Virtual Reality: Warum Reisebüros jetzt auf Hirnsurfen setzen. 

Wo waren Sie am letzten Freitagmorgen, so um die halb neun? Als im Schweizer Unterland minus sieben Grad klirrten? Ich ging auf ein Reisli. Zuerst war ich in Sydney, dann bei den australischen Twelve-Apostles-Kalksteinfelsen. Darauf folgte ein Traumstrand in der südthailändischen Andamanensee, und zum Abschluss vertrat ich mir noch ein bisschen die Beine auf der Chinesischen Mauer. Eine halbe Stunde später war ich wieder zurück. Wie ich da überall hinkam? Ganz einfach: Mit dem Züri-Tram 3 bis Löwenplatz.

Virtuelles Vorab-Reisen könnte das nächste grosse Ding werden. Daran glauben aktuell viele in der Reise-Branche. Darunter auch die Migros-Tochter Hotelplan . Ab morgen bietet sie in ersten Schweizer Filialen Virtual-Reality-Brillen an. Am Freitagmorgen konnten sich ein paar Vorabgüxler, darunter der Internaut, in der Hotelplan-Filiale am Zürcher Löwenplatz schon mal eine der klobigen Samsung-Gear-Brillen umschnallen.

 

Virtual-Reality-Brille im Reisegeschäft

Heilsbringer oder Hype? Der Internaut (zweiter von links, mit Daten-Brett vor dem Kopf) an einer Swiss-Travelwriters-Veranstaltung mit Vendelin Coray (Geschäftsführer Schwyz Tourismus); Kurt Eberhard (CEO Hotelplan Suisse) und Jan Azzati (VR-Experte).  (Bild: Swiss Travelwriters)

 

Mein Eindruck: Gegenüber früheren Virtual-Reality-Erlebnissen, die oftmals ruckelig waren und einem fast den Boden unter den Füssen wegzogen, hat die Technik Fortschritte gemacht. Man blickt nach oben, nach links und nach rechts –und wähnt sich tatsächlich als Teil der gewünschten Weltgegend. Vor der Hotelplan-Veranstaltung liess ich mir mal von den Touristikern des Kantons Schwyz ein solches Teil umschnallen und ging auf Husky-Tour im Muotathal. Eine eindrückliche Sache, dieser virtuelle Trip. Wobei: Ich finde «Virtual Reality» als Begriff etwas technisch. Mir passt «Hirnsurfen» besser. Weil es dem Hirn etwas vorgaukelt.

Die Touristik-Welt sieht Hirnsurfen aktuell durch die rosa (Daten)-Brille. Weil es den Umsatz im Reisebüro ankurbeln könnte. Kunden, die noch unentschlossen sind, könnten durch eine solche Sitzung (oder Stehung) zum impulsiven Buchungs-Entscheid gebracht werden. Etwa, wenn sie ihre künftige Schiffskabine betreten oder sich im Superior-Hotelzimmer umschauen dürfen. Schalter-Profis können per Virtual Reality Ausflüge an der Zieldestination verkaufen, die der Passagier normalerweise erst vor Ort buchen würde.

Ist das eine Art Vorab-Kontrollwahn? Soll und will man vor einer Reise schon alles möglichst genau wissen und erfahren wollen? Der Internaut will nicht moralisieren. Die virtuelle Realität ist wohl einfach die logische Fortsetzung des bisher üblichen zweidimensionalen Internets. Statt auf einen Bildschirm zu starren, wird man selber Teil der Szenerie. Das Konzept ist verlockend, also wird es sich fortsetzen. Zu vermuten ist, dass es jetzt noch etwa ein ein- bis zweijähriges Zeitfenster gibt, in dem Reisebüros solche Datenbrillen relativ exklusiv anbieten. Später dann wird wohl jeder Haushalt Virtual-Reality-Geräte zu Hause haben, die möglicherweise sogar besser sind als jene, die sich ein Reisekonzern für seine Büros anschafft. Aber aktuell ist das, was Hotelplan präsentiert, in der Schweiz wirklich neu. Und verlockend.

Zu verlockend? Kann das neue Kostenlos-Angebot bedeuten, dass gewisse Leute, die grade nichts Besseres zu tun haben, einfach mal einen halben Tag lang virtuell an Stränden oder in Kreuzfahrtkabinen herumspazieren im Reisebüro? Müssen Hotelplan & Co Maximalzeiten fürs Hirnsurfen einführen und sie in ihren Etablissements siebensprachig ausschreiben? Profis glauben das nicht. Denn man muss diese Flut an Eindrücken auch aushalten können im Kopf. Spezialisten sprechen von der  Virtual Reality Sickness, einer Art Hirnsurf-Überdosis. Den meisten Menschen wird es nach zehn Minuten zu viel. Bei mir war das schon nach gefühlten fünf Minuten der Fall. Es waren allerdings fünf ziemlich coole Minuten.

Wobei mir etwas einfällt, das noch cooler ist: Selber vor Ort zu sein. Mit Sonnenbrille.

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