Warum jetzt alle «Weit um die Welt» sehen, lesen, hören wollen: Besichtigung eines Reisephänomens, das zu einem ungeahnten Erfolg wurde. 

Geht heute noch irgendjemand an eine Tonbildschau? Oder an eine «Live-Multimediareportage», wie sich das aktuell etwas sperriger nennt? Ich ging kürzlich hin – und war überwältigt. Der Theatersaal im Zürcher Volkshaus, über 600 Plätze: rappelvoll. Das Publikum: bunt gemischt. Von der Generation Netflix bis hin zu in Ehren ergrauten Reise-Pionieren, die schon nach Afghanistan reisten, als das Land noch nie einen «Tagesschau»-Auftritt hatte. Warum das Volk in Scharen anreiste an jenem garstigen Montagabend? Wegen Gwen Weisser und Patrick Allgaier.

Gwen and Patrick who? Falls es wirklich noch Leute gibt, die nicht vom erstaunlichen Erfolg des jungen süddeutschen Paars gehört haben sollten: Hier die Story, kurz erzählt. Zu zweit reisten Gwen und Patrick im Frühling 2013 in Freiburg im Breisgau los. Mit Zelt, aber ohne Ticket und ohne Reservationen. Das Ziel: So weit in den Osten zu trampen, dass der Heimweg aus Westen erfolgen würde. Nach dreieinhalb Jahren und 97 000 Kilometern, unterwegs zu Fuss, als Autostopper und per Schiff (aber nie im Flugzeug) kehrten sie von Costa Rica her über den Atlantik zurück – mit Söhnchen Bruno, der en route in Mexiko zur Welt gekommen war.

Hier könnte die Geschichte enden. Zwei Weltreisende mehr, die sich eine Auszeit gönnen, danach von ihren Erinnerungen zehren und daheim von ihrem Trip erzählen. Vielleicht mit einem kleinen Dia-Abend im Familien- und Freundeskreis, gefolgt vom zähen Wiedereinstieg ins Hamsterrad des westeuropäischen Arbeitslebens. Doch die Geschichte endete nicht so. Sie ging erst richtig los. Gwen und Patrick wurden zu Popstars der Traveller-Welt.

Kino-Knüller. Die beiden hatten unterwegs einen Film gedreht. Die Vorführung im heimischen Lichtspielhaus in Freiburg war so schnell und so lange ausverkauft, dass weitere Kinos in Deutschland den Streifen programmierten. Mit ungeahntem Erfolg: Gwen und Patricks Film wurde 2017 in Deutschland zum erfolgreichsten Kino-Dokumentarfilm des Jahres.

Ein Buch folgte – und aktuell die Live-Auftritte der beiden Stars, in Bild und Ton. Die Schweizer Tournee von Gwen und Patrick dauert noch bis Ende Februar, einzelne Gigs sind schon ausverkauft.

Tell me why. Das alles führt uns zur Frage: Warum spricht das, was Gwen und Patrick getan und erlebt haben, so viele Menschen an? Die (Medien-)Welt ist doch, so müsste man glauben, voll von Wagemutigen, die per Fahrrad von Kanada bis Feuerland pedalen, entbehrungsreich durchs Dschungel-Gestrüpp dringen, in einer Nussschale über den Atlantik rudern oder sich wahlweise zum Nord- oder Südpol quälen.

Was die Menschen an «Weit um die Welt» so begeistert, spielt sich wohl auf drei Faszinations-Ebenen ab. Erste Ebene: Gwen und Patrick sind zwei Menschen wie du und ich. Ohne Superkräfte ausgestattet, ohne High-Tech-Equipment unterwegs. Was sie taten, könnte jeder von uns auch tun. Theoretisch mindestens. Gwen und Patrick sind quasi an unserer Stelle losgezogen: Zweite Ebene: Sie reisten gemächlich. Patrick dazu: «Ganz langsam wurde aus Deutschland Indien.» In Zeiten, in denen alles immer schneller gehen muss, ist das eine Wohltat. Mindestens als Zuschauer.

Nur eine Nuance. Dritte und wichtigste Ebene: Die beiden wurden in dreieinhalb Jahren und als Beifahrer in 667 fremden Autos nie ausgeraubt, betrogen oder sonstwie brutal abgezockt. Während die Medien von Kriegen und Katastrophen allüberall berichten, kamen Gwen und Patrick heil durch. Auch in einem Land wie Pakistan, das hier meist nur als Hochburg des islamistischen Terrors aufscheint, als eine Ausgeburt an bad news. «Die bad news stimmen», sagt Patrick, «aber es ist eben nur eine Nuance der Wirklichkeit.»

Per Anhalter in 667 Autos um die Welt: En Route mitten ins Leben hinein. (Bild: pd)

Die vielen anderen Nuancen, stimmig eingefangen von Russland über Zentralasien, vom Iran über Pakistan, Indien, Nepal, China und Mexiko: Man kann überall mit Gastfreundschaft rechnen. Die Welt abseits der «Breaking News» ist weniger gefährlich als gedacht. Die Botschaft, die zwar nie so ausgesprochen, aber subkutan durch Show und Buch und Film getragen wird, lautet: «Man kann diesem Planeten vertrauen. Die Menschen sind gut.» Das mag sich banal anhören – ist aber viel wert in einer Zeit, da uns von allen Seiten her Angst gemacht wird vor dem Fremden. Das Gefühl, das einem «Weit um die Welt» vermittelt, lässt Zuschauer mit mehr Vertrauen – nicht zu verwechseln mit Naivität – in die Welt hinaustreten. Nicht nur in Tiflis, Islamabad und Kathmandu, auch in Thun, Innsbruck und Köln. Ja, es mag aktuell einen Hype geben um «Weit um die Welt». Aber es ist ein heilender Hype.

Keine Bubble. Oder bewegten sich die beiden vielleicht in einer permanenten Positiv-Blase, einer Bubble der Glückseligkeit, die alles Negative draussen vorhält? Die Welt als durchgehend gutmütiger Ort, Gutmenschen verbrüdern und verschwestern sich mit Gutmenschen? Nur einmal habe ich währen der «Weit um die Welt»- Live-Reportage diesen Eindruck. Gwen und Patrick erzählen aus der Mongolei und erwähnen, dass sich dort immer mehr Einwohner in der Hauptstadt Ulan-Bator ballen. Doch statt von Leben und Menschen in der Stadt zu erzählen, zeigen sie Bilder vom heilen Leben auf dem Land: Lieber Jurte statt Dichtestress.

Ansonsten aber beweisen die beiden ein Gespür für Schicksale, fürs harte Dasein abseits jeglicher Reise-Romantik. In filmischen  «Heimat»-Porträts» zeigen Gwen und Patrick an einigen Orten den Alltag von Menschen, die sie unterwegs kennengelernt haben. Berührende Aufnahmen vom Leben im Kleinen, die oft auch von Mühsal, Armut und grosser Plackerei erzählen. Ein Teil der Erträge aus Gens und Patricks After-Trip-Verwertungskette geht an Menschen, denen sie auf der Reise begegnet sind.

Bin ich ein Gutmensch, wenn ich sage, dass «Weit in die Welt» auch mich in seinen Bann gezogen hat? Gut, dann bin ichs eben. Etwas Schlechtes kann ich nicht sehen daran.

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