merke ich: Mein Arbeitsweg hat alle Qualitäten einer Sightseeing-Tour.

Eingebogen in die Badenerstrasse, lohnt sich ein Hinschauen an der unscheinbaren Nummer 153. Hier siedelt eine «Erfinder-Kontakt-Plattform», die aufzeigt, auf welche Innovationen sich die Welt noch freuen darf. Dann taucht bald die Kalkbreite-Überbauung auf, eine Hochburg der Hipster, die sich am liebsten im Café Bebek an eine reich gedeckte Nahost-Tafel setzen. Ebenso mediterran inspiriert: Das Grand Café Lochergut, ein Hang-Out der jungen Bohème. Wem das jetzt alles ein wenig zu trendy ist: An der Badenerstrasse 279 steht mit dem «Pulli Hus Rita» ein Geschäft, das herrlich aus der Zeit gefallen ist. Völlig untrendy, nicht cool und so extrem normal, wie früher ein Laden halt aussah. Ich sag es gern, ich sag es kurz: Mein Arbeitsweg hat jede Menge schrägen Glamour. Für heute letzte Station meiner Büezer-Route, die sich eigentlich noch bis Zürich-Altstetten hinzieht: Das Stadion Letzigrund, wo der FC Zürich und die Grasshoppers ihre Heimspiele austragen und wo auch die Granden des Rock und Pop auftreten. Letztere meist vor mehr Zuschauern als erstere.

Das war jetzt alles ziemlich Züri-heavy. Sorry, liebe Nicht-Zürcher. Ich kann nichts dafür, in dieser Stadt verdiene ich nun mal mein Geld. Aber eine Arbeitsweg-Erfahrung muss überhaupt nicht zürilastig sein. Sie, liebe Leser, reisen ja bestimmt auch von Montag bis Freitag in irgend einen Maschinensaal, in Bern oder Basel, Berlin oder Hamburg.

Tun Sie sich den Gefallen, schalten Sie mal einen Kurztrip ein, den man so annoncieren könnte: «Mein Arbeitsweg, das unbekannte Wesen». Eine Art Sightseeing-Slowfood, der sich prima anhängen lässt an eine Hotelnacht in der eigenen Stadt. Zum Beispiel dann, wenn die Preise tauchen. Und wann dieser schöne Fall regelmässig eintritt, wissen Internaut-Leserinnen und Leser ja längst.

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