Wie wird sich die Reise-Welt nach dem Lockdown zeigen? Hanna Rychener, Direktorin der Höheren Fachschule für Tourismus IST blickt voraus. Und skizziert die kurz- und mittelfristige Zukunft der Fluggesellschaften.

Hanna Rychener hat den Tourismus im Blut. Die Tochter eines einstigen Swissair-Captains ist Direktorin der IST AG, Höhere Fachschule für Tourismus mit Ablegern in Zürich und Lausanne. An der Höheren Fachschule sind 350 Studierende eingeschrieben; zusätzlich besuchen 300 Lernende das Institut im Rahmen von Fachkursen.

Ferner werden an der Schule, deren Hauptquartier sich just an der Starken Strecke Zürich Josefstrasse befindet, Quereinsteiger für ein neues Leben in der Touristik ausgebildet. Hanna Rychener wurde 2019, als erste Frau überhaupt, mit dem Milestone, dem höchsten Schweizer Tourismuspreis, für ihr Lebenswerk geehrt.

Hanna Rychener: Reisen nach Corona wird sich verändern. Hoffentlich.
Hanna Rychener, hier unterwegs als Gast im selbstgebauten Helikopter von Charly Kistler, dem ehemaligen CEO der Edelweiss Air. (Bild: zvg)

Die Zeit seit 1992, damals hatte Rychener die Schule übernommen, war reich an touristischen Krisen. Das Luxor-Attentat von 1997, der Angriff aufs New Yorker World Trade Center, das Swissair-Grounding (beide 2001), der Tsunami 2004, die Finanzkrise von 2007 – alle paar Jahre stand die touristische Welt Kopf. Aber keine Krise zuvor legte den weltweiten Tourismus derart lahm wie das Corona-Virus.

Mit dem allgemeinen Lockdown hat sich das Leben auch an Rycheners Schule radikal verändert. Wie die Tourismus-Fachfrau damit umgeht, wie sie die kurz- und mittelfristige Tourismus-Zukunft sieht und wie sie selber reist, erzählt sie dem Internauten im Interview.

Frau Rychener, welcher Reisetyp sind Sie? Als «heavy repeater» immer ans gleiche Ort – oder ganz im Gegenteil immer neuen Zielen zugewandt?
Ich bin eigentlich auf beiden Schienen unterwegs. Auf der Repeater-Seite steht für mich das Reiseziel Schweiz immer wieder im Fokus, und zusätzlich gönne ich mir jedes Jahr drei, vier Tage Wellness, immer im Tirol. Die andere Schiene bedeutet: Immer wieder Neues entdecken.

Welche Schiene wäre als nächstes geplant gewesen?
Für Mai habe ich mich auf eine Woche in Andalusien gefreut. Aber daraus wird nun natürlich nichts. Sie wissen, warum….

….es geht natürlich um Corona. Was passiert eigentlich an einer Tourismusschule, wenn der Tourismus darniederliegt?
Einerseits gar nichts. Und auf der anderen Seite sehr viel. Schon seit letztem Jahr haben wir die ganze Schule auf das System «Bring your own device» umgestellt; es haben also alle Studierenden und Lernenden ihre eigene Hardware mitgebracht. Weil wir schon vor Bekanntgabe des Lockdowns ahnten, dass da etwas Grosses kommen würde, schalteten wir rechtzeitig Online-Lernplattformen auf. So konnten wir vom Tag eins der neuen Situation auf Fernunterricht und Homeschooling umstellen.

«Allenfalls wird es noch zu einer physischen Abschluss-Session kommen»

Hanna Rychener, Direktorin IST AG, Höhere Fachschule für Tourismus

Für das Lernpublikum wohl eine easy Sache. Auch für die Dozierenden?
Am Tag zwei des Lockdowns führten wir eine Fernschulung mit allen Dozentinnen und Dozenten durch. Und dann sass auch diese Sache. Ich muss aber zugeben, dass es ein Kraftakt ist. Doch den meistern wir. Und die Studierenden sind sehr dankbar.

Am 8. Juni werden in der Schweiz alle Mittel-, Berufs- und Hochschulen wieder öffnen. Auch Ihr Institut?
Weil wir dann kurz vor Semesterende stehen, lohnt sich das eigentlich nicht mehr. Allenfalls wird es noch zu einer physischen Abschluss-Session kommen. Wo wir noch Hoffnung behalten, ist im Bereich der schriftlichen Prüfungen, Vielleicht wird es hier eine Sondererlaubnis geben, um diese doch physisch durchführen zu dürfen. Das wäre für uns enorm wichtig und wertvoll. Und ich denke auch, dass wir für die Zukunft einiges aus der Lockdown-Zeit mitnehmen können.

Woran denken Sie?
Ich bin überzeugt, dass wir künftig verstärkt auf Mischformen setzen werden. Also vermehrt Online-Lerneinheiten, kombiniert mit physischem Unterricht. Wobei es da ein Problem gibt.

Welches Problem?
Wenn eine Schule Diplome vergeben will – und das wollen wir natürlich auch in Zukunft – dann schreibt der Gesetzgeber heute vor, dass dazu 80 Prozent aller Lerneinheiten physisch erfolgen müssen. Also mit Menschen im Klassenzimmer. Aber da werden sich möglicherweise Änderungen ergeben.

«Die weltweite Reisetätigkeit wird sich nicht so schnell erholen»

Hanna Rychener, Direktorin IST AG, Höhere Fachschule für Tourismus

Bezüglich der touristischen Erholung nach Lockerung oder Aufhebung des Lockdowns gibt es zwei Thesen. A: Nach der längeren Zeit des sogenannten «Konsumfastens» springt die Reiselust sofort wieder an, und die Leistungsträger der touristische Welt erholen sich relativ schnell. Oder B: Es wird Jahre dauern, bis die touristische Welt wieder die gleiche sein wird – wenn überhaupt. Zu welcher These neigen Sie?
Ich liege irgendwo in der Mitte. Ja, es gibt grossen Nachholbedarf bezüglich Reisen. Aber bezüglich Auslandreisen sind wir stark fremdbestimmt. Wie schnell wir wohin und mit welchen Mitteln reisen können, ist unklar. Zunächst einmal werden Schweizer wohl vor allem die Schweiz bereisen; die weltweite Reisetätigkeit wird sich nicht so schnell erholen. Und wenn, dann auch nur etappenweise, je nach Situation in den verschiedenen Ländern.

Soll ein junger Mensch in solchen Zeiten überhaupt noch Tourismus studieren?
Aber sicher! Es ist sogar die beste Zeit, sich auf den grossen Rebound vorzubereiten, der nach qualifizierten Fachkräften verlangen wird.

«Kurze Crash- und Quereinsteigerkurse für die Reisebranche kann man momentan vergessen»

Hanna Rychener, Direktorin IST AG, Höhere Fachschule für Tourismus

Als Schul-Chefin können Sie ja kaum etwas anderes sagen.
Ich bin und bleibe Optimistin. Was aber auch klar ist: Kurze Crash- und Quereinsteigerkurse für die Reisebranche kann man momentan vergessen. Weil es in der Branche jetzt es um das mittel- und langfristige Engagement geht. Wobei: Schon in der Zeit vor Corona blieben nach Schul-Abschluss nur etwa 50 Prozent aller Studierenden der Branche erhalten. Das kann man schade finden, es zeugt aber auch davon, dass diese Leute in anderen Branchen sehr begehrt sind.

Wie sieht die kurzfristige Zukunft der Schule aus?
Sehr gut. Bis jetzt haben wir keinen unserer Studierenden verloren. Und zu Semesterstart Mitte August werden wir wie gewohnt mit zwei Klassen in Zürich und einer in Lausanne starten.

Das Konsumklima hat sich eingetrübt, viele Wirtschafts-Auguren rechnen mit einer Rezession, wie sie Westeuropa letztmals anlässlich der Erdölkrise in den 70er Jahren erlebte. Wie wird sich das auf die Reiselust auswirken?
Auch das spielt eine Rolle. Wer jetzt Angst um seinen Job haben muss, wird die Reiselust zurückstellen. Es trifft viele Menschen ganz hart. Aber es gibt auch jene Leute, die nicht auf ein Minimum zurückgeworfen werden. Und bei diesen Menschen wird die Reiselust zum Thema. 

«Menschen vergessen gern und schnell»

Hanna Rychener, Direktorin IST AG, Höhere Fachschule für Tourismus

Manche Leute sprechen davon, dass Corona einen eigentlichen touristischen Paradigmenwechsel einleiten könnte. Dass die Menschen weniger und bewusster reisen werden. Reine Esoterik oder begründete Annahme?
Reisen nach Corona wird sich verändern. Hoffentlich. Mindestens in einer ersten Phase, vielleicht zwei oder drei Jahre lang, werden die Leute erkennen, dass sie nicht mehr Kurzreisen in dem Masse konsumieren können, wie das einst der Fall war. Dabei werden vermutlich auch steigende Preise eine Rolle spielen. Danach wird sich das wohl wieder legen. Menschen vergessen gern und schnell.

Zunächst einmal werden sich Touristen wohl auf Reisen in ihren eigenen Ländern konzentrieren. Wird das die Preise, etwa für Hotels, Bergfahrten und Ausflüge hochtreiben in der Schweiz? Oder rechnen Sie ganz im Gegenteil mit einem Preiskampf um diejenigen Menschen, die überhaupt noch reiselustig sind?
Weder noch. Bei Schweizer Anbietern gehe ich von einer grossen Vernunft aus. Weil: Preiskampf kann sich die Branche sowieso nicht leisten. Und Abzockerei schon gar nicht.

Hanna Rychener im Interview zu Reisen nach Corona. Rychener ist Direktorin der IST AG Höhere Fachschule für Tourismus Zürich und Lausanne
Hanna Rychener über Reisen nach Corona: «Für die Zukunft werden wir einiges aus der Lockdown-Zeit mitnehmen können.» (Bild: zvg)

Soll der Staat den Airlines helfen, wieder flügge zu werden?
Ja, das soll er. Wir brauchen die Verbindungen, wir brauchen die Airlines. Und in der Schweiz brauchen wir die Swiss. Irgendwelche nationalistischen Gedanken sollten bei einer Rettung oder Unterstützung keine Rolle spielen. Hätte der Staat damals in der grössten Swissair-Krise beherzter geholfen, wäre es möglicherweise gar nie zum Grounding von 2001 gekommen.

Soll der Staat allfällige Hilfen mit umwelttechnischen Guidelines und Einschränken verbinden?
Damit wäre eine Chance verbunden. Möglicherweise nicht in der allerersten Phase und nicht mit dem Holzhammer. Aber eventuell als Massnahme für eine zweite Phase. Swiss könnte beispielsweise verpflichtet werden, eine Strategie für ausserordentliche Umweltmassnahmen zu präsentieren.

«Swiss könnte zur Vorreiterin der ganzen Industrie werden»

Hanna Rychener, Direktorin IST AG, Höhere Fachschule für Tourismus

Dann wäre wohl sofort die Rede von Wettbewerbsverzerrung. Weil konkurrierende Airlines in anderen Ländern dies nicht tun müssen.
Das kann sein. Was aber auch sein kann: Dass die Airline durch die Umsetzung zunächst ungeliebter Massnahmen später zum Vorreiter der ganzen Industrie wird.

In der Fliegerei wuchs zuletzt die Kritik, dass die Tarife zu billig seien. Rechnen Sie mit höheren Ticketpreisen, wenn die Jets wieder wie gewohnt abheben?
Ja, damit rechne ich. Verbunden mit einer unglaublichen Chance, der ganzen Tarif-Diskussion eine neue Richtung zu weisen.

Würden Sie auch nach Andalusien reisen, wenn das tausend Franken kosten sollte?
Ja, das würde ich. Wobei es ja auch den Landweg gibt.

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Nachtrag zum Interview: Im Mai 2020 schaltete die IST AG, Höhere Fachschule für Tourismus, ein kostenloses E-Learning-Angebot für alle Mitarbeitenden im Schweizer Tourismus während der Corona-Zeit auf. «Faszination Tourismus», heisst es.

Eine grossartige Sache, die einmal mehr etwas beweist, das nur aufs erste Hinhören abgedroschen klingen mag: Jede Krise ist auch eine Chance. Mindestens für jene, die sie nutzen. Also die Chance, nicht die Krise.

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