Wie viel Vertrauen verdient die Welt? Radschläge von zwei Veloverrückten, die sie über ein Jahrzehnt bereisten.

Sorry, liebe Bernerinnen und Berner! Lange Zeit war die Starke Strecke Lorrainestrasse der am meisten angeklickte Internaut-Beitrag aller Zeiten. Doch letzte Woche ordnete sich die Spitze neu: Der Beitrag über ein weitgereistes Paar und dessen vertrauensvollen Blick auf die Menschheit schoss raketengleich von null auf Platz eins hoch. «Der Mensch ist gut» – das bringt offenbar bei ganz vielen Menschen eine Saite zum Klingen.

Zweite Quelle. Dabei war ich mir beim Schreiben nicht so ganz sicher: Kann man von zwei Leuten, die per Anhalter um die Welt reisen und durchgehend gute Erfahrungen machen in der Fremde, schon den positiven Schluss vom «guten Menschen» ziehen?

Als Journalist brauche ich in aller Regel eine zweite, unabhängige Quelle, um eine starke Aussage zu machen. Vor wenigen Tagen sprudelte Quelle zwei. Sie ist ziemlich gut. Waren Gwen Weisser und Patrick Allgaier dreieinhalb Jahre unterwegs, so konnte ich das Thema nun mit zwei Menschen vertiefen, die etwas länger ums Erdenrund kurvten. Konkret: Dreizehn Jahre lang. Per Velo.

Zwei Veloverrückte: Monika Estermann und Robert Spengeler bereisten 13 (ja, dreizehn) Jahre lang die Welt. (Bild: Velocos)

Dass man ein gewisses Mass an Verrücktheit braucht für ein solches Unterfangen, ist dem Schweizer Paar Monika Estermann und Robert Spengeler bewusst. Sie machten es sich gleich zur Affiche: Moni und Robi nennen sich «Velocos», ein Kofferwort aus «Velo» und «Locos» (Spanisch für «Verrückte»). Im Jahr des Herrn 2004 ­­– Facebook war eben erst gegründet worden, im Weissen Haus drehte Bush junior seine Schlussrunde, an der hiesigen Hitparaden-Spitze stand das unglaubliche «Dragostea Din Tei, und bis zum ersten iPhone dauerte es noch drei Jahre – radelten Moni und Robi in Zürich-Höngg los. Um dann Ende 2017, nach der Schlussetappe durch den afrikanischen Kontinent und den Balkan, in die Schweiz zurück zu rollen.

Tachostand nach dreizehn Jahren: 101 024 Kilometer auf dem Velo und über 22 000 nautische Meilen (40 000 Kilometer) an Deck von verschiedenen Schiffen. Monika und Robi bewältigten somit die gesamte Strecke über Land und auf dem Seeweg ohne zu fliegen.

Man muss Menschen mögen. Was Moni und Robi erzählen, tönt in wesentlichen Punkten ähnlich wie das, was das Duo von «Weit um die Welt» berichtete. Die beiden wurden nie überfallen, erfolgreich bestohlen oder sonstwie existenziell bedroht. Sie wurden oft spontan beschenkt und eingeladen. Türkei, Iran, Pakistan und die USA zählen zu den gastfreundlichsten der 64 befahrenen Länder: «Alles», sagt der Veloco, «basiert auf Vertrauen.» Und: «Man muss Menschen mögen – und auf sie hören.»

Menschen-Konvoi im Iran. (Bild: Velocos)

Etwa, wenn sie vor Gefahren warnen: «In Nairobi», erzählt Moni, «wollten wir uns mal nach 19 Uhr draussen noch ein wenig die Füsse vertreten. Doch davon riet uns ein Local ab, weil es auch für die Einheimischen zu gefährlich sei nach Einbruch der Dunkelheit» Der Eingeborene habe ihnen dann bei einem Drink die ungeschriebenen Gesetzte der Stadt erklärt.

Mit den Jahren, sagen die zwei, hätten sie ein gutes Gefühl für Menschen, Chancen und die Vorahnung brenzliger Situationen entwickelt: «Wir sind immer gut damit gefahren, auf Menschen einzugehen, dabei aber auch gewisse Grenzen aufzuzeigen. Am besten strahlt man eine gewisse Selbstsicherheit aus, die aber nicht als Arroganz wahrgenommen werden soll.»

Tour nach der Tour. Die wichtigsten Rat-, oder besser noch, Rad-Schläge: Generell sei es auf dem Land, wo jeder jeden kennt und so eine gewisse Sozialkontrolle spielt, sicherer als in Städten. Wobei: «Am gefährlichsten sind oft nicht die Cities selber, sondern die Gebiete davor und dahinter», sagt Veloca Moni, «sowie Ballungspunkte in Grenzstädten und bei Grenzübergängen.» Dort habe es sich bewährt, Abstand zu wahren und auch mal einen Pfefferspray an der Lenkstange baumeln zu lassen.

Heikelste Situation in dreizehn Jahren; In Nicaragua wollten drei Halbwüchsige Monis Velo klauen, alle Velocos-Wertsachen inklusive. «Als ich dem Trio schreiend hinterherrannte, liessen sie das Fahrrad schliesslich liegen.»

Davon und von vielen anderen Dingen werden Moni und Robi nun auf ihrer Velocos-Präsentationsreise, der Tour nach der Tour, in Bild und Ton erzählen. Eines der Elemente wird ein Planet sein, der unser Vertrauen verdient. Pedalen wir also noch einmal verbal zurück zum Titel: «Der Satz „Der Mensch ist gut“ stimmt», sagt Robi, «ich kann ihn unterschreiben.»

Nicht nur die Schweizer fahren schwer beladen. Schnappschuss aus Uganda. (Bild: Velocos)

Virus eingepflanzt. Wobei man Menschen wie die Velocos natürlich schon auch fragen möchte: Ist nach unglaublichen dreizehn Jahren jetzt wirklich fertig gereist und auspedalt? Final beantworten können das Leute vom Schlage der Veloverrückten nicht. Was sie sagen: «Für den Moment ist die Reise fertig. Aber das Virus ist natürlich eingepflanzt.»

Tröstlich für Normalos ist es immerhin zu hören, dass sich auch Weltnomaden wie Monika und Robi überwinden müssen. Bei einem Thema, das rein gar nichts mit fremden Menschen zu tun hat. Sondern mit sich selber: «Packen ist immer das anstrengendste.»

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