Alle reden von der Netflix-Serie «Die Schlange». Aber kaum einer der Zuschauer hat die Backpacker-Welt der 70er Jahre selber erlebt. Reise-Pionier Walter Kamm schaut sich die Serie an. Tadel und Lob von einem, der selber auf dem Hippie-Trail war.

Sein voller Name ist von fast epischer Länge: Hatchand Bhaonani Gurumukh Charles Sobhraj – so heisst der Mann, um den es in «Die Schlange» geht. Den namensgebenden Schurken der Netflix-Serie kann man kurz so betiteln: Sobhraj war, das ist eine wahre Geschichte, ein Serienkiller. Einer, der es auf Hippies auf ihrem Asien-Trip abgesehen hatte.

Mindestens zwölf Menschen brachte Serienmörder Sobhraj, auch als «Bikini-Killer» bekannt, in den 1970er-Jahren ums Leben. In Bangkok, in Nepal – überall dort, wo ihm junge Menschen in die Fänge gerieten. Immer an seiner Seite: Sobhrais geheimnisvolle Komplizin, die Kanadierin Marie-Andrée Leclerc.

Die Schlange Netflix: Der Reiz des Hippie-Trails

Wie der skrupellose Menschenfänger Sobhraj naive Rucksack-Touristen anlockte, wie er sein Netz immer enger um seine Opfer zusammenzog und wie sich der biedere niederländische Botschaftssekretär Herman Knippenberg in Thailand auf die Suche nach dem Killer macht:

Darum drehen sich Inhalt und Geschichte in «Die Schlange», der achtteiligen Serie, die von der BBC und Netflix als «The Serpent» gemeinsam produziert worden ist. Einerseits.

Die Schlange auf Netflix: So verlief der asiatische Hippie Trainl (Karte)
Start im Pudding Shop in Istanbul, dann ostwärts über Teheran, Kabul und Kathmandu nach Bangkok: So lief ein typischer Hippie-Trail ab. Lange vor Netflix. (Bild: Google Maps)

Doch da ist noch eine andere Seite. In diesem Südostasien-Drama von Netflix geht es um mehr als bloss um «Spannung und Eskapismus für Streaming-Gestrandete» wie es die «Süddeutsche» artikuliert.

Ein weiterer Reiz der Netflix-Serie Die Schlange sind Look, Feel, Style und Magie des damaligen Hippie-Trail, die bewusstseinserweiternde Überlandreise von Istanbul in den Iran und Afghanistan über Pakistan, Indien und Nepal bis Thailand.

Der billigste Trip nach Indien, legendärer Reiseführer für den Hippie Trail von Robert Treichler
«Der billigste Trip nach Indien», legendärer Reiseführer von Robert Treichler. (Erstausgabe 1973, Privatbesitz Walter Kamm, Bild: Internaut)

Stimmung, Sound und Sehnsucht des ikonischen Trips – das schwingt immer mit in «Die Schlange». Wie auch die Verachtung, die den Hippies und Touristen auf ihrem «Gammler-Pilgerweg» von Botschaften und Konsulaten entgegenschlug.

Die damaligen Hippies, so holte es die «NZZ» kürzlich aus ihrem Archiv heraus, seien «von manchen Botschaften als Störenfriede und Schädlinge für das Image ihres Landes» gefürchtet worden.

Walter Kamm auf dem Hippie Trail in Afghanistan, Beitrag Reiseblog Internaut.
Walter Walo Kamm auf dem Hippie-Trail 1976 in Nordafghanistan. (Bild: Archiv Walter Kamm)

Wie realistisch zeigt die Netflix-Serie Die Schlange das Leben auf dem Hippie-Trail? Walter «Walo» Kamm muss es wissen. Der Schweizer, Jahrgang 1941, reiste zwischen 1967 und 1973 fast pausenlos um die Welt, ein Reisepionier, der als Rucksacktourist früh Gegenden kennenlernte, die später zu Zielen des Massentourismus wurden.

Walo war als erster Tourist auf Ko Samui, wandelte auf Trekkingrouten, die später Klassiker wurden, war schon in Angkor Wat, Kabul und Kathmandu, als kaum jemand in unserem Land auf der Karte hätte zeigen können, wo das alles liegen soll.

Walo Kamm, ein Fernweh-Druide made in Switzerland

1976 startete Kamm in einem Zürcher Kellerlokal als Einmann-Reiseveranstalter. Was damals bescheiden als Reisebüro Globetrotter begann, steht heute als Globetrotter Group als viertgrösster Reiseveranstalter in der Schweizer Reiseszene.

Ein Hippie war Kamm in den sechziger und siebziger Jahren nach eigenem Bekunden nicht. Dafür waren nur schon seine Haare zu wenig lang. Aber Walo war Teil der damaligen Traveller-Szene, die sich mit Rucksack und Kleinstbudget auf den Weg gen Fernost machte.

Die Schlange auf Netflix im Urteil von Walter Kamm

Kamm ist ein Druide des Fernwehs geblieben, ein Mensch, der Reisen als Lebensschule begreift und der die Darstellung des Traveller-Lebens in «Die Schlange» einschätzen kann.

Zusammen mit dem Internauten, der mit Baujahr 1965 eindeutig zu jung ist, um den asiatischen Hippie-Trail aus eigener Anschauung zu kennen, hat sich Walter Kamm ein paar Folgen der Mini-Serie angeschaut.

Netflix die Schlange. Serie im Urteil eines Hippie-Trail-Veteranen
Walter Kamm (rechts) und der Internaut beim Netflix Screening. Hinten in Aktion: Die Schlange. (Bild: Internautin)

Es soll hier nicht um eine abendfüllende Sendekritik gehen. Aber diejenigen Punkte, die den Hippie-Trail direkt betreffen, können hier geklärt werden.

Und natürlich auch eine kurze Charakterisierung des dämonischen «Helden» der Netflix Serie, der übrigens bis auf den heutigen Tag in Nepal eine lebenslange Haftstrafe abhockt.

Walter Kamm zur Figur des Charles Sobhraj (der seine Identität wie ein Chamäleon immer wieder änderte und in der Serie, wenn er nicht gerade mit dem Pass einer von ihm getöteten Person reist, Alain Gautier heisst):
«Als ich selber auf Tour war, kannte ich den Namen nicht. Später hörte ich von ihm und seinen Taten. Ein gefühlskalter Killer und Narzisst, der es offenbar genoss, quasi Herr über Leben und Tod zu sein, seine «Freunde» zu quälen und aus purer Berechnung bestialisch zu töten.

Er war oftmals cleverer als die Polizei und Gerichte; das gibt ihm den Nimbus eines negativen Helden. Solche werden von labilen Zuschauern verherrlicht, was fatal ist.»

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Wie das Feeling der damaligen Traveller-Zeit rüberkommt in der Netflix Serie:
«Da ist ziemlich viel gut eingefangen von der Traveller-Szene der damaligen Zeit. Parties, Bus-Fahrten, Absteigen in schäbigen Hostels und Hotels: Solche Details stimmen und werden anschaulich gezeigt.»

Behandlung und Einschätzung der Travellers von den Behörden:
«Das wird richtig gezeigt. Tatsächlich galten Rucksack-Reisende, Hippies und langhaarige Männer in den Augen von Botschaften und Konsulaten damals allgemein als Menschen zweiter Klasse. Sie wurden oft als Faulpelze und drogenabhängige Aussteiger betrachtet.»

Film-Kenner Walter Kamm über die cineastische Qualität der Netflix-Serie Die Schlange

Neben seiner Kenntnisse der Blumenkinder-Bummelroute hat Kamm auch ein filmisches Auge. Nicht nur als Konsument, sondern ebenso als Co-Produzent von Filmen wie «Bruno Manser» oder «Female Pleasure». Aktuell ist Walo Kamm Co-Financier eines Dok-Films über den Dalai Lama.

Beim Thema der filmischen Machart kommt die Serie «Die Schlange» bei Netflix-Neuling Walter Kamm nicht besonders gut weg.

Dalai Lama und Walter Kamm, Reiseblog Internaut
Der Dalai Lama segnet Walo Kamm, Privataudienz 2016 in Strassburg. (Bild: Archiv Walter Kamm)

Zu viele Zeitsprünge im Film auf Netflix:
«Die ständigen chronologischen Sprünge – sechs Monate vorher, neun Monate später – sind verwirrend.»

Mangelhafte Einführung der Hauptfiguren:
«Von Anfang an ist man mittendrin in der Geschichte. Die Hauptfiguren werden nicht auf filmisch subtile Art und Weise eingeführt.»

Generelle Einschätzung der filmischen Qualität der Netflix-Serie Die Schlange:
«Die Schauspieler machen ihre Sache gut. Aber für mich bleibt das ein B-Movie. Es gibt keine Erklärungen oder Lernprozesse, alles ist Sensationshascherei.

Grundsätzlich ist die Serie eher langatmig und langfädig. Und voll mit Belanglosigkeiten, welche die Story nicht weiter bringen.»

Was bewegt die Leute dazu, diese Netflix-Serie und damit die Geschichte des siebziger-Jahre-Serienmörders Charles Sobhraj überhaupt zu schauen?
«Ich glaube, sie sind auf eine scheussliche Art fasziniert von dieser Figur. Die jungen Zuschauer, von zu vielen Action- und Horror-Filmen abgestumpft, sind wohl irgendwie fasziniert von dieser gutaussehenden und „coolen“ Figur.»

Die Schlange Netflix Serie: Sendekritik vom Hippie Spezialist und Hippie Experten
Angsteinflössend, unberechenbar, mit doppelter Zunge ausgestattet: Das war das Wesen des Charles Sobhraj. (Bild: Pixabay)

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