Zum 15. Mal nach Menorca, immer wieder nach Berlin, Valencia und Ascona: Manche finden Stammgast-Benehmen langweilig. Ich nicht. Und Du?

Die erste Cervecita im Café Baixamar am Hafen von Mahón. Der erste Sprung in die Fluten an der Cala Alcaufar. Der erste Gang durch die vertrauten Gestelle im Supermercado Taltavull. Die Effilierschere, mit der mir mein Lieblings-Peluquero den passenden Inselschnitt verpasst. Darauf freue ich mich heute schon, wenn ich bald wieder nach Menorca reise. Ungefähr zum zehnten Mal. Oder wohl eher zum fünfzehnten. Egal. Ich werde mich auch ein sechzehntes Mal freuen. Und ein siebzehntes. 

 

Menorca Repeater

Menorca: läuft bei mir diesen Sommer. Wie letzten Sommer schon. Und  nächsten. Und übernächsten.

 

Einerseits zieht es mich auf die kleine Baleareninsel, weil ich familiär verbandelt bin mir ihr. Aber nicht nur. Ich mag Menorca einfach. Sehr sogar. Aber auch Valencia, wo ich nach zehn Reisen mit Zählen aufgehört habe. Und Berlin. Und Ascona. Ich bin, wie es im Touristiker-Jargon heisst, ein «Repeater», ein «Heavy Repeater» sogar. Einer also, der immer wieder ans gleiche Ferienziel hinreist. Hingebungsvollst.

Damit grenze ich mich scharf ab von Menschen, die eine Stadt oder ein Land nur einmal bereisen müssen. Danach, sagen sie, haben sie alles erlebt und alles gesehen. «Ich habe Menorca gemacht», würden solche Leute sagen. Ihr Leitspruch lautet BTDTBTTS. Entziffert bedeutet das: «Been there, done that, bought the T-Shirt». Also: Ort besucht, das wichtigste gemacht, T-Shirt gekauft, Ort abgehakt. Über Repeater wie mich haben sich solche Menschen ihre Meinung selbstverständlich schnell gemacht: Langweiler. Spiesser. Nostalgie-Weichbecher. Holiday-Warmduscher. Travel-Trantüte. Reise-Spassbremse.

Natürlich bereise ich gern auch Gegenden, die ich noch nicht kenne. Aber der Eifer gewisser Leute, jedes Jahr die neueste Trend-Ecke auf dem Globus im Instant-Modus zu entdecken (oder zu machen), ist mir fremd. Ja, Žvėrynas soll aktuell das heisseste Viertel von Vilnius sein. Aber das kann ich auch nächstes Jahr durchforsten. Oder übernächstes. Schon gehört von Koh Ta Kiev? Das ist die derzeit offenbar endkrass angesagte kambodschanische Insel für all jene, die nur in der Hängematte schaukeln wollen. Easy. Da muss ich jetzt nicht auch noch schnell hin. Ich geh lieber nach Menorca.

Liebe Travel-Wiederholungstäterin, lieber Da-Capo-Verreiser: Wenn Ihr blöd angemacht werden solltet wegen Eures Holiday-Modus, dann habe ich Euch hier ein kleines Argumentarium in vier Teilen:

1) «Andere haken ab. Ich erlebe.»

2) «Andere surfen an der Oberfläche. Ich tauche ein.»

3) «Andere kaufen das T-Shirt. Ich zieh mir das an vom letzten Jahr.»

4) «Andere stöbern das Neue im Neuen auf. Ich finde das Neue im Vertrauten.»

Schauen wir uns das ganze auch noch von der neurologischen Seite her an. Sind Heavy-Repeater irgendwie krank im Kopf? Bei welcher Synapse harzt es? Sind wir natural born Spiessers? Meine Diagnose zum Symptom des Verreisen im Da-Capo-Modus: Reisen funktioniert eben (auch) als Ritual-Ersatz. Weil viele Menschen zu wenig Zeit und Lust haben, in die immer gleiche Kneipe zum Feierabendbier zu gehen, regelmässig im Turnverein mitzutun oder regelmässig sonntags beim Kartenspiel-Turnier aufzukreuzen, fehlt ihnen möglicherweise ein Ritual. Und das kompensieren sie dann mit ihrem Reiseverhalten.

Mal habe ich mit einer Frau gesprochen, die seit 35 Jahren nach Mallorca reist. Immer ins gleiche Hotel. Und immer ins gleiche Hotelzimmer (Nummer 205. Und seit sie Kinder hat: 205 und 206). Eine Spiesserin, die sich nie aus den Hotel-Mauern traut? Von wegen: «Ich erkunde gerne die ganze Insel, um auch die einheimische Küche zu geniessen.»

So gehts mir mit Menorca. Mir gefällt es, auf der immer gleichen Insel jedes Mal neue Ecken, Adressen und Strände zu entdecken. Bereist man sein Lieblingsziel zudem mal in einer anderen Saison, oder nimmt an einem Volksfest teil oder wechselt auf die andere Seite des Eilands, eröffnen sich schon wieder komplett neue Blickwinkel.

Vielleicht ist diese erhabene Form der Insel-Hingabe weniger ein Merkmal des Spiessers, sondern des Trendsetters: Ein Zielgebiet nicht mit der Masse überschwemmen, sondern seinen eigenen Weg suchen. Sich interessieren für sein Ferien-Basis und nicht einfach nur Strand und Sonne konsumieren. Eintauchen in die lokale Welt von Gastronomie, Kunst und Wirtschaft – und seiner Destination so auch etwas zurückgeben. So viel Ritualin darf schon sein, finde ich.

Und jetzt bist Du dran: Sind Repeater Langweiler oder Trendsetter? Und wohin repeatest oder trendsettest Du diesen Sommer?

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