Ein fremdes Handy in der eigenen Hand: Warum Hotels neuerdings Mobiltelefone ausleihen.

Der Mann fragte mich dreimal. Als ich zum dritten Mal «Nein» gesagt hatte, zog er ab. Er hinterliess mich mit einem schlechten Gefühl. Aber ich hätte wohl auch ein viertes Mal «No» gesagt. Wie hätten Sie geantwortet?

Fremdtelefonieren. Die Situation: An einem frühen Morgen am Zürcher Bellevue, die halbe Stadt wuselt zwischen Trams und Bussen hin und her, stürzt ein Mann auf mich zu und möchte mein Mobiltelefon ausleihen. Er sieht nicht aus wie ein Dieb, eher wie ein anständiger indischer Geschäftsmann, der wirklich dringend einen Anruf machen muss: «Nur schnell, nicht teuer», sagt er, sein eigenes Gerät sei ihm abhanden gekommen. Misstrauen ist normalerweise nicht meine erste Regung im Kontakt mit fremden Menschen. Trotzdem mag ich mein Handy nicht hergeben. Was, wenn er wegläuft damit? Oder mir eine Telefonspur aufs Gerät legt, die heikel ist, heikel werden könnte?

Ich rücke immer mal wieder Kleingeld heraus für offenbar Notleidende, spendiere auch mal einen Kaffee oder einen Apfel. Aber beim Handy meldet sich eine Sorte Geiz oder Vorsicht, die ich mir sonst so nicht zuschreiben würde. Ich blickte dem Mann nach. Er sprach eine Reihe von anderen Berufspendlern an am Bellevue-Rondell. Keiner rückte sein Mobil-Ding raus. Krasser Mangel an Spontan-Vertrauen für das Begehren eines Mannes aus Fernost.

Hotel-Handy. Sehr viel freigiebiger geht ein anderer Gentleman aus Fernost mit dem Thema Fremdtelefonieren um. Terence Kwok heisst der Mensch. Der Mann aus Hongkong ist Chef und Gründer der Firma Tink Labs. Seine Idee: Hotels sollen ihren Gästen kostenlos Handies ausleihen. Mit seinem Produkt  «handy T1-Smartphone» ist Mister Kwok mit Hotels in aller Welt im Geschäft.

Seit ein paar Tagen bietet das Zürcher Ambassador à l’Opéra als erstes Schweizer Hotel diesen Dienst an. Das musste ich mir sofort ansehen: Wie soll das funktionieren? Wie fühlt sich das Gerät an? Wie gross wirkt sich das aus, was im Kleingedruckten steht? Oder kürzer: Was geht? Warum geht das? Und was geht nicht?

Das eigene Handy (links) und das temporär spendierte Mobiltelefon. (Bild: DerInternaut)

 

Was geht. Das fremde Handy, soviel kann ich gleich zu Beginn sagen, fühlt sich gut an in der Hand. Zwar war mir der Mobile-Hersteller namens InFocus bislang unbekannt, aber das Gerät kommt wertig und leicht bedienbar daher. Tatsächlich wird es Hotelgästen kostenlos ausgeliehen. Ohne Aufpreis lassen sich Gratis-Anrufe im Inland und einer Vielzahl von Ländern der ganzen Welt tätigen, man surft kostenfrei im mobilen Internet.

Das ist natürlich für jeden Reisenden ein Träumli, weil man so – etwa auf einem Online-Stadtplan – ohne Roaming-Sorgen durchkommt.

Warum das geht. Erstaunlich, dass eine Sache, die kostspielig erscheint, plötzlich «umsonst» zu haben ist. So scheint es zu funktionieren: Das Hotel bezahlt einen «kleinen Betrag» an die Telekom-Kosten, sagte Handy-Mastermind Terence Kwok kürzlich dem Wirtschaftsportal  «Moneycab». Kommt dazu: Während des Gebrauchs fallen wertvolle Daten an: Wo Touristen unterwegs sind, welche Websites sie in der Stadt anklicken – das alles legt eine spannende Datenspur an, die später ausgewertet werden kann. Werbe-Einspieler dürften zusätzlich Einnahmen bringen. Wohl auch via einem vorinstallierten City-Guide mit «lokalen Geheimtipps.»

Das Gerät des Internauten (links) und das Leihgerät des Hotels. (Bild: DerInternaut).

Im Hotel wird hoch und heilig versprochen, dass alle Daten nach Abreise gelöscht würden. Als vertrauensvoller Mensch, der ich grundsätzlich bin oder sein möchte (siehe Anfang), schenke ich dem Glauben. Ebenso wie den Beteuerungen des Hotel, dass man noch nie Probleme gehabt habe mit Entwendungen, Umprogrammierungen oder ähnlich unliebsamen Aktivitäten auf dem Gratis-Handy.

Was nicht geht. Ein Kabel wird vom Hotel nicht mitgeliefert. Das Fremdhandy kann nur im Hotelzimmer auf der entsprechenden Dockingstation aufgeladen werden. Konzipiert ist das Gerät für aktive Anrufe – man kann sich selber also nicht direkt auf das Gerät anrufen lassen.

Die beliebte Funktion WhatsApp kann nicht benutzt werden, weil solche Chats natürlich an eine persönliche Telefonnummer gebunden sind. Hier aber kommt eine unpersönliche Nummer zur Anwendung.

Fazit: Dieser neue Service scheint mir prima vista eine gute Sache zu sein. Ich könnte mir zwei Dinge vorstellen: Dass ich das – a) – selber auch mal nutzen würde. Und dass ich – b) – künftig mehr Vertrauen an den Tag legen könnte. Zum Beispiel am Bellevue.

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