Warum auch weniger bekannte Gipfel ihren Reiz haben. Und wie man selber zum Bonsai-Berg-Führer werden kann.

ewarnt war ich. «Die letzten 30 Minuten sportlicher Aufstieg zum Gipfel», war auf der Ausflugsseite des Toggenburger Restaurants Hulftegg zu lesen. Als ich dann aber selber auf der steilen Route hochkraxelte aufs Hörnli, kam mir in den Sinn, wie mir einst vergiftete Velofahrer jene Hügel beschrieben hatten, die einem einiges abfordern: «Sauhünd». Übertragen auf den Zürcher Berg heisst das: Wer das Hörnli schaffen will, muss auch etwas leiden dafür.

Gänzlich unerfahren punkto Berg-Trips bin ich nicht. Ich kraxelte schon im Himalaya herum, nehme mir auch im Bünderland ab und zu einen Gipfel vor und erklimme gern im Tessin mal einen gröberen Hügel. Natürlich ist das Zürcher Hörnli mit seiner Höhe von 1133 Metern über Meer kein Mount Everest und kein Matterhorn. Aber als Puls-Erhöher taugt es allemal. Als toller Aussichtspunkt sowieso.

Wie ich so im Berggasthaus Hörnli sass und mich mit voller Kraft über eine halbe Portion Aelplermagronen hermachte, kamen mir drei Dinge in den Sinn. Erstens: Mich erstaunt oft, wie scharf ausländische Touristen sind auf sogenannte Trophäen-Berge. Sie wollen Titlis und Pilatus, Jungfraujoch und Gornergrat erleben. Sie fahren in der vollgepferchten Bahn hoch und finden sich in einem massiven Touri-Pulk wieder. Oft nehmen sie dafür auch lange Anfahrtswege aus Zürich in kauf. Regionale Gipfel wie Hörnli, Rosinli oder die Farneralp stehen kaum je auf der Landkarte bergaffiner Touristen. Dabei kommt man hier punkto Bergerlebnis auf seine Kosten – und findet sich inmitten von echten Menschen wieder. Zweiter Gedanke (als sich der Puls wieder normalisierte): Sollte ich vielleicht selber zum Guide werden und die Bonsai-Berge in der Zürcher Agglo auf die touristische Landkarte bringen? Und Gedanke drei: Kennt nicht jeder und jede lohnende Ausflugsziele in seiner Gegend, die man Fremden und Freunden gerne einmal zeigen würde?

Das Internet macht es möglich: So wie jedermann über Plattformen wie Airbnb oder Housetrip seine Wohnung vermieten kann, ist es auch möglich, seine Dienste als Touristenführer anzupreisen. In der Schweiz bietet sich dazu etwa die St. Galler Jungfirma Localbini an. Über das Portal soll es Eingeborenen möglich werden, verborgene Plätze zu zeigen. «Leiden mit Leader» könnte mein Angebot heissen dort, wenn ich Leute aus aller Welt auf die eher schwach bekannten Zwergberge hoch- und damit mitten ins helvetische Leben hineinbringen würde. Das könnte vor allem interessant sein für asiatische Individualreisende, die zum zweiten oder dritten Mal in die Schweiz kommen, die üblichen Trophäenberge schon abgehakt haben und nun etwas näher am tatsächlichen Leben schnuppern möchten.

Was die Leute von Localbini machen, kann sich durchaus zum erfolgreichen Geschäft auswachsen. In Spanien wurde jüngst die ähnlich gelagerte Plattform Trip4real von Airbnb übernommen.

Will ich wirklich Hobby-Zwergberg-Führer werden? Ich prüfe den Gedanken. Aber zunächst setze ich mich jetzt heute Sonntag noch einmal dem Sauhund-Finish aus. Obwohl – das Wort tönt schon etwas hart. Wenn ich den Trip annonciere, wähle ich wohl lieber «Bonsai-Berg». Klingt lieblicher. Irgendwie asiatischer. Und vor allem: harmloser.

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