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Home 9 Allgemein 9 Übertourismus: Warum Bruno S. Frey den Nachbau von Venedig anregt. Und was das bringen soll

Übertourismus: Warum Bruno S. Frey den Nachbau von Venedig anregt. Und was das bringen soll

Datum

29. Januar 2021

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Home 9 Allgemein 9 Übertourismus: Warum Bruno S. Frey den Nachbau von Venedig anregt. Und was das bringen soll

Nach Corona kommt der Übertourismus zurück. Davon ist Bruno S. Frey überzeugt. Der Wirtschaftswissenschaftler regt per Buch an, Venedig und andere Hotspots mit neuester Technologie zu reproduzieren.

Zugegeben, das Wort Übertourismus scheint auf den ersten Blick schlecht in die Corona-Zeit zu passen. Statt Overtourism erleben die meisten Städte und Destinationen derzeit ein historisches Tief von Touristen.

Es herrscht ein Mass an Undertourism, wie wir es seit 50 Jahren nicht mehr gesehen haben. Dieser Tage hat die World Tourism Organization Bilanz gezogen über das schlechteste Tourismusjahr aller Zeiten.

Übertourismus-Idee in Zeiten von Undertourism

Wenn das Coronavirus aber dereinst unter Kontrolle ist, werden wir sehr schnell zu den Zuständen zurückkehren, wie wir sie vor 2020 kannten. Das jedenfalls prognostizieren viele Touristik-Auguren.

Die Experten sagen: Reiseziele wie Venedig, Dubrovnik, Barcelona oder das österreichische Hallstatt werden nach Corona wieder von übergrossen Massen heimgesucht. Und damit erneut Opfer des Overtourism.

Venedig nachbauen: Die Idee des Bruno S. Frey

Auch Bruno S. Frey ist überzeugt, dass sich der Übertourismus bald wieder zeigen wird. Der Schweizer Wirtschaftswissenschaftler ist einer der meistzitierten Pioniere der Ökonomischen Theorie der Politik und der ökonomischen Glücksforschung. Ferner gilt Frey als führender Forscher im Bereich der Ökonomie der Kultur.

Jetzt lanciert Frey einen radikalen Vorschlag, um den Übertourismus zu bändigen. In seinem Buch «Venedig ist überall – vom Übertourismus zum neuen Original» regt er an, Venedig und andere Hotspots eins zu eins nachzubauen. Um so Druck vom Original zu nehmen, um Dichtestress fernzuhalten von der Stadt, von Einheimischen und Touristen.

Ist das wirklich der Ernst des renommierten Ökonomen? Der Internaut fragt nach.

Übertourismus: Bruno S. Frey über sein Buch «Venedig ist überall – vom Übertourismus zum neuen Original»
Bruno S. Frey, glaubt dass der Übertourismus bald zurückkommt: «Der Reise-Nachholbedarf ist riesig». (Bild: zvg)

Einer grösseren Allgemeinheit sind Sie vor allem als einer der Pioniere der Glücksforschung bekannt. Warum nun ein Buch über Tourismus und Übertourismus?
Weil ich mich gerne mit Dingen beschäftige, die mich überraschen. Kurz vor Ausbruch der Pandemie war ich wieder einmal in Venedig. Und dort überraschten mich gleich zwei Dinge. Erstens: Wie komplett übertouristisiert die Stadt war. Und zweitens: Dass dies so überhaupt toleriert wird.

Dazu haben Sie ein Buch geschrieben und beschäftigen sich in «Venedig ist überall» mit dem Thema des Übertourismus oder Overtourism. Der Zeitpunkt scheint höchst unpassend –  denn mit Corona grassiert nun weltweiter Untertourismus oder Undertourism.
Tatsächlich gab es in den letzten 500 Jahren scheinbar keinen falscheren Zeitpunkt für dieses Thema als jetzt. An Aktualität fehlt es aber nicht. Ich bin überzeugt: Nach der Pandemie werden wir sehr schnell wieder die gleichen Übertourismus-Zustände haben wie zuvor.

Sonnenuntergang in Vendig, Beitrag Reiseblog der Internaut
Venezia im touristischen Dämmerzustand. Aber der Touristenansturm setzt wohl bald wieder ein. (Bild: Pixabay)

Was macht Sie da so sicher?
Der Reise-Nachholbedarf ist riesig. Besonders junge Leute haben das Gefühl, sie hätten in der Pandemie das halbe Leben verpasst. Sobald sie wieder reisen können, werden sie das tun. Und damit wird auch der Übertourismus wieder zum Thema.

Dazu präsentieren Sie in Ihrem Buch einen erstaunlichen Lösungsansatz. Man solle, schreiben Sie, kulturelle Hotspots wie Venedig identisch an einem anderen Ort kopieren. Was soll das bringen?
Da gibt es zwei hauptsächliche Aspekte. Erstens soll damit das tatsächliche Venedig entlastet werden. Zweitens sollte das identisch replizierte Venedig – ich verwende dafür das Wort des «Neuen Originals» – so mit neuer Technologie ausgestattet sein, dass Besucher mit allen Sinnen eintauchen können darin. Der Ort müsste so gut gewählt sein, dass er von der Infrastruktur her problemlos zu besuchen ist – ohne die Überlastung, wie man es in Venedig, Dubrovnik und in anderen Übertourismus-Hotspots kennt.

«In meiner Vision müsste Venedig massstabsgetreu nachgebaut werden und nicht als blosse Casino-Kulisse auferstehen.»

Bruno S. Frey, Ökonom und Buchauror «Venedig ist überall»

Ein Besuch mit Virtual-Reality-Brille und Datenhelm?
Das wäre wohl zu umständlich. Ich kann mir eher vorstellen, dass in einem solchen Neuen Original Hologramme zum Einsatz kommen. Es müsste ein komplett immersives Erlebnis sein, so dass man also beispielsweise in einem Venedig des 16.  oder 17. Jahrhunderts herumspazieren oder den Karneval hautnah erleben könnte.

Ein nachgebauter Canal Grande oder eine Pyramide fernab des Nils – so etwas kennt man beispielsweise in Las Vegas. Sind das Ihre Vorbilder?
Was man dort sieht, hat mit dem Original rein gar nichts zu tun. In meiner Vision müsste Venedig massstabsgetreu nachgebaut werden und nicht als blosse Casino-Kulisse auferstehen. Ein Vorgeschmack ist in Macao zu besichtigen: Dort wurde der Dogenpalast wirklich phantastisch nachgebaut. Mindestens die Fassade.

Venedig ist überall, Buch von Bruno S. Frey zum Overtourism
Schmales Buch, radikaler Vorschlag: «Venedig ist überall» von Bruno S. Frey. (Bild: Internaut)

In der Regel raten Ökonomen und Vertreter der touristischen Wirtschaftswissenschaft, mit Maßnahmen wie Eintrittsgebühren und Beschränkung der Zutrittszahlen den Druck von kulturtouristischen Hotspots wegzunehmen und damit das Angebot zu verringern. Sie hingegen schlagen quasi die Ausweitung des Angebots vor. Weshalb?
Solche Massnahmen und Einschränkungen haben immer einen unfairen Charakter. Wenn nur noch zahlungskräftige Touristen Einlass erhalten, benachteiligt das alle anderen.

Selbst wenn dereinst irgendwo ein Venedig 2 stehen sollte – wollen die Touristen nicht doch explizit das Original sehen und für sich selber entdecken?
Statt «Venedig 2» ist mir der Begriff «Neues Original Venedig» lieber. Aber zurück zur Frage: Wenn das nachgebaute Venedig dem Original sehr nahe kommt und dabei von der Infrastruktur her mehr bietet – etwa optimale Plätze fürs obligate Selfie, leichte An- und Abreise und gutes Hotel-Angebot – dann kann es, auch durch all seine technologischen Finessen, für viele Touristen attraktiver sein als das sogenannte Original. Vor der Pandemie wurde Venedig an Spitzentagen von 130 000 Menschen besucht. Wenn sich dereinst 65 000 davon das Neue Original anschauen, wäre schon einmal viel erreicht. Kommt dazu: Einem reinen «Selfie-Touristen» würde das Neue Original vielleicht sogar besser gefallen als das Original. Weil der Nachbau einfacher zu besuchen ist.

Ihre Vorschläge sind aber noch radikaler: Im Buch regen Sie auch an, gleich ein halbes Dutzend italienischer Städte – Verona, Siena, Pisa, Padua, Bergamo und Vicenza – an einem Ort masstabsgetreu nachzubauen. Meinen Sie das wirklich ernst?
Warum auch nicht?

Wenn wir zur kleineren Variante des Venedig-Nachbaus zurückkehren, drängt sich eine Frage an den Ökonomen auf: Was würde denn das so in etwa kosten?
Dazu habe ich keine Annahmen getroffen. Vielleicht müsste auch nicht ganz Venedig nachgebaut werden. Alternativ könnte man sich auf eine identische Kopie der wichtigsten Merkmale konzentrieren. Im Falle von Venedig wären das der Dogenpalast, die Markuskirche, der Markusturm, die Rialtobrücke sowie jene Teile des Canal Grande, die von dort aus sichtbar sind.

«Wenn man gesehen hat, wie die Chinesen in wenigen Tagen ein ganzes Spital bauen können, dann müsste sich Venedig doch gewiss in einem Jahr nachbauen lassen»

Bruno S. Frey, Ökonom und Buchautor «Venedig ist überall»

Auch dieses Quintett ist immer noch eine monströse Investition. Wer sollte dafür eine Motivation haben, so etwas bauen und finanzieren wollen?
Es würde wohl auf eine Public-Private-Partnership hinauslaufen. Also eine Zusammenarbeit zwischen einem Land und einem sehr tatkräftigen Unternehmer.

Darf man eine Stadt überhaupt einfach so tel-quel nachbauen? Oder gibt es da irgendwelche Copyrights, die das verbieten?
Es gibt sicher Verbote – deshalb glaube ich, dass eine enge Zusammenarbeit mit staatlichen Behörden notwendig ist. Eine Public-Private-Partnership ist wohl angemessen.

Wie lange würde der Bau eines Fake-Venedig Ihrer Meinung nach dauern?
Wenn man gesehen hat, wie die Chinesen in wenigen Tagen ein ganzes Spital bauen können, dann müsste sich Venedig doch gewiss in einem Jahr nachbauen lassen. 

Übertourismus vermeiden: Venedig soll nachgebaut werden, regt Ökonom Bruno S. Frey an
Venedig doppio. Links: Das Original. Rechts. Das neue Original. (Bild: Pixabay)

Wo müsste da nachgebaute Venedig vernünftigerweise zu stehen kommen? Am ehesten wohl in Fernost, damit der Übertourismus-Druck aus dieser Gegend etwas abnimmt? In China oder Indien vielleicht?
Weder noch. Am besten würde man eine Venedig-Replika in Italien aufbauen, damit möglichst viel vom Original-Ambiente des Landes zu spüren wäre. Idealerweise natürlich am Wasser, irgendwo an der Adria.

Ein «Neues Original Venedig» in Rimini oder in Cattolica?
Nein. Diese Orte haben schon ihren touristischen Stellenwert. Am besten stünde ein nachgebautes Venedig in einer italienischen Ortschaft ohne bekannten Namen. Also eine Gegend, die noch nicht auf der touristischen Landkarte steht.

Venedig menschenleer: So sah es während Corona Zeiten aus. Ein Ökonom hat dazu eine Idee
Lagunenstadt ohne Dichtestress: Das soll mit dem Neuen Original Venedig erreicht werden. (Bild: Pixabay)

Wäre ein solches Neues Original von Menschen bewohnt? Oder hat es bloss musealen Charakter?
Ja, das wäre prima, wenn die neuen Originale auch bewohnt wären.

Reicht eine einzige Venedig-Replika? Oder wie viele Venedigs müssten es Ihrer Meinung nach sein, um bald aufs Neue entfesselten Übertourismus zu bändigen?
Bezüglich Venedig reicht ein einzelnes Neues Original. Aber Dubrovnik braucht wohl auch eines.

Autor:in

Andreas Güntert

Andreas Güntert

andreas.guentert@derinternaut.ch

Seit 1994 erforscht und beschreibt Andreas Güntert hauptberuflich als kritischer Sympathisant der Wirtschaft die Schnittstellen von Konsum, Gesellschaft und Reise-Industrie. Als der Internaut lotet er ausserdem das Reise-Internet aus. Er findet Nützliches, Begeisterndes und manchmal auch Absurdes. Der Internaut ist ein Reise-Storyteller.

Kommentare

4 Kommentare
  1. Rolf Spittel

    Es erscheint mir eher wahrscheinlich, dass man eine Art von Visier vor den Augen herunterklappt und virtuell sämtliche von Lonely Planet als Must-Ziele bezeichneten Orte in 3-D Vision besucht. Dabei spielen die Sponsoren Amazon und Just-Eat eigenes für uns personifizierte Produkte ein, welche der Internaut dann direkt bestellt. Warum soll man überhaupt noch verreisen? Dank Covid-19 muss man nicht einmal mehr die Arbeitsstelle aufsuchen – alles wird von zu Hause aus organisiert.

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    • Andreas Güntert

      Danke für Deinen Input! Kann es wirklich sein, dass ein ehemaliger Reiseleiter anregt, gar nie mehr zu verreisen? Das wäre dann eine etwas trostlose Vision. Oder war da, was ich stark vermute, eine Prise Rolfito-Ironie im Spiel?

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      • Rolf Spittel

        Mein satirisch angehauchter Input entstammt Beobachtungen aus meiner Umwelt. Die Leute werden immer träger – aber ihr sinnloser Konsum leidet nicht darunter.

        Antworten
        • Andreas Güntert

          Ah, muy bien, dann hab ich die feine Irone oder Satire also richtig rausgespürt!

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